Energiewende verliert an Tempo: Experten fordern entschlossenes Handeln
Die Energiewende in Deutschland kommt voran, doch Experten schlagen Alarm. Der aktuelle Monitoringbericht zeigt erhebliche Defizite bei Versorgungssicherheit, Netzinfrastruktur und Energieeffizienz. Die unabhängige Expertenkommission fordert einen verlässlichen Rahmen statt Einzelmaßnahmen und warnt vor steigenden Kosten für Haushalte und Unternehmen.
06.01.2026
Die Energiewende steht an einem kritischen Wendepunkt. Während der Ausbau erneuerbarer Energien voranschreitet, offenbart der neue Monitoringbericht der Expertenkommission gravierende Schwachstellen im deutschen Energiesystem. Kommissionsvorsitzender Professor Andreas Löschel bringt die Lage auf den Punkt: „Die Energiewende kommt voran, doch der aktuelle Monitoringbericht zeigt: Insbesondere bei den Themen Versorgungssicherheit, Netzinfrastruktur und Energieeffizienz bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen.“
Die vier unabhängigen Energieexperten, die jetzt ihren Bericht an Staatssekretär Frank Wetzel im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie übergaben, identifizieren drei zentrale Handlungsfelder. An erster Stelle steht die dringende Anpassung des Marktdesigns an ein Stromsystem, das bereits zu mehr als 50 Prozent auf erneuerbaren Energien basiert. Preissignale müssen Anreize für einen effizienten Systembetrieb schaffen.
Professor Veronika Grimm unterstreicht die Bedeutung marktbasierter Mechanismen: „Um die Energiewende effizient voranzutreiben und die Kosten im Rahmen zu halten, ist es entscheidend, dass stärker auf Marktsignale gesetzt wird. Dies umfasst sowohl ein weiterentwickeltes Strommarktdesign als auch die Bepreisung von Emissionen. Nur so können Investitionen wirksam gesteuert und Fehlanreize vermieden werden.“
Besonders brisant ist die Frage nach regional differenzierten Börsenstrompreisen. Angesichts stark unterschiedlicher Standortbedingungen für die Stromerzeugung in Deutschland sieht die Kommission darin eine zentrale Voraussetzung für rationale Investitionsentscheidungen. Regional variierende Erlöse sollen die tatsächlichen wirtschaftlichen Knappheiten widerspiegeln und entsprechende Investitionsanreize setzen.
Ein weiteres Problemfeld betrifft die stofflichen Energieträger. Während der Hochlauf von Wasserstoff gestaltet werden muss, steht gleichzeitig der massive Rückgang von Erdgas und Mineralöl bevor. Dr. Felix Matthes stellt nüchtern fest: „Vor dem Hintergrund der klimapolitischen Ziele ist es notwendig, den Erdgasverbrauch in Deutschland zu reduzieren und längerfristig auf null zurückzuführen.“ Die Erdgasinfrastruktur, die nur teilweise für Wasserstoff umgenutzt werden kann, erfordert eine integrierte und flexible Strategie, die derzeit noch fehlt. Ähnliche Herausforderungen bestehen für die Mineralölwirtschaft und den Raffineriesektor.
Die Expertenkommission betont nachdrücklich, dass bezahlbare Energie entscheidend für den Erfolg der Energiewende sei. Nur so lasse sich industrielle Abwanderung verhindern und eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung gewährleisten. Dabei sollten nach Ansicht der Experten Maßnahmen zur Senkung der Systemkosten Vorrang vor staatlichen Entlastungen haben.
Mit Blick auf die Zukunft sieht die Kommission das Stromsystem in einer neuen Phase, in der erneuerbare Energien bald zwei Drittel der Stromerzeugung abdecken werden. Gleichzeitig müssen weitere Teile der Wärmeversorgung, der Mobilität und industrieller Prozesse elektrifiziert werden. Professor Anke Weidlich betont: „Deshalb ist es richtig und notwendig, stärkere Anreize für systemdienliche Investitionen und einen systemdienlichen Betrieb von Erzeugungsanlagen, Speichern und der flexiblen Stromnachfrage zu schaffen, um die Integration der erneuerbaren Energien zu verbessern und die dringend benötigte Elektrifizierung zu fördern.“
Löschel fasst die zentrale Botschaft zusammen: „Es braucht jetzt Entschlossenheit, damit die Energiewende Kurs hält. Dabei geht es nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um einen verlässlichen und langfristig stabilen Rahmen für die Energiewende.“ Unnötige und kontraproduktive Maßnahmen sollten zurückgefahren werden, die Förderung müsse konsistent, effizient und aufeinander abgestimmt erfolgen.