Quo vadis Deutschland? Führungskräfte fordern mutigen Kurswechsel
Rückläufige Produktivität, Fachkräftemangel, geopolitische Unsicherheit und der Druck zur ökologischen Transformation: Deutschland steckt in einer tiefen Strukturkrise. Mehr als 40 Führungspersönlichkeiten der deutschen Wirtschaft haben sich nun in einem vertraulichen Wirtschaftsdialog zusammengefunden und konkrete Forderungen an Politik und Unternehmen formuliert. Ihr gemeinsames Fazit: Nur wer jetzt mutig handelt, kann Deutschland als Industriestandort retten.
07.05.2026
Der Befund ist ernüchternd. Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erodiert – und zwar nicht nur wegen konjunktureller Schwäche, sondern aus strukturellen Gründen, die sich über Jahre aufgestaut haben. Unzureichende Investitionen, eine veraltete Verwaltungsinfrastruktur, fehlende Fachkräfte und eine schleppende ökologische Transformation bilden zusammen ein Bild, das führende Ökonomen schon seit Langem beunruhigt. Nun hat die Initiative „Zusammen Zukunftsfähig“ – getragen von Mission Wertvoll, der Bertelsmann Stiftung und der ReAct-Initiative – erstmals mehr als 40 Wirtschaftslenker an einen Tisch gebracht, um gemeinsam Antworten zu entwickeln.
Das Ergebnis ist ein sogenannter Action Brief, der sowohl die Verpflichtungen der Wirtschaft als auch klare Erwartungen an die Politik formuliert. Das Dokument ist keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern ein strukturierter Forderungskatalog mit konkreten Maßnahmen. „Politik und Wirtschaft müssen mutiger und im Big-Picture-Modus handeln – weniger kleinteilig, schneller, strategischer und mit einer klaren gemeinsamen Zielrichtung“, heißt es darin unmissverständlich.
Was die Wirtschaft selbst tun will
Die beteiligten Führungspersönlichkeiten bekennen sich ausdrücklich zu ihrer eigenen Verantwortung. In drei zentralen Handlungsfeldern wollen sie vorangehen: bei der Umsetzung von Innovation, bei der Übernahme unternehmerischer Verantwortung für die Transformation – und beim Thema Talente. Konkret bedeutet das unter anderem den schnelleren Einsatz digitaler und KI-basierter Lösungen in den Unternehmen, eine stärkere Kooperation mit Startups und Universitäten sowie den Aufbau von Corporate-Venture-Fonds. Darüber hinaus sollen flexible Arbeitsmodelle ausgebaut und die Integration internationaler Fachkräfte aktiv gefördert werden – nicht als politische Pflichtübung, sondern als strategische Notwendigkeit.
Beim Thema Nachhaltigkeit setzt der Brief auf Transparenz statt auf Symbolik: Unternehmen sollen nachvollziehbare Transitionspläne vorlegen, die zeigen, wie die Dekarbonisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette gelingt. Gleichzeitig warnen die Unterzeichner vor einer Beschränkung auf nationale Lösungen. Die beteiligten Führungspersönlichkeiten bekennen sich ausdrücklich zu einem europäischen Gestaltungsanspruch – denn viele der Herausforderungen, so die Einschätzung, lassen sich nur auf EU-Ebene wirklich lösen.
Drei Forderungen an die Politik
Gegenüber der Politik formuliert das Papier drei Kernanliegen, die es in sich haben. Erstens: Der staatliche Ordnungsrahmen muss modernisiert werden. Bürokratieabbau, Digitalisierung der Verwaltung nach dem Prinzip „digital first“ und die Nutzung öffentlicher Beschaffung als Hebel für Zukunftstechnologien stehen dabei ganz oben. Auch eine europäische Kapitalmarktunion – im Dokument als „Spar- und Investitionsunion“ bezeichnet – sowie die Schaffung von Experimentierräumen für neue Technologien werden eingefordert. Hintergrund ist die Sorge, dass Deutschland im internationalen Innovationswettbewerb mit den USA und China zunehmend den Anschluss verliert.
Zweitens verlangt der Brief einen entschlosseneren Kurs bei der Energiewende. Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit seien kein Widerspruch, heißt es – aber nur, wenn die Politik endlich verlässliche Rahmenbedingungen schaffe. Dazu gehören stärkere Kohlendioxid-Preissignale, ein schnellerer Netzausbau und mehr Investitionssicherheit für private Akteure. Die Stärkung der europäischen Energie- und Rohstoffunabhängigkeit wird als strategisch zentral bezeichnet – ein Verweis auf die Lehren aus dem russischen Gaskrieg.
Drittens steht die Fachkräftepolitik im Fokus. Der Arbeits- und Fachkräftemangel sei „zu einer der größten Wachstumshürden geworden“, so das Papier. Die Lösung liege in einem Dreiklang: höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen durch flächendeckende Ganztagsbetreuung, gezielte Qualifizierungsoffensiven für die rund 2,89 Millionen Arbeitslosen – und eine deutliche Vereinfachung der Fachkräftezuwanderung. Als Vorbild wird das kanadische Punktesystem genannt; Bearbeitungszeiten für Visa sollen auf maximal drei Monate reduziert werden.
Ein Appell, der Wirkung erzielen will
Was diesen Action Brief von ähnlichen Papieren unterscheidet, ist der explizite Anspruch, nicht nur zu beschreiben, sondern zu bewegen. Die Unterzeichner fordern eine positive Zukunftsvision, die Chancen betont statt Krisen zu verwalten – und eine enge Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, getragen von Vertrauen und klaren Rollen. Ob dieser Appell in Berlin und Brüssel Gehör findet, bleibt abzuwarten. Die Dringlichkeit, die das Dokument ausstrahlt, lässt jedenfalls keinen Zweifel: Die Zeit für kleinteiliges Denken ist vorbei.