Wirtschaft

Goldrausch in der Tiefsee: „Sie wollen alles haben, nur nicht die Folgen“

Tausende Meter unter der Meeresoberfläche lagern begehrte Metalle in Manganknollen, die Energiewende und Digitalisierung vorantreiben sollen. Deutsche Forscher präsentieren nun vermeintlich nachhaltige Abbaumethoden, während Experten warnen: Der Tiefseebergbau würde Ökosysteme zerstören, über die wir fast nichts wissen. Rohstoffexperte Sven Petersen vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung nennt es beim Namen: Europa will die Rohstoffe, aber nicht die Verantwortung.

11.02.2026

Goldrausch in der Tiefsee: „Sie wollen alles haben, nur nicht die Folgen“

Die Tiefsee gilt als einer der letzten weitgehend unerforschten Lebensräume der Erde. Dunkel, mysteriös, unberührt. Doch die Unberührtheit könnte bald Geschichte sein. Auf Millionen Quadratkilometern des Meeresbodens liegen in 3.000 bis 6.000 Metern Tiefe faustgroße Gesteinsbrocken, deren Innenleben Begehrlichkeiten weckt. Die Manganknollen enthalten nicht nur Mangan und Eisen, sondern auch kritische Metalle wie Nickel, Kobalt, Kupfer und seltene Erden. Genau jene Rohstoffe also, die für Elektroauto-Batterien, Smartphones, Windkraftanlagen und die gesamte grüne Transformation der Wirtschaft unverzichtbar scheinen.

Während einige Staaten und Unternehmen darauf drängen, diese metallhaltigen Schätze zu bergen, warnen Meeresforscher vor unabsehbaren ökologischen Folgen. Die kanadische Firma The Metals Company hat bereits konkrete Abbaupläne für den Pazifik zwischen Mexiko und Hawaii vorgelegt. Die Schweizer Firma Allseas verfügt über ein Spezialschiff für den technologisch anspruchsvollen Tiefseebergbau. Norwegen hat als erstes Land weltweit den Abbau vor der eigenen Küste genehmigt. Der Druck steigt, auch in internationalen Gewässern mit dem kommerziellen Abbau zu beginnen. Die Internationale Meeresbodenbehörde arbeitet an einem Regelwerk, das bereits 2025 verabschiedet werden sollte.

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In diese Gemengelage platzte kürzlich eine Meldung deutscher Forscher vom Max-Planck-Institut für Nachhaltige Materialien. Sie wollen eine umweltfreundlichere Methode entwickelt haben, um die Metalle aus den Knollen zu extrahieren. Mit Wasserstoffplasma, einem extrem heißen Gas, sollen die Manganknollen geschmolzen werden. Der Wasserstoff verbindet sich mit dem Sauerstoff in den Metalloxiden, sodass reine Metalle und Wasserdampf entstehen statt klimaschädlichem Kohlendioxid wie bei herkömmlichen Hochofenverfahren. Das Verfahren sei zudem sehr energieeffizient, da sich das Plasma extrem schnell erhitze.

Sven Petersen, Mineraloge und Rohstoffexperte am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, ist skeptisch. Im Interview mit der Welt am Sonntag kritisiert er, dass die Forscher das Verfahren bislang nur mit wenigen Gramm im Labor erprobt hätten. Ob es sich auf rentable Größenordnungen mit mehreren hunderttausend Tonnen hochskalieren lasse, sei völlig unklar. Zudem gingen die Forscher davon aus, dass die Manganknollen mit einem Greifer einzeln vom Meeresboden gesammelt würden. Tatsächlich plane The Metals Company jedoch, mit einem Kettenfahrzeug von der Größe eines Mähdreschers den Meeresboden umzupflügen und die Knollen über einen Schlauch auf ein Schiff hochzupumpen.

Diese Methode würde alles vom Grund absaugen, was auf und in ihm lebt. Schwämme, Korallen, Seegurken, Mikroorganismen. In den Abbaugebieten bliebe kaum etwas übrig vom Ökosystem. Rund 150 Quadratkilometer Meeresboden müssten jedes Jahr abgegrast und zerstört werden, damit ein Abbau überhaupt rentabel sei. Die neue Extraktionsmethode ließe sich zudem vermutlich auch auf Rohstoffe an Land anwenden und den dortigen Abbau nachhaltiger machen. Dass sie allein den Bergbau in der Tiefsee schonender mache, sei reine Augenwischerei, so Petersen.

Erst kürzlich entdeckten Forschende eine neue Korallenart, die direkt auf Manganknollen wächst. Deltocyathus zoemetallicus wurde in Tiefen zwischen 4.150 und 4.250 Metern in der Clarion-Clipperton-Zone gefunden, genau dort, wo The Metals Company abbauen will. Die Steinkoralle hat sich perfekt an die völlige Dunkelheit angepasst und ernährt sich von Partikeln im Wasser. Da die Knollen nur wenige Millimeter pro Million Jahre wachsen, würde ihre Entfernung nicht nur den Lebensraum der Koralle zerstören, sondern auch jede Möglichkeit zur Wiederbesiedlung verhindern.

Eine Studie in Nature Communications zeigte im März 2025, dass beim Abbau aufgewirbelte Sedimentwolken noch in 4,5 Kilometern Entfernung vom Abbaugebiet nachweisbar sind. Das europäische Forschungsprojekt MiningImpact begleitete einen Test eines industriellen Knollenkollektors in der Clarion-Clipperton-Zone. Die Ergebnisse sind alarmierend. Der Abbau würde nicht nur die Abbaugebiete selbst verwüsten, sondern auch umgebende Bereiche massiv beeinträchtigen, in denen sich das aufgewirbelte Sediment wieder ablagert. Die empfindlichen Ökosysteme der Tiefsee, in denen alle Lebensprozesse erheblich langsamer ablaufen als an Land, würden über Generationen geschädigt.

Noch dramatischer ist eine Entdeckung aus dem Juli 2024. Der britische Meeresbiologe Andrew Sweetman fand Hinweise darauf, dass Manganknollen möglicherweise ohne Sonnenlicht Sauerstoff produzieren. Dieser sogenannte dunkle Sauerstoff könnte eine wichtige Rolle für die Sauerstoffversorgung der Tiefseeökosysteme spielen. Sweetman fordert im Tages-Anzeiger, zunächst mehr Zeit für die Forschung, bevor mit dem Abbau begonnen werde. Wenn sich herausstelle, dass der Tiefseebergbau die Produktion von dunklem Sauerstoff beeinträchtige, müssten die Abbaupraktiken so entwickelt werden, dass diese Funktion erhalten bleibe.

Die Befürworter des marinen Bergbaus argumentieren, in den Knollen kämen mehrere Rohstoffe auf einmal in hohen Konzentrationen vor. Ihr Abbau würde große Minen an Land einsparen. Tatsächlich sind nach Satellitendaten bereits mehr als einhunderttausend Quadratkilometer von Bergbau zerstört, darunter Wälder und Savannen, eine Fläche größer als Portugal. Doch Petersen widerspricht der Rechnung. Der Abbau einer vergleichbaren Menge Metalle an Land zerstöre wesentlich weniger Fläche als der am Meeresboden. Denn Bergbau an Land gehe vor allem tief in Gesteinsschichten, Manganknollen hingegen lägen nur auf der Oberfläche und das in relativ großen Abständen.

Entscheidend sei aber, dass der Bergbau in der Tiefsee die Minen an Land nicht ersetzen würde. Er käme obendrauf. Und es bliebe nicht bei der Abbaulizenz für ein Unternehmen, sodass schnell tausende Quadratkilometer Meeresboden zerstört würden, jedes Jahr. Verzichte man auf die marinen Rohstoffe, werde der Druck auf Minen an Land allerdings wachsen. Denn beim aktuellen Lebensstil verbrauchten Menschen immer mehr Rohstoffe, gleichzeitig sänken die Gehalte dieser Metalle in den Erzen. Beim Kupfer lag die Konzentration vor zehn Jahren noch bei einem Prozent, jetzt sei es nur noch die Hälfte. Es entstehe immer mehr Abfall, mehr Land werde verbraucht, mehr Wasser, mehr Energie, um die gleiche Menge herauszubekommen.

Die Tiefsee sei jedoch nicht wichtiger als Wälder und Savannen, so Petersen. Aber die Risiken ließen sich an Land besser kontrollieren. In der Tiefsee sei es dunkel. Wie solle dort die Einhaltung der Regularien überprüft werden? Außerdem sei die Angst zurecht groß, dort unten etwas zu zerstören, von dem man die Auswirkungen noch gar nicht abschätzen könne. Man wisse beispielsweise kaum etwas über die Folgen für den Sauerstoffgehalt oder die Nahrungsketten. Verschwänden etwa die Mikroorganismen vom Grund, beeinträchtige das den Krill und damit wiederum die Wale und alle anderen Säugetiere. Das könne letztlich die gesamte Menschheit treffen.

Ein 1989 durchgeführtes Experiment namens DISCOL im Peru-Becken zeigte die Langlebigkeit der Schäden. Deutsche Wissenschaftler gruben damals in 4.200 Metern Tiefe die oberen 10 bis 15 Zentimeter des Meeresbodens um, um einen Tiefseebergbau zu simulieren. 26 Jahre später waren die Pflugspuren immer noch deutlich sichtbar, ein Beleg für die äußerst stabilen Bedingungen in diesen Systemen mit relativ geringen Strömungen und geringer natürlicher Umlagerung der Sedimente.

Petersens Analyse ist unbequem, aber ehrlich. Bislang lebten die meisten Deutschen und Europäer nach dem Prinzip „Not in my backyard“. Sie wollten alles haben, nur nicht die Folgen. Der Wechsel zu grünen Energien verbrauche aber besonders viele Rohstoffe. Elektroautos bräuchten bis zu fünfmal mehr kritische Rohstoffe als herkömmliche Pkw, erneuerbare Energie bis zu siebenmal mehr als fossile. Trotzdem brauche es natürlich die Energiewende.

Was also müsste passieren? Deutschland oder die EU hätten im Kongo investieren können oder in die eigene Aufbereitung des Kobalts, um China nicht das Feld zu überlassen. Die Rohstoff-Strategie der EU sei richtig, zehn Prozent der Rohstoffe bis 2030 in der EU abbauen zu wollen. Das führe zu mehr Unabhängigkeit und besseren Sozial- und Umweltstandards. Vieles davon könnte mehr unter Tage stattfinden, damit weniger Land verbraucht werde. Das würde es zwar teurer machen. Die Menschen müssten aber begreifen, dass die Art zu leben ihren Preis habe. Die Kosten dafür wären dennoch niedriger als an den klimaschädlichen fossilen Energien festzuhalten.

Kupfer gebe es genügend an Land, etwa in Portugal, Spanien oder in der Norddeutschen Tiefebene. Das besonders begehrte Kobalt für Batterien gäbe es beispielsweise in Skandinavien. Die Technologien entwickelten sich jedoch bei den Batterien derzeit so schnell weiter, dass es Kobalt eventuell bald gar nicht mehr so viel brauche. Die hohen Investitionen in neue Abbaustätten im Meer würden sich damit womöglich gar nicht auszahlen. Das sei auch einer der Gründe, warum nur sehr wenige Firmen beim derzeitigen Run auf marine Rohstoffe mitmachten.

Greenpeace fordert ein Moratorium für Tiefseebergbau. 37 Länder, darunter die Schweiz, haben bereits einen entsprechenden Vorstoß unterschrieben. Deutschland fordert bei der Internationalen Meeresbodenbehörde eine vorsorgliche Pause. Gleichzeitig läuft jedoch seit 2006 ein großangelegtes Projekt zur Erkundung von Manganknollen im Pazifik. Umweltorganisationen kritisieren diesen Schlingerkurs. Eine vorsorgliche Pause dürfe nicht als Alibi dafür dienen, den Tiefseebergbau zukunftsfähig zu machen. Sie müsse eine klare Entscheidung für Tiefseeforschung statt Tiefseebergbauforschung sein.

Die Debatte um den Tiefseebergbau offenbart ein grundsätzliches Dilemma der Nachhaltigkeitspolitik. Die Energiewende ist notwendig und richtig. Aber sie ist nicht zum Nulltarif zu haben. Weder finanziell noch ökologisch. Europa muss sich entscheiden, welchen Preis es zu zahlen bereit ist und vor allem wo. Entweder mehr Bergbau im eigenen Territorium unter kontrollierten Bedingungen, höhere Rohstoffpreise durch nachhaltigere Abbaumethoden, konsequentes Recycling und Kreislaufwirtschaft oder die Zerstörung einer der letzten unberührten Regionen des Planeten, über die wir fast nichts wissen.

Bislang will Europa es billig und dreckig, nur eben nicht vor der eigenen Haustür. Die Tiefsee könnte die nächste Ausweichfläche werden, nachdem bereits Regenwälder, Savannen und Minen in Afrika die Rechnung für den europäischen Lebensstil bezahlen. Petersens Mahnung sollte gehört werden: Bis man ein grundlegendes Verständnis von den Auswirkungen habe, sollte man den Meeresboden nicht anfassen. Die Frage ist nur, ob Europa bereit ist, die Konsequenzen dieser Einsicht zu tragen.

Quelle: UD
 

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