Wirtschaft

Grüne Gebäude in der Krise: Europa verliert trotz strenger Regulierung massiv an Dynamik

Die globale Transformation zu klimaneutralen Immobilien kommt ins Stocken. Während Europa weiterhin als Vorreiter gilt, zeigt der aktuelle Nachhaltigkeitsbericht der Royal Institution of Chartered Surveyors einen alarmierenden Trend: Der europäische Sustainable Building Index ist innerhalb eines Jahres von 63 auf 39 Punkte eingebrochen. Besonders brisant: Fast die Hälfte der Befragten weltweit misst CO₂-Emissionen in Bauprojekten überhaupt nicht.

13.01.2026

Grüne Gebäude in der Krise: Europa verliert trotz strenger Regulierung massiv an Dynamik

Die Zahlen des RICS Sustainability Report 2025 sind ernüchternd. Trotz steigendem Klimabewusstsein und verschärfter Regulierung verliert der Markt für nachhaltige Gebäude weltweit an Fahrt. Der globale Sustainable Building Index fällt von 41 auf 30 Punkte und erreicht damit den niedrigsten Stand seit mehreren Jahren. Noch 2021 lag der Wert bei 55 Punkten. Die Umfrage unter mehr als 3.500 Fachleuten aus 36 Ländern offenbart eine besorgniserregende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Europa, das mit Instrumenten wie der EU-Taxonomie, der Energy Performance of Buildings Directive und dem erweiterten Emissionshandelssystem international Maßstäbe setzt, büßt massiv an Momentum ein. Susanne Eickermann-Riepe, Vorsitzende des RICS European World Regional Board, konstatiert: „Trotz des weltweit steigenden Bewusstseins für Klimarisiken, dem steigenden regulatorischen Druck und der ungebremsten Nachfrage für nachhaltige Gebäude fällt der RICS Sustainable Building Index deutlich.“

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Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig. Wirtschaftliche Unsicherheiten, gestiegene Baukosten und ein Mangel an eindeutigen Richtlinien bremsen die Transformation. Besonders problematisch: 46 Prozent der Befragten weltweit geben an, CO₂-Emissionen in Bauprojekten gar nicht zu messen. Dies steht in scharfem Kontrast zur Tatsache, dass der Bausektor für rund 40 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich ist.

In Deutschland zeigt sich ein differenziertes Bild. Mit einem Sustainable Building Index von 37 Punkten bewegt sich die Bundesrepublik im europäischen Mittelfeld. Während 44 Prozent der Befragten auf Nutzerseite von steigender Nachfrage nach nachhaltigen Gebäuden berichten, sehen 50 Prozent keine Veränderung. Bei Investoren fällt das Bild ähnlich aus: 46 Prozent verzeichnen steigende Nachfrage, 47 Prozent ein stabiles Niveau.

Die Prioritäten deutscher Investoren und Nutzer sind klar definiert. Energieeffizienz dominiert mit 91 Prozent Zustimmung bei Investoren und 84 Prozent bei Nutzern als wichtigstes Kriterium. Erneuerbare Energien folgen mit 75 beziehungsweise 86 Prozent. Auffällig ist die Diskrepanz bei der Innenraumqualität: Während 98 Prozent der Nutzer Luftqualität und thermischen Komfort als zentral erachten, sind es bei Investoren nur 28 Prozent. Gebäudezertifizierungen wie BREEAM, DGNB oder WELL werden von 100 Prozent der Investoren als wichtig eingestuft.

Das größte Investitionshemmnis bleiben die hohen Anfangskosten, die 56 Prozent der deutschen Befragten nennen. Fast ebenso problematisch ist die Unsicherheit über den wirtschaftlichen Mehrwert: 54 Prozent bemängeln fehlende Nachweise zum Return on Investment. Eickermann-Riepe mahnt: „CO₂-Emissionen zu messen, ist nur bei rund der Hälfte der Befragten ein Thema und Biodiversität und Resilienz scheinen in Europa auf Ablehnung zu stoßen.“

Tatsächlich zeigt sich beim Thema Klimaanpassung ein zurückhaltendes Meinungsbild. Nur 33 Prozent der deutschen Befragten betrachten die Anpassung von Gebäuden an extreme Wetterereignisse als kritisches Thema, während 36 Prozent neutral bleiben und fast ein Drittel die Relevanz ablehnt. Dies steht im Kontrast zu etablierten Nachhaltigkeitsthemen wie Energieeffizienz, die 53 Prozent als kritisch einstufen.

Global betrachtet verzeichnet nur die Region Middle East & Africa mit einem Index von 52 Punkten steigende Nachfrage nach nachhaltigen Gebäuden. Amerika erlebt den stärksten Einbruch: Der Index fällt von 25 auf nur noch 11 Punkte. Veränderte politische Rahmenbedingungen in den USA und fehlende Anreizprogramme werden als Hauptursachen genannt.

Der RICS-Bericht formuliert sechs zentrale Handlungsempfehlungen, darunter die verpflichtende Einführung lebenszyklusbasierter CO₂-Messungen, verbindliche Emissionsgrenzen für Neubau und Bestand sowie den Ausbau von Finanzierungsmechanismen für grüne Sanierungen. Ein globales Problem zeigt sich beim Fachkräftemangel: Nur 10 Prozent der Befragten fühlen sich mit Lebenszyklus-Emissionen vertraut.

Die Branche steht vor einer paradoxen Situation: Während die regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa strenger werden und das Bewusstsein für Klimarisiken steigt, verliert die praktische Umsetzung dramatisch an Schwung. Ohne konsequente politische Steuerung und wirtschaftliche Anreize droht die Transformation zu scheitern.

Quelle: UD
 

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