Wirtschaft

Die Klimaneutralität auf dem Prüfstand: Wenn Energiekosten zur Standortfrage werden

Mit verschärften EU-Klimazielen wächst in Deutschland die Sorge um die Bezahlbarkeit der Energiewende. Während Brüssel minus 90 Prozent Emissionen bis 2040 fordert, warnen Industrievertreter vor Überforderung und Abwanderung. Die Politik verspricht Entlastung – doch die Zeit drängt.

21.01.2026

Die Klimaneutralität auf dem Prüfstand: Wenn Energiekosten zur Standortfrage werden

Die Europäische Union hat sich Ende November 2025 auf ein verbindliches Klimaziel für 2040 geeinigt: Die Treibhausgasemissionen sollen um 90 Prozent gegenüber 1990 sinken. Das Zwischenziel auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050 markiert eine weitere Verschärfung der europäischen Klimapolitik. Doch während die Kommission von einem ambitionierten und pragmatischen Rahmen spricht, offenbart sich in Deutschland eine grundlegende Debatte über die Finanzierbarkeit der grünen Transformation.

Die deutsche Industrie steht dabei besonders im Fokus. Im internationalen Vergleich zahlen Unternehmen hierzulande Spitzenpreise für Energie. Nach aktuellen Erhebungen lag der durchschnittliche Strompreis für die Industrie in Deutschland 2024 bei 14 Cent pro Kilowattstunde, deutlich über dem europäischen Durchschnitt von zwölf Cent. Noch dramatischer ist der globale Vergleich: In China beträgt der Industriestrompreis lediglich 8,2 Cent, in den USA sogar nur 7,5 Cent pro Kilowattstunde.

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Diese Preisdifferenz bleibt nicht ohne Folgen. Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, bringt die Dimension auf den Punkt: Die energieintensiven Industrien sorgten 2022 für Wertschöpfung von etwa 241 Milliarden Euro und sichern 2,4 Millionen Arbeitsplätze. Doch genau diese Schlüsselbranchen stehen unter massivem Druck. Laut dem aktuellen Energiewende-Barometer der Deutschen Industrie- und Handelskammern denken vier von zehn Unternehmen darüber nach, ihre Produktion einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern.

Das energiepolitische Trilemma aus Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz gerät dabei zunehmend aus dem Gleichgewicht. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte bei der Vorstellung des Monitoring-Berichts zur Energiewende, dass Verlässlichkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit ins Zentrum rücken müssten. Die Balance zwischen ambitionierten Klimazielen und wirtschaftlicher Tragfähigkeit ist zu einer Gratwanderung geworden.

Die Bundesregierung versucht gegenzusteuern. Ab Januar 2026 soll ein subventionierter Industriestrompreis von etwa 5 Cent pro Kilowattstunde eingeführt werden, zunächst befristet bis 2028. Die Maßnahme, die über den Klima- und Transformationsfonds finanziert werden soll, zielt auf 91 Wirtschaftsbereiche ab, darunter die Stahl-, Chemie- und Grundstoffindustrie. Mit Kosten von drei bis fünf Milliarden Euro ist sie als Brücke gedacht, um den Industriestandort zu stabilisieren und gleichzeitig Investitionen in klimafreundliche Produktionstechnologien anzureizen.

Doch reichen solche Maßnahmen aus? Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, formuliert es drastisch: Das Vertrauen der deutschen Wirtschaft in die Energiepolitik ist stark beschädigt. Die Politik habe es bisher nicht geschafft, eine Perspektive für zuverlässige und bezahlbare Energie aufzuzeigen. Während vor 2023 noch viele Betriebe Chancen in der Energiewende sahen, überwiegen aus Unternehmenssicht mittlerweile deutlich die Risiken.

Das neue EU-Klimaziel für 2040 lässt den Mitgliedstaaten allerdings gewisse Flexibilitäten. Ab 2036 können bis zu fünf Prozentpunkte der Emissionsreduktion über internationale CO₂-Zertifikate erreicht werden. Die Einbeziehung solcher Kompensationsmechanismen hatte auch die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag gefordert – ein Zugeständnis an die Realitäten der industriellen Transformation.

Wissenschaftliche Studien zeigen unterdessen, dass die Energiewende langfristig auch ökonomisch vorteilhaft sein kann. Eine Analyse von DNV kommt zu dem Schluss, dass Deutschland ein nachhaltigeres Energiesystem aufbauen wird, das Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit im Gleichgewicht hält. Die Energiepreise werden demnach keinen Standortnachteil für die Industrie bringen, energieintensive Branchen benötigen allerdings gezielte Unterstützung bei der Umstellung auf Energieeffizienz, Elektrifizierung und CO₂-Abscheidung.

Die PricewaterhouseCoopers-Studie zu den Kosten der Energiewende geht noch weiter: Beschleunigte Investitionen in den Klimaschutz lohnen sich auch ökonomisch. Bereits 2045 ließen sich die jährlichen Kosten in einem beschleunigten Klimaschutz-Szenario um zehn Milliarden Euro auf 450 Milliarden Euro reduzieren, während ein Weiter-wie-bisher-Szenario 460 Milliarden Euro kosten würde. Die höheren Investitionskosten würden durch deutlich geringere Energiekosten mehr als ausgeglichen.

Dennoch bleibt die Frage der Bezahlbarkeit im Hier und Jetzt virulent. Die Debatte offenbart einen fundamentalen Zielkonflikt: Einerseits drängt die Zeit beim Klimaschutz, wie die zunehmenden Extremwetterereignisse und klimabedingten Schäden zeigen, die allein in den vergangenen fünf Jahren in Europa auf 170 Milliarden Euro geschätzt werden. Andererseits droht durch zu hohe Energiekosten eine schleichende Deindustrialisierung, die nicht nur Arbeitsplätze kostet, sondern auch die technologische Souveränität Deutschlands gefährdet.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Deutschland den Spagat zwischen ambitionierten Klimazielen und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit schafft. Die Industrie fordert konkrete und dauerhafte Lösungen statt befristeter Übergangshilfen. Die Politik verweist auf schrittweise Entlastungen und langfristige Förderkonzepte. Doch eines ist klar: Die Frage der Energiekosten wird zur Schicksalsfrage für den Industriestandort Deutschland – und damit für die gesamte europäische Klimastrategie.

Quelle: UD
 

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