Nachhaltiger Kohlenstoff: Neue Strategien für eine klimaneutrale Chemieindustrie
Ein neues Diskussionspapier der Initiative IN4climate.NRW zeigt, wie die deutsche Chemieindustrie ihren Kohlenstoffbedarf nachhaltig decken kann – ohne zwingend auf Importe angewiesen zu sein. Kunststoffrecycling, Biomasse und Kohlendioxid sollen künftig zentrale Rollen übernehmen. Doch damit die Branche klimaneutral und wettbewerbsfähig bleibt, braucht es jetzt klare politische Leitplanken und Investitionen in moderne Infrastruktur.
11.02.2026
Ob Waschmittel, Klebstoffe, Lacke, Farben oder Kunststoffe – die Produkte der Chemieindustrie sind allgegenwärtig. Die Mehrheit basiert auf Kohlenstoff. Noch stammen rund 85 Prozent davon aus fossilen Quellen. Das von Unternehmen, Verbänden und Forschungseinrichtungen unterstützte IN4climate.NRW-Diskussionspapier zeigt robuste Strategien auf, mit denen Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 in der chemischen Industrie erreicht und die Wettbewerbsfähigkeit erhalten werden kann.
„Die Komplexität der Chemie ist Herausforderung und Chance zugleich. Die Vielfalt der Produkte und Reaktionswege macht die Rohstofftransformation zwar anspruchsvoll, bietet aber auch die Möglichkeit, durch die Entwicklung innovativer Verfahren auf Basis nachhaltiger Quellen Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Gerade die chemische Industrie in Nordrhein-Westfalen, die für Grundstoffe ebenso steht wie für Spezialprodukte, kann hier zum Vorreiter werden. Damit dies gelingt, werden zeitnah die passenden Rahmenbedingungen benötigt“, betont Dr. Katharina Schubert, Geschäftsführerin der Landesgesellschaft NRW.Energy4Climate.
Die Ergebnisse des Diskussionspapiers zeigen, dass eine inländische Versorgung grundsätzlich möglich ist, sofern alle nachhaltigen Kohlenstoffquellen – Kunststoffabfälle, Biomasse und Kohlendioxid – konsequent mobilisiert und deren Verarbeitungsprozesse technologisch weiterentwickelt werden. So muss das mechanische Kunststoffrecycling im Sinne einer effizienten Kreislaufwirtschaft weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig sind für das chemische Kunststoffrecycling insbesondere in Nordrhein-Westfalen zeitnahe Standortentscheidungen und Investitionen erforderlich. Für den Bereich Biomasse ist vor allem relevant, dass verfügbare Mengen gemäß dem Kaskadenprinzip vorrangig stofflich und effizient genutzt werden, etwa für Biopolymere oder Spezialchemikalien. Um Nutzungskonkurrenzen zu vermeiden, ist eine strategische Priorisierung erforderlich, der eine Analyse der regionalen Verfügbarkeit für die NRW-Industrie vorangehen muss. Darüber hinaus wird die Nutzung von Kohlendioxid für die Chemiebranche zukünftig immer wichtiger. Dabei sollte der Einsatz konsequent auf geschlossene Kohlenstoffkreisläufe ausgerichtet sein. Insbesondere bei kurzlebigen oder nicht kreislauffähigen Produkten, beispielsweise Verpackungen, eignet sich biogenes Kohlendioxid. Bei der Planung von Transport- und Infrastrukturnetzen müssen diese Mengen frühzeitig mitgedacht werden.
Die Initiative betont, dass aufgrund der langen Vorlaufzeiten für die Einführung neuer Technologien schon heute geeignete Rahmenbedingungen benötigt werden, zum Beispiel in Form von politischen Strategien mit gezielt priorisierenden Förderprogrammen, Leitmärkten für defossilisierte Produkte und klaren Perspektiven für den schnellen Ausbau erforderlicher Transportinfrastrukturen. Ein koordiniertes Gesamtkonzept ist zentral für die zukünftige Versorgung der Chemieindustrie mit nachhaltigem Kohlenstoff und das Fundament ihrer Wettbewerbsfähigkeit.