Wirtschaft

Englands Wette auf die Sonne

London setzt auf Kernfusion als ultimative Antwort auf Energieabhängigkeit: Mit einer Fusionsstrategie im Umfang von 2,5 Milliarden Pfund will Großbritannien bis 2040 den ersten kommerziellen Fusionsreaktor der Welt in Betrieb nehmen. Energieminister Ed Miliband verspricht über 10.000 Arbeitsplätze – und saubere, nahezu unerschöpfliche Energie made in Britain.

17.04.2026

Englands Wette auf die Sonne

Kernfusion gilt als das schwierigste Energieprojekt, das die Menschheit je in Angriff genommen hat – und als das vielversprechendste. Der Prozess, bei dem zwei Atomkerne zu einem schwereren verschmelzen und dabei gewaltige Energiemengen freisetzen, ist derselbe, der die Sonne antreibt. Auf der Erde nachzubilden erfordert extremen Druck und Temperaturen von über 100 Millionen Grad – zehnmal heißer als der Sonnenkern. Jahrzehntelang galt der Witz, kommerzielle Kernfusion sei immer 30 Jahre entfernt. Nun hat Großbritannien mit einer 2,5-Milliarden-Pfund-Strategie ein konkretes Datum gesetzt: 2040.

Energieminister Ed Miliband begründete den Schritt explizit mit den aktuellen geopolitischen Spannungen: „Der derzeitige Konflikt im Nahen Osten zeigt, dass der einzige Weg zur Energiesouveränität für das Vereinigte Königreich darin besteht, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffmärkten zu beenden und den Übergang zu sauberer, im Inland erzeugter Energie zu beschleunigen.“ Fusion halte das Potenzial, das Energiesystem zu revolutionieren und dauerhafte Energiefülle und -sicherheit zu gewährleisten. Und Miliband wurde rhetorisch noch größer: „Von Nottinghamshire bis Cumbria, vom Oxford-Cambridge-Korridor bis nach South Yorkshire – Britannien stand schon lange an der Spitze der Fusionsenergie. Mit unserer Fusionsstrategie gehen wir weiter: Wir stärken die Industrie, schaffen über 10.000 Arbeitsplätze und ebnen den Weg für die ultimative Energiesicherheitslösung.“

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Ein ehemaliges Kohlekraftwerk als Keimzelle der Zukunft

Das Herzstück der britischen Fusionsstrategie ist das STEP-Programm – Spherical Tokamak for Energy Production –, das den ersten Prototyp eines kommerziellen Fusionskraftwerks in Nordengland bauen soll. Standort ist ein ehemaliges Kohlekraftwerk in Nottinghamshire, ein bewusst symbolisches Signal: Wo einst Kohle verbrannt wurde, soll künftig die Energie der Sterne nutzbar gemacht werden. Der Löwenanteil der Mittel, 1,3 Milliarden Pfund, fließt in dieses Programm. Baubeginn ist für 2030 geplant, Fertigstellung für 2040 – mit dem Ziel, Netto-Energie aus Fusion zu erzeugen und die kommerzielle Tragfähigkeit der Technologie zu beweisen.

Als Baukonsortium wurde ILIOS ausgewählt, ein von Kier und Nuvia geführtes Joint Venture, ergänzt durch AECOM, AL_A Architects und Turner & Townsend. Der Auftragswert beträgt 200 Millionen Pfund. Simon Matthews, Programmdirektor von ILIOS, beschrieb die Mission so: „Durch unsere Beteiligung am STEP-Programm werden wir Großbritanniens künftige Energieresilienz und Dekarbonisierungsambitionen voranbringen und wirtschaftliches und regionales Wachstum, hochwertige Arbeitsplätze und die Entwicklung einer langfristigen, britischen Fusionslieferkette unterstützen.“ Das STEP-Programm wird von UK Industrial Fusion Solutions geleitet, einer Tochtergesellschaft der UK Atomic Energy Authority (UKAEA), die demnächst in UK Fusion Energy umbenannt wird.

KI-Supercomputer, Brennstofftechnologie und Milliarden für Forschung

Neben STEP umfasst die Strategie ein breites Investitionsportfolio: 740 Millionen Pfund fließen in Forschungsinfrastruktur und -anlagen für magnetische und trägheitsbasierte Fusionsansätze. 180 Millionen Pfund sind für den Bau der sogenannten LIBRTI-Anlage reserviert, die Fusionsbrennstofftechnologie für Kraftwerke entwickeln soll. Und 45 Millionen Pfund gehen in den weltweit leistungsfähigsten fusionsdedizierten KI-Supercomputer – ein Hinweis darauf, dass die britische Fusionsstrategie künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Bewältigung der immensen Berechnungskomplexität der Fusionsphysik begreift. Zusammengenommen positioniert London Großbritannien als erstes Land der Welt mit einem „klaren Weg zur kommerziellen Fusionsenergie“.

Die Grundidee der Kernfusion ist so verlockend wie die Herausforderung groß ist: Wasserstoffisotope – Deuterium und Tritium – werden bei Temperaturen von über hundert Millionen Grad so stark gebündelt, dass ihre Kerne verschmelzen und Helium sowie Neutronen freisetzen. Die dabei freigesetzte Energie übersteigt die der Eingangsstoffe bei weitem; radioaktiver Abfall im klassischen Sinne entsteht nicht; der Brennstoff ist quasi unerschöpflich. Kein Treibhausgas, keine Kernschmelze, kein atomarer Abfall mit Hundertjahres-Lagerungsrisiko. Dass dies noch keine kommerzielle Realität ist, liegt an den enormen technischen Hürden – allen voran dem Problem, die hochenergetischen Plasmaströme überhaupt lange genug stabil einzuschließen.

Geopolitik als Beschleuniger eines langen Traums

Was die britische Strategie von früheren Fusionsankündigungen unterscheidet, ist ihr explizit industriepolitischer Rahmen. Sie ist nicht allein als Forschungsprogramm konzipiert, sondern als Kern einer neuen heimischen Energieindustrie mit einer eigenen britischen Lieferkette, Spezialkompetenz und globalem Exportpotenzial. Die Verquickung mit der geopolitischen Lage – dem Krieg im Nahen Osten, den Turbulenzen an den Energiemärkten, der wachsenden Erkenntnis, dass Abhängigkeit von fossilen Importen ein Sicherheitsrisiko ist – verleiht dem Projekt eine Dringlichkeit, die bisher fehlte. Ob das Versprechen hält, wird sich nicht in dieser Dekade entscheiden. 2040 ist das Datum, an dem Großbritannien beweisen will, dass es mehr war als der neueste Anlauf an den „Heiligen Gral“ der Energiewende.

Quelle: UD
 

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