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Politik

Wie viel Wirtschaftswachstum können wir uns leisten?

Die Corona-Pandemie bringt derzeit viele Veränderungen mit sich - sowohl im Alltag als auch in der Wirtschaft. Autorin Sibylle Barden blickt in diesem Essay auf unser Wirtschaftssystem und widmet sich der Frage, wie viel Wirtschaftswachstum sich die Weltgemeinschaft nach der Corona-Krise leisten kann. Was können wir durch die Krise lernen und ändern?

20.05.2020

Wie viel Wirtschaftswachstum können wir uns leisten?

Nahezu 71 Millionen Menschen sind laut UNHCR auf der Flucht vor Klimawandel, Konflikt und Krieg. 90 Prozent aller Vögel und Fische, so das World Economic Forum, haben Plastikpartikel in ihren Mägen. Böden, Wälder und Wasser werden in schwindelerregendem Ausmaß für unseren Konsum zerstört. Der Weltbankenverband verkündet, Staaten und Privatsektor haben 250 Billionen Dollar Schulden angehäuft, was rund 320 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht. Diese Zahlen stammen aus der Vor-Covid-19-Zeit. Wie viel Wirtschaftswachstum kann sich die Weltgemeinschaft leisten, wenn dieses gleichzeitig unsere Lebensgrundlage vernichtet? 

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In der Geschichte hat es immer Warnschüsse gegeben

Eine Warnung kam 2008 als globale Finanzkrise. Sie kam als Sturm über uns herein. Entsetzt haben wir für einen kurzen Augenblick verstanden, dass die Welt, in der sich alles um Konsummaximierung und schnelle Bedürfnisbefriedigung dreht, im Desaster enden kann. Wer ständig damit beschäftigt ist seinen Anteil einzufordern, ignoriert, dass dafür ein Preis zu zahlen ist. Den Preis zahlten die armen Länder, die Natur, unsere Infrastruktur, unsere Gesundheits- und Sozialsysteme. Der Kreislauf des Konsums erfordert eine radikale Durch-Ökonomisierung. Haben wir seitdem etwas anders gemacht?

Weltwirtschaft, Schulden und ein bißchen Wirtschaftsleistung

Nach der globalen Finanzkrise war sich die Welt einig: die Finanzstrukturen müssen geändert werden, die Politik muss das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich reduzieren, die gesamte Gesellschaftsstruktur muss überdacht und überarbeitet werden. Eine geschockte Elite diskutierte 2009 und 2010 beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos das Ende des Kapitalismus. Man wollte mehr Fairness und eine gerechtere Gesellschaft. Immerhin saß im Weißen Haus ein Präsident, der genau dafür stand. Alles klang glaubwürdig. Es folgten unzählige Rettungsaktionen, bis die Staaten genauso verschuldet waren wie die Privatwirtschaft... Plötzlich machten die ersten Unternehmen und Investmentbanken wieder Gewinne – und Reformen wurden auf Eis gelegt. Regierungen, völlig benommen von dem Finanzschock, zogen sich zurück. Zu kompliziert schien das Gefilde der internationalen Finanzverwicklungen. Die Welt folgte wieder dem Mantra des Wirtschaftswachstums, wohlwissend, eine neue Windböe würde das gesamte System erschüttern.

Dann kommt das Virus und trifft auf...

Die westlichen Gesundheitssysteme sind so weit heruntergefahren, dass es an Mindestausrüstungen für das medizinische Personal mangelt. Viele Ärzte und Schwestern müssen sich privat via Internet mit Atemschutzmasken versorgen. In Großbritannien werden die Bürger bis heute aufgerufen, den Nationalen Gesundheitsdienst, NHS, zu schützen und zuhause zu bleiben. Was zu vielen Herzinfarkt- und Schlaganfall-Toten im eigenen Heim führte, weil die Kranken nicht wagten, den Notdienst anzurufen. Die Politik ist seit Dekaden damit beschäftigt, die Bedürfnisse der Wirtschaft, Finanzwirtschaft und der einflussreichsten Unternehmer der Welt zu befriedigen, so dass für die Bevölkerung nur Kürzungen
übrigbleiben. Bisher diente die Globalisierung vor allem der Wirtschaft. Höchste Zeit, dass sie auch der Gemeinschaft dient.

Die Schere zwischen arm und reich wird in Deutschland immer größer.
Die Schere zwischen arm und reich wird in Deutschland immer größer.

Deutschland führt in Europa – bei der Ungleichheit

Zieht man den Ungleichheitsbericht der Hilfsorganisation Oxfam von 2018 heran, wird Deutschland als „Ungleichland“ bezeichnet. Die Vermögen hierzulande seien trotz des Wirtschaftsbooms sehr ungleich verteilt. Zwischen 2016 und 2017 sei das Vermögen des reichsten Prozents in Deutschland um 22 Prozent gestiegen, das der ärmeren Hälfte nur um drei Prozent. Innerhalb der Euro-Zone sei die Kluft zwischen Arm und Reich nur noch in Litauen größer.

Laut Oxfam besitzen die 42 reichsten Menschen der Welt so viel Vermögen wie die 3,7 Milliarden Menschen der ärmeren Hälfte zusammen. Wer profitierte bisher vom Wirtschaftswachstum? Oxfam: „Im vergangenen Jahr flossen 82 Prozent des weltweiten Wachstums in die Taschen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung.“ Ein Prozent! Das bedeutet umgekehrt: 99 Prozent der Weltbevölkerung teilen sich 18 Prozent des Wirtschaftswachstums. Die Gewinner von heute und morgen sind die Gewinner von gestern und vorgestern.

Die Welt will nicht zurück zu dem alten „Normal“

Auch wenn wir den Höhepunkt von Corona passiert haben werden, wird eine Erholung der Volkswirtschaften, der Sozial- und Gesundheitssysteme, die Arbeit internationaler Organisationen, die Reduzierung von Armut und Schulden viele Jahre dauern, vielleicht Jahrzehnte. Statt Wirtschaftswachstum erleben wir einen Wirtschaftseinbruch. Und dieser erzeugt neue Wellen: Von der Zunahme der weltweiten Arbeitslosigkeit durch das Wegbrechen von Unternehmen und Handel, bis zur Schwächung von Demokratien bei gleichzeitiger Stärkung nationalistischer Bewegungen. Nicht zu vergessen, das Klima. Wohin man schaut: Negative Ausblicke.

Zeit für ein neues Fundament, einen neuen Gesellschaftsauftrag

Wir müssen uns öffnen für ein neues Denken, ein neues Miteinander, eine neue Form der Zusammenarbeit. Es liegt auch an uns Bürgern, jetzt neue Pläne und Zukunftsvisionen überzeugend einzubringen, um den Kurs für die Gesellschaft neu auszurichten. Niemand anderes wird dies für uns tun. Wir können uns dabei an Barack Obamas Worte halten, der bis heute nicht müde wird zu predigen: „Wir sind nicht hier, um uns vor der Zukunft zu fürchten. Wir sind hier, um sie zu gestalten.“ Die Abwendung vom Quartals- und Aktionärskapitalismus, hin zu einem Stakeholder-Kapitalismus für alle Interessensgruppen, wäre ein guter erster Schritt. 

Der Honiganzeiger zoom

Die Autorin

Sibylle Barden ist Publizistin. In ihrem 2019 erschienenem Wirtschaftsthriller „Der Honiganzeiger“ zerstört ein tödliches Virus erst Leben, dann unsere Weltordnung. Europa zerbricht, und im Jahr 2028 teilt sich die internationale Oligarchie die Welt untereinander auf. Das Buch ist zu erwerben bei genialokal.de, dem Dienst, der den lokalen Buchhandel unterstützt.

Quelle: UD
 

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