Wirtschaft

Grüner Stahl? Kein einziger Großkonzern vorbereitet

Stahl ist überall: in Windturbinen, Elektroautos, Brücken und Gebäuden. Doch die Art, wie er produziert wird, ist einer der größten Klimasünder der Welt. Rund zehn Prozent der globalen CO₂-Emissionen entfallen auf die Stahlindustrie. Eine neue Bewertung von 18 der weltweit führenden Stahlkonzerne kommt zu einem vernichtenden Urteil: Keiner ist auch nur annähernd bereit für den Umbau zu nahezu emissionsfreier Produktion.

04.05.2026

Grüner Stahl? Kein einziger Großkonzern vorbereitet

Der SteelWatch Corporate Scorecard 2026, den die Klimaorganisation SteelWatch Ende März 2026 veröffentlicht hat, bewertet 18 große Stahl- und Eisenproduzenten aus elf Ländern anhand von 21 Indikatoren. Das Ergebnis ist eindeutig: Kein Unternehmen erreicht mehr als 50 von 100 möglichen Punkten. Spitzenreiter ist das schwedische Unternehmen SSAB mit 46,2 Punkten, gefolgt vom deutschen Konzern ThyssenKrupp mit 41,9 Punkten. Am unteren Ende der Rangliste liegen Hyundai Steel (21,2), Nippon Steel (16,8) und das chinesische HBIS mit lediglich 8,3 Punkten. Zusammen betreiben die 18 bewerteten Unternehmen 175 fossile Hochöfen.

Caroline Ashley, Geschäftsführerin von SteelWatch, fasste den Befund knapp zusammen: „Kein einziger Stahlhersteller hat mehr als 50 Punkte von 100 erreicht, und selbst die Spitzenreiter haben noch große Lücken zu schließen, bevor sie behaupten können, beim Klimaschutz verantwortungsvoll zu handeln.“ Der Kern des Problems ist strukturell: Rund 70 Prozent des weltweit produzierten Stahls wird heute noch mithilfe von Kohlehochöfen hergestellt. Diese Technologie ist für den Großteil der sektorbezogenen Emissionen verantwortlich und lässt sich nicht ohne fundamentalen Umbau dekarbonisieren.

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Dabei ist die saubere Alternative bekannt. Wasserstoffbasiertes Direktreduktionsverfahren (H₂-DRI) in Kombination mit Elektrolichtbogenöfen, die mit erneuerbarem Strom betrieben werden, kann die Emissionen je Tonne Stahl um fast zwei Tonnen CO₂ senken. Laut SteelWatch befinden sich mehrere Großanlagen, die dieses Verfahren einsetzen, bereits im Aufbau und sollen 2026 den Betrieb aufnehmen. SSAB und Thyssenkrupp sind die einzigen der 18 bewerteten Unternehmen, die Pläne für grünes Eisen und die Stilllegung ihrer Hochöfen vorweisen können, ohne gleichzeitig in kohlebasierte Kapazitäten zu reinvestieren. Dennoch müssen auch sie diese Vorhaben erst noch in großem Maßstab umsetzen.

Das Jahr 2025 hat kaum Fortschritte gebracht. Wie SteelWatch festhält, war das vergangene Jahr geprägt von Zöllen, Kostendruck, politischer Unsicherheit und der Vereinnahmung des Stahlthemas durch nationale Sicherheitsdebatten. Die Emissionsintensität der Branche blieb unverändert, mehrere angekündigte Niedrigemissions-Projekte wurden auf Eis gelegt oder ganz abgesagt. Ein wachsender Teil der Branche hat Verzögerung als „Umsicht“ umdefiniert – eine Rhetorik, die SteelWatch scharf kritisiert: „Die Idee, dass eine Gruppe von Hochöfen über 2050 hinaus weiterläuft, wurde nicht nur geäußert, sondern als Tatsache diskutiert, nicht als das Krisenverstärker, das sie ist.“

In den USA hat die Politik von Trump die Lage zusätzlich erschwert. Die Regierung strich Fördermittel für mehrere Wasserstoffkraftwerke, darunter eines, das Stahlfabriken hätte versorgen sollen. Der Konzern Cleveland-Cliffs zog daraufhin seine Pläne für eine Umrüstung seines Werks in Middletown, Ohio zurück, das 2024 noch 500 Millionen Dollar Bundesförderung erhalten hatte. Stattdessen hat Cleveland-Cliffs Unterlagen eingereicht, um den dortigen Kohle-Hochofen erneut anzufüttern, wie Spectrum News berichtete.

Positive Signale kommen aus Asien, wenn auch in kleinem Maßstab. In China haben führende Elektrofahrzeughersteller wie Li Auto, NIO und Xiaomi gemeinsam mit neun Stahlkonzernen eine freiwillige Erklärung unterzeichnet, um die Nutzung von kohlenstoffarmem Stahl in der Automobilproduktion zu fördern, wie Dialogue Earth analysiert. Industrie-Experten betonen jedoch, dass derartige Vereinbarungen keine verbindlichen Kaufverpflichtungen beinhalten. Chinas Anteil an der Weltstahlproduktion liegt bei rund 50 Prozent. Was dort entschieden wird, prägt den globalen Dekarbonisierungspfad mehr als jede andere einzelne Maßnahme.

Das Fazit des Scorecards ist unmissverständlich: Die Technologien und Pfade für eine saubere Stahlproduktion existieren. Was fehlt, ist der politische und unternehmerische Wille, jetzt zu investieren. Caroline Ashley formuliert den Anspruch für Europa konkret: „Jedes Unternehmen in Europa sollte bereits einen Transformationsplan und einen Stillegungsplan für jeden Hochofen haben. Bis 2035 sollten Hochöfen schlicht nicht mehr in Betrieb sein.“ Eine Frist, die mit dem schrittweisen Abbau kostenloser Emissionszertifikate im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems direkt verknüpft ist. Wie SteelWatch festhält: Der Sektor hat die Technologien, die Pfade und die Belege, um saubere Produktion deutlich vor 2030 zu beschleunigen. Die Trägheit der Erwartungen könnte sich als schwerer zu verschieben erweisen als die Technologien selbst.

Quelle: UD
 

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