Kreislaufwirtschaft aus Buchenholz: Wie proFagus industrielle Nachhaltigkeit neu definiert
Kreislaufwirtschaft gilt als Schlüsselkonzept für eine nachhaltige Industrie, doch nur wenige Unternehmen setzen sie konsequent um. Die proFagus GmbH aus Bodenfelde geht hier seit Jahrzehnten einen eigenen Weg und bezeichnet sich als einzige Bioraffinerie für Buchenholz in Westeuropa. Was auf den ersten Blick nach einem technischen Begriff klingt, beschreibt in der Praxis ein Produktionsmodell, das auf maximale Ressourceneffizienz, emissionsarme Prozesse und die vollständige Nutzung eines nachwachsenden Rohstoffs setzt.
29.01.2026
Eine Bioraffinerie – mehr als nur Holzkohle
Als Bioraffinerie versteht proFagus einen industriellen Ansatz, bei dem Buchenholz nicht nur zu einem einzigen Produkt verarbeitet wird, sondern vollständig in unterschiedliche hochwertige Stoffströme aufgeschlossen wird. Im Zentrum steht dabei das sogenannte Retortenverfahren, ein geschlossenes, kontrolliertes thermisches Verfahren, das sich deutlich von offenen Meilern oder traditionellen Verkohlungsmethoden unterscheidet.
Während viele Holzkohleproduzenten sich ausschließlich auf die Herstellung von Grillkohle konzentrieren, nutzt proFagus das eingesetzte Holz ganzheitlich. Neben hochwertiger Buchenholzkohle entstehen im Prozess zahlreiche Nebenprodukte, die gezielt aufgefangen, weiterverarbeitet und industriell genutzt werden. Abfälle im klassischen Sinne fallen dabei praktisch nicht an: 99,99 Prozent des eingesetzten Holzes werden stofflich oder energetisch verwertet.
Ökologische Vorteile durch Systemdenken
Der ökologische Mehrwert dieses Modells liegt vor allem im Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Zum einen sorgt die hohe Rohstoffeffizienz dafür, dass aus jeder eingesetzten Ressource ein maximaler Nutzen gezogen wird. Zum anderen arbeitet die Anlage weitgehend energieautark: Die im Prozess entstehenden Holzgasströme werden direkt als erneuerbare Prozessenergie genutzt, etwa zur Beheizung der Retorten oder zur Holztrocknung. Fossile Energieträger kommen nur in geringem Umfang zum Einsatz, etwa zum Starten und Stabilisieren des Prozesses.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die regionale Rohstoffbeschaffung. proFagus verarbeitet ausschließlich Buchenholz aus FSC®- oder PEFC-zertifizierten, nachhaltig bewirtschafteten Wäldern in der Region. Kurze Transportwege reduzieren Emissionen zusätzlich und stärken zugleich die regionale Wertschöpfung.
Auch aus Sicht des Emissionsschutzes bietet das geschlossene Retortensystem klare Vorteile: Offene Feuerstellen werden vermieden, entstehende Gase kontrolliert geführt und gereinigt. Dadurch lassen sich Emissionen deutlich reduzieren und gesetzliche Grenzwerte nicht nur einhalten, sondern häufig unterschreiten.
Kreislaufwirtschaft als gelebte Praxis
Das Ergebnis ist ein industrieller Kreislauf, in dem kein Stoff ungenutzt bleibt. Jeder Output des Prozesses hat einen definierten Nutzen, sei es als Produkt für die chemische oder Lebensmittelindustrie oder als Energiequelle innerhalb der eigenen Produktion. Damit zeigt proFagus, dass Kreislaufwirtschaft kein theoretisches Konzept bleiben muss, sondern auch im industriellen Maßstab wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll umsetzbar ist.
Biochemicals als nachhaltige Alternative zur Petrochemie
Ein zentrales Element des Bioraffinerie-Modells bei proFagus sind die sogenannten Biochemicals, also jene Stoffe, die neben der Holzkohle bei der thermischen Verarbeitung des Holzes entstehen und industriell weiterverwendet werden. Anders als in klassischen Anlagen, in denen diese Nebenprodukte ungenutzt entweichen oder entsorgt werden, verfolgt proFagus einen anderen Ansatz: Jeder Stoffstrom wird als wertvoller Rohstoff begriffen.
Die Bandbreite der Produkte ist bemerkenswert:
• Holzessig bzw. Essigsäure kommt in der Lebensmittelindustrie, in der Chemie, im Pharmabereich sowie in der Landwirtschaft zum Einsatz.
• Holzteer und Teeröle dienen als Rohstoffe für Bindemittel oder Spezialchemikalien in der Industrie.
• Pyrolyse-Kondensate, die sogenannten Raucharomen, bilden die Basis für natürliche Rauchgeschmäcker in Lebensmitteln.
• Holzgas, das während des Prozesses entsteht, wird als erneuerbare Energie direkt im Betrieb eingesetzt, zum Beispiel zur Beheizung der Retorten.
• Holzöl-Produkte werden als Grundlage für biobasierte Beschichtungen und Spezialanwendungen genutzt.
Was alle diese Produkte verbindet: Sie ersetzen Rohstoffe, die bislang auf fossiler Basis – meist Erdöl – produziert wurden.
Substitution mit System: Von fossilen zu erneuerbaren Stoffströmen
Die industrielle Bedeutung dieser Biochemicals wächst. Denn Unternehmen aus der Chemie-, Lebensmittel- und Verpackungsbranche stehen zunehmend unter dem Druck, ihre CO₂-Bilanzen zu verbessern und Scope-3-Emissionen zu reduzieren. Genau hier bieten die holzbasierten Lösungen von proFagus eine sofort einsetzbare Alternative, oft in 1:1-Substitution.
Ein Beispiel: Die bei proFagus gewonnene Essigsäure stammt aus zertifiziertem Buchenholz und ist vollständig biobasiert. Im Vergleich zur petrochemisch hergestellten Variante kann so ein signifikanter Beitrag zur Dekarbonisierung geleistet werden. Die Herkunft lässt sich u.a. durch C14-Analysen oder Nachhaltigkeitszertifizierungen (wie PEFC) belegen – ein klarer Vorteil für nachgelagerte Industriekunden.
Auch bei Raucharomen zeigt sich der Unterschied: Während viele synthetische Aromen aus chemischen Komponenten hergestellt werden, liefert proFagus natürliche Rauchstoffe direkt aus dem Holz, ohne Zusatzstoffe oder intensive energieintensive Prozesse.
Zertifizierte Nachhaltigkeit und Emissionskontrolle
Nachhaltigkeit bei proFagus ist kein Label, sondern ein systematisch geprüfter Prozess. Die gesamte Produktionskette, von der Holzbeschaffung bis zur Verwertung der Nebenprodukte, wird regelmäßig durch externe Prüfstellen auditiert.
Wichtige Nachweise:
• FSC® / PEFC-Zertifikate für nachhaltige Waldwirtschaft
• TÜV SÜD-geprüfte Treibhausgasbilanz, die sogar eine dokumentierte CO₂-Senke ausweist
• Strenge Abgasreinigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG)
• 99,99 % Rohstoffverwertung – also praktisch kein Abfall
Das Unternehmen demonstriert damit, dass ökologische Verantwortung und industrielle Effizienz keine Gegensätze sein müssen.
Nachhaltigkeit im Mittelstand: Empfehlungen aus der Praxis
Aus Sicht von proFagus ist nachhaltiges Wirtschaften kein isoliertes Projekt, sondern ein integraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Geschäftsführer Frank Höfer betont:
„Nachhaltigkeit beginnt mit der Haltung, jeden Rohstoff als Wertstoff zu begreifen und daraus konkrete Innovationen zu machen.“
Für andere Mittelständler ergeben sich daraus einige Inspirationen:
• Ganzheitlich denken: Nachhaltigkeit muss strategisch verankert sein.
• Ressourceneffizienz priorisieren: Jeder eingesparte Rohstoff zählt.
• Wertstoffströme erkennen und nutzen: Nebenprodukte können neue Geschäftsfelder eröffnen.
• Partnerschaften suchen: Kooperationen mit Hochschulen, Forschung und Industrie helfen bei der Entwicklung neuer Anwendungen.
• Transparenz zeigen: Ehrliche Kommunikation schafft Vertrauen.
Kritischer Blick auf den Rohstoff Holz
Natürlich steht die Holzkohlegewinnung auch in der Kritik: Immer wieder wird infrage gestellt, ob der steigende Bedarf an Grillkohle nicht auch nachhaltig bewirtschaftete Wälder unter Druck setzt.
proFagus nimmt diese Diskussion ernst und begegnet ihr mit konkreten Maßnahmen:
• Es wird ausschließlich Rest- und Schwachholz verarbeitet, das in der klassischen Forstwirtschaft nicht für höherwertige Nutzungen geeignet ist.
• Kein einziger Baum wird für die Produktion gefällt.
• Der Einkauf erfolgt ausschließlich aus zertifizierten, regionalen Quellen, mit klaren Mengenlimits und langfristigen Lieferverträgen.
• Keine Tropenholzimporte, keine instabilen Märkte, keine Ausbeutung von Natur oder Arbeitskräften.
Damit zeigt proFagus: Auch bei einem sensiblen Rohstoff wie Holz kann nachhaltiges Wachstum gelingen, wenn es mit Verantwortung und Effizienz verbunden wird.
Fazit
proFagus liefert ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft in der industriellen Praxis nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich tragfähig umgesetzt werden kann. Das Unternehmen verbindet Tradition mit Innovation und zeigt, dass nachhaltige Produktion weit über CO₂-Kompensation hinausgehen kann, nämlich dort, wo jeder Stoff, jede Energie und jede Entscheidung auf langfristige Wirkung hin optimiert wird.