Ghanas Küstenfischer werfen wertvolle Beifang-Ressourcen ins Meer zurück
Ghanas Kleinfischer leben vom Meer – und werfen gleichzeitig einen Teil der Ressourcen achtlos weg. Tintenfischeier, Garnelen, Krabben und andere Meerestiere landen als Beifang wieder im Ozean oder verrotten am Strand. Dabei könnte die sogenannte Nebenbeute nicht nur die Einnahmen der Fischer steigern, sondern auch zur dringend benötigten Erholung der massiv überfischten Gewässer beitragen.
30.04.2026
Centenary Cidi Ocloo fischt seit 17 Jahren. Die Küste des Keta-Distrikts in Ghanas Volta-Region, die drei Landungsstrände, das Rauschen der Wellen – all das ist für ihn nicht bloßer Arbeitsort, sondern Lebensraum. „Ich bin als Kind zu meinem Vater und seinen Geschwistern ans Ufer gegangen“, sagt Ocloo. „Manchmal half ich beim Einholen der Netze, manchmal schwamm ich einfach, während sie arbeiteten.“ Heute aber ist das Fischen härter geworden. Die Netze kommen immer öfter ohne Fisch heraus, voller Müll und Sand. „Es gibt Tage, an denen wir ein leeres Netz hereinziehen“, sagt Ocloo. Ein Symbol für eine Branche unter Druck – und für ein Problem, das lösbar wäre, wenn man es ernst nähme.
Ghana ist ein Fischland. Durchschnittlich 20 bis 25 Kilogramm Fisch verzehrt ein Ghanaer pro Jahr – mehr als der globale Schnitt und mehr als in vielen anderen westafrikanischen Staaten. Das Rückgrat dieser Versorgung bilden die Kleinfischer: Mehr als 12.700 Kanus operieren von knapp 200 Fischerdörfern aus, mit Strand-, Hummer-, Stell- und Ringwadennnetzen. Sie liefern nach einem Bericht von Dialogue Earth rund 70 Prozent des marinen Fischfangs des Landes. Doch genau diese artisanalen Fischer sehen sich von zwei Seiten in die Zange genommen: von rückläufigen Beständen und von einer verheerenden Verschwendung, die sie sich wirtschaftlich nicht leisten können.
Tintenfischeier zurück ins Meer – ein seltenes Vorbild
Am Landungsstrand Dzelukofe hat sich etwas verändert. Nachdem der Strandobmann die Fischer über den Schutz von Tintenfischen aufgeklärt hatte, geben Ocloo und seine Kollegen Tintenfischeier, die in ihren Netzen landen, sofort wieder ans Meer zurück. Andernorts im Keta-Distrikt und an der Küste rund um Cape Coast im Central Region hingegen ist das Bewusstsein für den wirtschaftlichen und ökologischen Wert des Beifangs kaum vorhanden. Quallen, Krabben, Garnelen, Seesterne – alles, was keine direkten Marktwert hat, wird am Strand liegen gelassen oder ins Meer zurückgeworfen, ohne Rücksicht auf den Lebenszyklus der Arten. Dabei wären viele dieser Organismen, richtig verwertet, handelsfähige Produkte.
Seth Kedey, Pressesprecher des Ghana National Canoe Fishermen Council, sieht in der Beifang-Frage nur einen Teilaspekt eines größeren Problems. Sein Bezirk Keta habe bereits Schutzmaßnahmen eingeleitet: „Hier in Keta verhängen wir Moratorien für neue Kanus, um Überfischung zu reduzieren und Jungtiere sowie die Meeresbiodiversität zu schützen.“ Und Kedey kündigt weitere Schritte an: „Wir stehen in Verhandlungen mit der Regierung, um einen Teil des Meeresgebiets als Meeresschutzgebiet auszuweisen.“ Solche lokalen Initiativen sind wichtig – sie kompensieren aber nicht das strukturelle Defizit in der Beifang-Nutzung entlang der gesamten Küste.
Industrietrawler als eigentliches Hauptproblem
Der verschwenderische Umgang der Kleinfischer mit Beifang ist freilich nur ein Teil des Problems. Gravierender ist der illegale Beifang der Industrietrawler, der die artisinalen Fischergemeinden existenziell bedroht. Die Environmental Justice Foundation (EJF) hat in ihrem jüngsten Bericht „Breaking the Vicious Circle“ dokumentiert, dass zwischen 53 und 60 Prozent der Anlandungen industrieller Trawler aus illegalem Beifang bestehen. 96 Prozent der gefangenen Stöcker-Makrele und 97 Prozent der Runden Sardinella in den Proben waren untermassig – Arten, die in Trawler-Netzen gar nicht landen dürften und die das Rückgrat der artisanalen Küstenversorgung bilden. Laut EJF berichteten 94 Prozent der befragten artisanalen Fischer von rückläufigen Fängen, 87 Prozent meldeten gesunkene Einnahmen.
EJF-Gründer und CEO Steve Trent hat für verantwortungsvolle Betreiber klare Forderungen formuliert: Sie müssten „volle Gesetzeskonformität mit ghanaischem Recht“ gewährleisten, was bedeute, keine Netzmodifikationen vorzunehmen, keine untermassigen Fische zu befischen und elektronisches Monitoring zu unterstützen. „Das bedeutet auch, sich zur Transparenz bei wirtschaftlichem Eigentum und Lieferketten zu verpflichten.“
Neue Gesetze als Wende – wenn sie durchgesetzt werden
Die ghanaische Regierung hat im November 2025 mit dem neuen Fisheries and Aquaculture Act einen wichtigen Schritt gemacht: Die Inshore Exclusion Zone, der den Kleinfischern vorbehaltene Küstenstreifen, wurde von 6 auf 12 Seemeilen ausgeweitet. Bei der UN-Ozeankonferenz verpflichtete sich Ghana zudem, die wahren wirtschaftlichen Eigentümer von Fischereifahrzeugen offenzulegen und unterzeichnete die Global Charter for Fisheries Transparency. Trent sprach von „echter globaler Führerschaft“ und bezeichnete die Ausweitung der Zone als „eine grosse, dringend benötigte strukturelle Reform“.
Doch für Centenary Ocloo am Strand von Dzelukofe zählen andere Massstäbe. Er gibt weiterhin die Tintenfischeier zurück ins Meer – eine kleine, freiwillige Geste, die kaum etwas an den großen Strukturen ändert, aber zeigt, was möglich wäre, wenn Wissen und Anreize vorhanden wären. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Ghanas Küstenfischer ihren Beifang sinnvoll nutzen können. Sie ist, ob der Staat ihnen die Voraussetzungen dafür schafft – durch Ausbildung, Schutzgebiete und eine konsequente Bekämpfung der industriellen Plünderung, die das Meer leert, bevor es überhaupt etwas zu verteilen gibt.