Wirtschaft

Japans Offshore-Wind-Desaster: Wie explodierende Kosten die Energiewende ausbremsen

Nach dem Rückzug von Mitsubishi aus drei Großprojekten steht Japans Offshore-Wind-Strategie vor dem Kollaps. Die Kosten haben sich mehr als verdoppelt, internationale Entwickler fliehen aus dem Markt, und die ambitionierten Ausbauziele bis 2030 rücken in weite Ferne. Das Wirtschaftsministerium in Tokio schlägt nun Alarm und will Entwickler mit neuen Fördermechanismen retten – ein Eingeständnis dramatischer Fehlkalkulationen bei der Energiewende.

03.02.2026

Japans Offshore-Wind-Desaster: Wie explodierende Kosten die Energiewende ausbremsen

Es sollte der Durchbruch für Japans grüne Energiezukunft werden. Stattdessen entwickelt sich die Offshore-Windkraft zum milliardenschweren Debakel. Im August verkündete Mitsubishi Corporation den Ausstieg aus drei wegweisenden Projekten mit einer Gesamtleistung von 1,76 Gigawatt in den Präfekturen Chiba und Akita. Die Begründung war ernüchternd: Ein tragfähiger Geschäftsplan sei angesichts angespannter Lieferketten, galoppierender Inflation und gestiegener Zinsen nicht mehr realisierbar.

Die finanziellen Dimensionen des Scheiterns sind gewaltig. Mitsubishi musste bereits in diesem Jahr eine Abschreibung von 52,2 Milliarden Yen verbuchen, umgerechnet etwa 331 Millionen US-Dollar. Der Partner Chubu Electric Power rechnet allein für das laufende Geschäftsjahr mit Verlusten von rund 17 Milliarden Yen, weitere 108 Millionen Dollar. Die drei Windparks sollten zwischen 2028 und 2030 ans Netz gehen und waren als Leuchtturmprojekte für Japans Offshore-Ambitionen gedacht.

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Das japanische Wirtschaftsministerium METI reagierte diese Woche mit einem Vorschlag, der die Verzweiflung der Regierung offenbart. Entwickler sollen nun Zugang zu einer langfristigen Dekarbonisierungsauktion erhalten, die ursprünglich anderen erneuerbaren Energien vorbehalten war. Der Mechanismus zahlt Gewinnern feste Beträge für Bau und Betrieb von Anlagen und soll so langfristige Gewinne kalkulierbarer machen. Offshore-Wind-Projekte waren bisher ausgeschlossen, weil sie über separate Förderinstrumente abgesichert wurden.

Die neue Regelung soll rückwirkend für Projekte der zweiten und dritten Ausschreibungsrunde 2023 und 2024 gelten, darunter Konsortien mit Beteiligung von JERA, Mitsui & Co und Sumitomo Corp. Das Ministerium räumte ein, dass die Kosten für staatlich ausgeschriebene Offshore-Projekte sich mehr als verdoppelt hätten. Eine bemerkenswerte Kehrtwende für ein Land, das Offshore-Windkraft als zentrales Werkzeug für den Ausbau erneuerbarer Energien positioniert hatte.

Die Wurzeln des Problems liegen in den Ausschreibungsverfahren selbst. Bei den ersten Auktionen 2021 war Preiskonkurrenz ein entscheidendes Kriterium. Entwickler unterbreiteten aggressive Niedriggebote, um Zuschläge zu erhalten. Als dann Materialkosten, Personalaufwand und Finanzierungskosten explodierten, wurden die Projekte unrentabel. Mitsubishi hatte die Konsortien angeführt, die bei diesen ersten Ausschreibungen für drei Zonen gewonnen hatten – und zahlte nun den Preis für zu optimistische Kalkulationen.

Die Agency for Natural Resources and Energy, eine Abteilung des METI, erklärte, dass bisher drei Ausschreibungsrunden durchgeführt worden seien, um die am besten geeigneten Betreiber für langfristige, stabile und effiziente Offshore-Windprojekte auszuwählen. Der Rückzug von Mitsubishi habe jedoch zahlreiche Herausforderungen im Geschäftsumfeld offengelegt. Künftige Ausschreibungen sollen überarbeitet werden: Zwar bleibe Kostenreduktion wichtig, doch müsse größeres Gewicht auf Pläne gelegt werden, die eine hohe Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Projektumsetzung demonstrieren.

Japans Ambitionen im Offshore-Bereich sind gewaltig. Bis 2030 sollen 10 Gigawatt Kapazität installiert sein, bis 2040 sogar 45 Gigawatt. Die Strategie zielt darauf ab, die Energiesicherheit zu stärken und die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen zu verringern. Ausgeschrieben wurde bisher jedoch nur etwa ein Zehntel des Ziels für 2040, und der Sektor steht unter massivem Druck durch steigende Kosten, Verzögerungen und globale Lieferkettenprobleme.

Nach Mitsubishis Ausstieg signalisierte METI zunächst Flexibilität bei unvermeidbaren Änderungen der Geschäftspläne, etwa bei finanziellen Projektionen oder dem Wechsel von Turbinenhersteller. Ein Mechanismus zur rückwirkenden Berücksichtigung von Materialpreisschwankungen sei jedoch nicht machbar, da nur eine begrenzte Zahl von Projekten davon profitieren würde. Diese Haltung scheint sich nun zu wandeln.

Die Probleme sind keineswegs auf Japan beschränkt. Weltweit kämpfen Offshore-Wind-Märkte mit denselben ökonomischen Belastungen. Der dänische Branchenriese Ørsted zog sich vergangenes Jahr aus Japan zurück, als Teil einer globalen Restrukturierung zur Bewältigung steigender Kosten und Projektverzögerungen. Mit Ørsted verschwand einer der weltweit erfahrensten Offshore-Entwickler aus Japans Pipeline – ein symbolträchtiger Verlust für die Glaubwürdigkeit des Standorts.

Auch Shell hat seine Offshore-Wind-Aktivitäten in Japan zurückgefahren. Der Londoner Konzern verkleinerte kürzlich sein auf den japanischen Markt fokussiertes Team im Rahmen der Kürzungen seiner Low-Carbon-Geschäftsbereiche. Der Exodus internationaler Schwergewichte zeigt, dass Japan im globalen Wettbewerb um Offshore-Investitionen an Attraktivität verloren hat.

Die Situation offenbart ein grundsätzliches Dilemma der Energiewende. Regierungen setzen ambitionierte Ziele und schaffen Ausschreibungsmechanismen, die auf Kostenwettbewerb basieren. Entwickler kalkulieren knapp, um Zuschläge zu gewinnen. Wenn dann externe Schocks die Rahmenbedingungen verändern – Pandemie, Inflation, Zinswende – kollabieren die Geschäftsmodelle. Die Folge sind Milliardenverluste, gescheiterte Projekte und beschädigte Glaubwürdigkeit der Klimapolitik.

Ob METIs neue Förderansätze ausreichen, um das Vertrauen wiederherzustellen, ist fraglich. Die Branche fordert seit längerem bessere Risikoteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft. Fixpreismechanismen können helfen, doch sie müssen realistisch kalkuliert sein. Die bisherigen Erfahrungen lassen Zweifel aufkommen, ob die Lernkurve steil genug ist.

Für Japans Energiewende steht viel auf dem Spiel. Ohne funktionierenden Offshore-Sektor werden die Ausbauziele für erneuerbare Energien unerreichbar bleiben. Das würde nicht nur Klimaziele gefährden, sondern auch die strategische Unabhängigkeit von fossilen Importen. Nach dem Fukushima-Schock von 2011 hatte sich Japan von der Atomkraft distanziert. Die Offshore-Windkraft sollte ein zentraler Baustein der neuen Energiearchitektur werden. Dieses Versprechen droht zu scheitern.

Quelle: UD
 

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