Zwischen Klimaschutz und Arbeiterschutz: Blick auf europäische Bauwirtschaft
Deutschland verschärft die Klimaschutzauflagen für Bauunternehmen und setzt zunehmend auf erneuerbare Energien beim Heizen. Doch während hierzulande Zementwerke über CCS-Technologien diskutieren, zeigen aktuelle Fälle aus Griechenland und der Türkei, dass Nachhaltigkeit in der Baubranche mehr bedeuten muss als nur Dekarbonisierung. Arbeitssicherheit und menschenwürdige Bedingungen bleiben auf vielen europäischen Baustellen Mangelware.
08.01.2026
Die deutsche Bauwirtschaft steht unter enormem Druck. Einerseits fordert das 2024 novellierte Gebäudeenergiegesetz (GEG) einen radikalen Umstieg auf klimafreundliche Heizungen mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien. Andererseits kämpft die mittelständisch geprägte Branche mit rückläufigen Bauaufträgen, hohen Materialkosten und dem chronischen Fachkräftemangel. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe prognostiziert für 2024 einen realen Umsatzrückgang von vier Prozent, für 2025 weitere 2,5 Prozent.
Dennoch bleibt der politische Druck bestehen. Nach dem Willen der Bundesregierung soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Der Gebäudesektor, der 2024 rund 101 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen verursachte und damit etwa 40 Prozent der nationalen Emissionen ausmachte, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Das GEG sieht vor, dass in Neubauten innerhalb von Neubaugebieten seit Januar 2024 nur noch Heizungen installiert werden dürfen, die zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Für Bestandsgebäude und Neubauten in Baulücken gelten gestaffelte Übergangsfristen, die sich an der kommunalen Wärmeplanung orientieren.
Die umfassende Sanierungspflicht betrifft vor allem Eigentümer, die Immobilien erwerben oder erben. Innerhalb von zwei Jahren müssen alte Öl- und Gasheizungen ausgetauscht, die oberste Geschossdecke oder das Dach gedämmt und Rohrleitungen isoliert werden. Verstöße können mit Bußgeldern bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Doch trotz staatlicher Förderung von bis zu 70 Prozent der Investitionskosten zögern viele Eigentümer angesichts der angekündigten Reform des Heizungsgesetzes durch die neue Bundesregierung.
Zement als Klimakiller
Das größte Klimaproblem der Baubranche bleibt jedoch der Baustoff Nummer eins: Beton beziehungsweise dessen Bindemittel Zement. Die Herstellung einer Tonne Zement verursacht in Deutschland etwa 600 Kilogramm CO2-Emissionen. Bei einer jährlichen Produktion von rund 33 Millionen Tonnen summiert sich das auf 20 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, was etwa zwei Prozent der nationalen Emissionen entspricht. Global gesehen ist die Zementindustrie für bis zu acht Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Die Emissionen entstehen hauptsächlich durch zwei Prozesse. Einerseits wird das Drehrohrofen auf 1.450 Grad Celsius erhitzt, was enorm viel Energie erfordert. Andererseits entsteht bei der chemischen Entsäuerung des Kalksteins unvermeidbar CO2, ein prozessbedingter Ausstoß, der mit heutiger Technik nicht vermieden werden kann. Seit 1990 konnte die deutsche Zementindustrie ihre spezifischen CO2-Emissionen pro Tonne Zement zwar um 22 Prozent senken, unter anderem durch effizientere Ofentechnik und den verstärkten Einsatz alternativer Brennstoffe. Doch für das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 reicht das bei Weitem nicht aus.
Die Branche setzt daher auf einen Mix aus Maßnahmen. Der Klinkeranteil im Zement soll weiter reduziert werden, von heute etwa 70 Prozent auf künftig 35 bis 50 Prozent. Alternative Bindemittel und neue Zementsorten wie Portland-Kompositzemente (CEM II) und Hochofenzemente (CEM III) kommen verstärkt zum Einsatz. Entscheidend wird aber die Carbon Capture and Storage (CCS) Technologie sein. Dabei wird das bei der Zementherstellung entstehende CO2 abgeschieden und entweder eingelagert oder für andere industrielle Prozesse genutzt (Carbon Capture and Utilization, CCU). Der Verein Deutscher Zementwerke rechnet vor, dass selbst mit allen konventionellen Minderungsmaßnahmen bis 2050 noch 10,4 Millionen Tonnen unvermeidbares CO2 pro Jahr übrig bleiben würden, die nur durch CCS-Technologien eliminiert werden können.
Doch die Investitionen in solche Zukunftstechnologien sind gewaltig und nur mit staatlicher Unterstützung realisierbar. Die EU hat angekündigt, über ihre Förderprogramme massiv in die Dekarbonisierung energieintensiver Sektoren zu investieren. Insgesamt 5,6 Milliarden Pfund sollen in großskalige Netto-Null-Technologieprojekte fließen, um die Dekarbonisierung der Wasserstofferzeugung und die Entwicklung klimaneutraler Industrietechnologien zu beschleunigen.
ESG-Berichtspflicht trifft Mittelstand
Parallel zu den technischen Herausforderungen wächst der regulatorische Druck. Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU, die bis Juli 2024 in deutsches Recht umgesetzt werden sollte, verpflichtet große Unternehmen zu einer umfassenden Nachhaltigkeitsberichterstattung nach einheitlichen Standards. Für die stark mittelständisch geprägte Bau- und Immobilienbranche bedeutet dies zunächst, dass die direkte harte Berichtspflicht vor allem sehr große Unternehmen trifft. Kleinere Akteure müssen jedoch indirekt über Banken, Investoren oder Auftraggeber ESG-Informationen liefern. Wie der Immobilienmanager berichtet, bleibt die Berichtspflicht für kleine und mittlere Bauunternehmen somit indirekt bestehen, auch wenn die direkten Anforderungen gelockert wurden.
Eine aktuelle Umfrage von PwC Deutschland unter 100 Bauunternehmen und Planungsbüros zeigt die Probleme deutlich. Fast zwei Drittel der Befragten beklagen, dass politische Vorgaben zur CSRD-Umsetzung fehlen oder zu spät formuliert wurden. 60 Prozent nennen mangelnde Erfahrung mit nicht-finanziellen Reportings als Stolperstein. Dabei haben inzwischen drei von vier Bauunternehmen standardisierte ESG-Prozesse aufgesetzt, doch die vollständige Umsetzung der Nachhaltigkeitsregularien bleibt schwierig. Haupttreiber für ESG-Maßnahmen sind laut Umfrage gesetzliche Vorgaben und die Anforderungen von Auftraggebern, nicht etwa die Einsicht in die Notwendigkeit der Emissionsreduktion oder erwartete Kosteneinsparungen.
Tödliche Baustellen im Süden Europas
Während in Deutschland die Diskussion um Klimaneutralität und ESG-Standards dominiert, offenbart ein Blick auf Baustellen im europäischen Ausland, dass Nachhaltigkeit mehr sein muss als nur Umweltschutz. Auf der Großbaustelle des Hellinikon-Projekts in Athen, das als Europas größtes urbanes Entwicklungsprojekt und Vorzeigeprojekt für nachhaltiges Bauen gilt, starb Anfang Dezember 2024 ein ägyptischer Bauarbeiter, als er aus dem zweiten Stock eines im Bau befindlichen Gebäudes stürzte. Der Mann war zwischen 25 und 27 Jahre alt.
Die Gewerkschaft der Bauarbeiter am Hellinikon bezeichnete den Todesfall als ein Verbrechen der Arbeitgeber, das mit intensiven Arbeitsplänen, Überstunden, profitgetriebenen Fristen und unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen zusammenhänge. Wie das Business and Human Rights Centre dokumentiert, arbeiten die Beschäftigten dort regulär 13-Stunden-Schichten, auch an Wochenenden. Gewerkschaftsvertreter berichteten von wiederholten kleineren Unfällen und Beinahe-Unfällen auf der Baustelle. Als Reaktion auf den Todesfall rief die Gewerkschaft zu einem 48-stündigen Streik auf. Der Projektentwickler Lamda Development drückte in einer Stellungnahme sein tiefes Bedauern aus und betonte, dass Arbeitssicherheit und Gesundheitsmanagement griechischer Gesetzgebung und internationalen Standards entsprächen.
Das Hellinikon-Projekt, bei dem auf dem Gelände des ehemaligen Athener Flughafens bis 2036 ein kompletter Stadtteil mit Wohnungen, Hotels, Büros und Europas größtem Küstenpark entstehen soll, wirbt massiv mit seiner Nachhaltigkeit. Der Riviera Tower soll das höchste Gebäude Griechenlands werden und die LEED-Gold-Zertifizierung erhalten, ein internationales Gütesiegel für nachhaltiges Bauen. Doch die Arbeitsbedingungen scheinen mit den ökologischen Ambitionen nicht Schritt zu halten.
Noch dramatischer stellt sich die Lage in der Türkei dar. Ein Bericht der Organisation İşçi Sağlığı ve İş Güvenliği Meclisi dokumentiert, dass allein im November 2024 mindestens 216 Arbeiter bei Arbeitsunfällen ums Leben kamen. In den ersten elf Monaten des Jahres 2024 starben insgesamt 1.956 Menschen bei der Arbeit, darunter 85 Kinder. Die Organisation spricht bewusst von Arbeitsmorden statt von Arbeitsunfällen, da die Todesfälle durch bessere Sicherheitsstandards vermeidbar gewesen wären.
Besonders alarmierend ist der Anstieg der Kinderarbeit. 2024 war mit 71 tödlichen Kinderunfällen bereits ein Rekordjahr, 2025 wurde diese Zahl schon im November überschritten. Die Kinder arbeiten offiziell als Auszubildende oder Praktikanten in Fabriken, Werkstätten, auf Baustellen, in kleinen Läden und Einkaufszentren. Im November 2024 starben allein 13 Kinder bei Arbeitsunfällen, unter anderem in der Landwirtschaft, der Lebensmittel-, Chemie-, Holz- und Bauindustrie. Auch 19 Arbeiterinnen und mindestens zwölf Migranten kamen im selben Monat ums Leben.
Nachhaltigkeit ganzheitlich denken
Die Beispiele zeigen, dass die europäische Bauwirtschaft vor einer doppelten Herausforderung steht. Einerseits muss sie tatsächlich klimaneutral werden, um die Pariser Klimaziele nicht zu gefährden. Die technischen Lösungen dafür existieren oder befinden sich in der Entwicklung. CCS-Technologien, alternative Bindemittel, energieeffiziente Baustoffe und die verstärkte Nutzung nachwachsender Rohstoffe wie Holz können den CO2-Fußabdruck des Bausektors dramatisch senken. Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und EU-Förderprogramme stellen die finanziellen Mittel bereit, um die Transformation zu beschleunigen.
Andererseits darf Nachhaltigkeit nicht auf Klimaschutz reduziert werden. Die soziale Dimension, die das S in ESG repräsentiert, muss gleichberechtigt neben den Umweltzielen stehen. Solange auf europäischen Großbaustellen Arbeiter durch vermeidbare Unfälle sterben, weil Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden, Überstunden die Regel sind und Kinder auf Baustellen arbeiten müssen, bleibt das Versprechen eines nachhaltigen Bauens unerfüllt.
Die neue EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD), die Unternehmen zur Sorgfaltsprüfung in ihren Lieferketten verpflichtet, könnte hier Verbesserungen bringen. Große Baukonzerne müssten dann nicht nur ihre eigenen Emissionen, sondern auch die Arbeitsbedingungen bei Subunternehmern und Zulieferern überwachen. Doch die Umsetzung dieser Richtlinie wird von der Industrie kritisch begleitet, und die Gefahr besteht, dass auch hier die Anforderungen verwässert werden.
Deutschland und die EU müssen deshalb bei ihren Nachhaltigkeitsinitiativen einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Klimaneutrale Zementwerke und energieeffiziente Gebäude sind notwendig, aber nicht hinreichend. Faire Löhne, sichere Arbeitsplätze, geregelte Arbeitszeiten und die konsequente Bekämpfung von Kinderarbeit müssen mit der gleichen Konsequenz durchgesetzt werden wie CO2-Reduktionsziele. Nur dann wird die Bauwirtschaft ihrer Verantwortung für Mensch und Umwelt gleichermaßen gerecht.
Die Branche selbst muss erkennen, dass echte Nachhaltigkeit auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann. Investoren und Bauherren achten zunehmend auf ESG-Kriterien, und Gebäude mit entsprechenden Zertifizierungen erzielen höhere Preise. Doch diese Zertifikate müssen mehr beinhalten als nur Energieeffizienz und CO2-Bilanzen. Sie müssen auch dokumentieren, unter welchen Bedingungen die Gebäude errichtet wurden und ob dabei fundamentale Arbeitsrechte eingehalten wurden. Nur so wird aus grünem Bauen wirklich nachhaltiges Bauen.