Eine Idee, die den CO2-Markt neu erfinden könnte
Der europäische Zertifikatehandel steht unter Druck – von der Industrie, von einzelnen EU-Mitgliedstaaten und von der Realität eines Klimaziels, das viele Branchen für unerreichbar halten. Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung machen nun einen marktwirtschaftlichen Vorschlag: Kohlendioxid-Entnahmen aus der Atmosphäre sollen Teil des EU-Emissionshandels werden. Die Europäische Kommission muss bis Ende 2026 entscheiden, ob sie diesen Weg geht.
15.05.2026
Das Problem ist konkret und nah. Im EU-Emissionshandel, wo energieintensive Industriebetriebe für jede ausgestoßene Tonne Kohlendioxid ein Zertifikat nachweisen müssen, sollen ab etwa 2039 keine neuen Emissionsrechte mehr auf den Markt kommen. Branchen wie die Chemieindustrie laufen dagegen Sturm. „Das jetzige System fährt uns mit Ansage an die Wand“, warnt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie. Klimaschonende Alternativen wie grüner Wasserstoff würden nicht rechtzeitig in ausreichenden Mengen verfügbar sein, lautet die Klage – genauso wenig die nötige Infrastruktur zur Kohlendioxid-Speicherung unter der Erde.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat dazu einen bemerkenswerten Ausweg vorgeschlagen, der seit einigen Jahren in der Fachwelt diskutiert wird: Der Staat sollte die Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre schrittweise in den Emissionshandel integrieren. Die Fachleute sehen einen doppelten Vorteil – Branchen wie die Chemieindustrie erhielten einen Ausweg für Restemissionen, die auch nach 2039 kaum vermeidbar sind, und zugleich entstünden neue Anreize für Investitionen in Technologien, die Kohlendioxid aus der Luft saugen. Eine vom PIK geleitete Modellstudie in der Fachzeitschrift Joule beziffert das Potenzial für sogenannte negative Emissionen auf 68 bis 86 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr – für die EU plus Großbritannien und Norwegen. „Das von uns bezifferte Entnahmepotenzial wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, sagt Studienautor Darius Sultani.
Was konkret unter negativen Emissionen zu verstehen ist, erläutern die Forschenden anhand zweier Methoden. Die erste setzt auf Filter, die Kohlendioxid direkt aus der Atmosphäre entnehmen – sogenanntes Direct Air Capture. Erste kleine Anlagen sind etwa auf Island entstanden, benötigen aber noch erhebliche Mengen Strom und Wärme. Die zweite Methode verbrennt Biomasse zur Wärme- oder Stromerzeugung und fängt die dabei entstehenden Treibhausgase ein, um sie langfristig etwa in leeren Gasfeldern einzulagern. Die Klimabilanz kann dabei positiv ausfallen, weil beim Anbau der Pflanzen Treibhausgase aus der Atmosphäre gebunden werden.
Der marktwirtschaftliche Kern des Vorschlags: Betreiber von Entnahmeanlagen könnten Zertifikate an Unternehmen verkaufen, die ihren Treibhausgasausstoß auch nach 2039 nicht vollständig auf null gesenkt haben – im Rahmen eines bereits etablierten Systems mit einem einheitlichen Preis je Tonne Kohlendioxid. PIK-Forscher Sultani erwartet zwar auch spezielle Förderprogramme, betont aber: „Es liegt nahe, das marktwirtschaftliche Instrument des Emissionshandels gut zu nutzen.“ Wichtig seien präzise Standards zur Überwachung der Entnahme sowie eine schrittweise Integration, damit klar bleibt: Die Reduktion von Emissionen muss Vorrang vor den Staubsaugern haben.
Der politische Druck auf das System ist indes enorm. Der Kohlendioxid-Preis erreichte im Februar 2023 mit über 100 Euro pro Tonne ein Rekordhoch, sank aber danach deutlich. Zuletzt lag er bei rund 70 Euro – damit hat die EU einen der höchsten Kohlendioxid-Preise weltweit. Mitgliedstaaten wie Italien und Ungarn haben den Emissionshandel zuletzt scharf kritisiert, während Spanien und skandinavische Länder ihn vehement verteidigen. „Bei der Kohlendioxid-Bepreisung brauchen die Unternehmen jetzt dringend eine Verschnaufpause“, fordert die Industriegewerkschaft IG BCE.
Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, das gesamte Handelssystem bis Sommer zu überprüfen, und arbeitet an kurzfristigen Eingriffen: etwa einer Reform der sogenannten Benchmarks, nach denen sich die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten bemisst, sowie einer Stärkung der Marktstabilitätsreserve. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sprach sich vorige Woche dafür aus, dass Brüssel „branchenspezifische Belange“ bei der Gratis-Zuteilung berücksichtigen sollte, mahnte aber gegenüber dem Spiegel: „Es darf nicht bei kurzfristigen Entlastungen bleiben.“ Die Modellstudie des PIK liefert der Politik nun eine Steilvorlage für einen langfristigen Kompromiss – einen, der den Emissionshandel nicht entkernt, sondern um eine neue Dimension erweitert.