Deutsche Bauindustrie: Gefangen im Krisenmodus
Die Branche erkennt digitale Chancen, scheitert aber an der Umsetzung – Wissenslücken und Bürokratie verhindern den Durchbruch
12.01.2026
Deutschlands Bauindustrie steht an einem gefährlichen Scheideweg. Während 85 Prozent der Unternehmen über zunehmenden Kostendruck klagen und zwei Drittel mit Umsatzeinbußen kämpfen, kommt die dringend benötigte Digitalisierung nicht vom Fleck. Die Branche gleicht einem Patienten, der seine Diagnose kennt, aber die Therapie nicht anwendet. Eine aktuelle Studie von PwC Deutschland offenbart: Die Schere zwischen erkannten Potenzialen und tatsächlichen Fähigkeiten klafft immer weiter auseinander.
Digitalisierung im Rückwärtsgang
Die Ironie der Situation könnte größer kaum sein. Bauunternehmen wissen genau, welche digitalen Lösungen ihre Probleme adressieren könnten. 62 Prozent attestieren IoT-Lösungen auf der Baustelle große Chancen. Doch nur 10 Prozent verfügen über starke Fähigkeiten in diesem Bereich. Bei künstlicher Intelligenz, Visualisierungstechnologien und Simulation zeigt sich ein ähnliches Bild: Das Bewusstsein ist da, die Umsetzung fehlt. Noch besorgniserregender ist die Entwicklung bei etablierten Technologien wie Building Information Modeling. Hier hat es in den vergangenen Jahren weder Fortschritte beim Mehrwert noch bei den Kompetenzen gegeben.
Die Zahlen zeichnen das Bild einer Branche, die im Stillstand gefangen ist. 82 Prozent der befragten 100 Bauunternehmen und Planungsbüros nennen fehlendes fachliches Know-how als Haupthindernis für digitale Transformation. Der Fachkräftemangel lähmt nicht nur die Baustellen, sondern auch die digitale Entwicklung. Diese Entwicklung ist besonders paradox, weil digitale Lösungen gerade dabei helfen könnten, Personalengpässe zu kompensieren und Prozesse effizienter zu gestalten.
Wenn der Markt nicht nachfragt
Die fehlende Nachfrage nach digitalen Lösungen in Vergabeverfahren verschärft der Misere zusätzlich. Während 2021 noch 32 Prozent der Befragten von einer starken Nachfrage nach digitalen Lösungen bei Ausschreibungen berichteten, ist dieser Wert auf magere 16 Prozent gesunken. Die Auftraggeber, die als Katalysator für Innovation fungieren könnten, bremsen die Entwicklung aus. Ohne Anreize von außen fehlt den Unternehmen offenbar die Motivation, in digitale Kompetenzen zu investieren.
Christian Elsholz, Partner bei PwC Deutschland, bringt es auf den Punkt: Die Baubranche agiere zu träge und nutze ihre Möglichkeiten nicht. Das verhindere die dringend benötigte Steigerung der Produktivität. Die Konsequenz ist eine gefährliche Abwärtsspirale. Ohne Produktivitätssteigerung steigt der Kostendruck, ohne digitale Transformation sinkt die Wettbewerbsfähigkeit, und ohne Fachkräfte fehlt das Know-how für den Wandel.
Der Umbruch als Chance?
Trotz aller Probleme sehen 70 Prozent der Unternehmen in den aktuellen Krisen auch Chancen. Sie erwarten, dass sich durch die Umbrüche neue Geschäftsfelder entwickeln. 60 Prozent rechnen sogar mit einer kompletten Neuausrichtung ihres Geschäfts. Etwa die Hälfte geht bereits Umstrukturierungen in ihrer Organisation an. Die Frage ist nur: Haben sie die Ressourcen und das Wissen, um diese Transformation erfolgreich zu meistern?
Die Liste der Belastungen ist lang. Neben dem Kostendruck (85 Prozent) und dem Fachkräftemangel (81 Prozent) sorgen instabile Planungen durch wegbrechende Projekte (ebenfalls 81 Prozent) für Unsicherheit. Zwei Drittel leiden unter Preisvolatilität, mehr als die Hälfte unter steigenden Zinsen und Umsatzeinbrüchen. Immerhin hat sich die Situation bei den Lieferketten entspannt: Nur noch 48 Prozent berichten von Verzögerungen bei Materiallieferungen, gegenüber 90 Prozent in den Jahren 2021 und 2022.
Nachhaltigkeit auf der Kriechspur
Im Bereich Nachhaltigkeit macht die Branche zumindest kleine Fortschritte. Drei von vier Unternehmen haben mittlerweile standardisierte ESG-Prozesse aufgesetzt. Der Anteil derer, die durch externe Vorgaben definierte Ziele verfolgen, stieg von 44 Prozent im Vorjahr auf 64 Prozent. Dennoch gibt es erhebliche Umsetzungslücken. Nur ein Viertel der Unternehmen bezieht die Erfüllung von ESG-Vorgaben in die Vergütung ihrer Mitarbeitenden ein – ein Instrument, das als zentral gilt, um Nachhaltigkeit fest in der Organisation zu verankern.
Die größten Hemmnisse bei der vollständigen Umsetzung von Nachhaltigkeitsregularien sind laut Studie unklare politische Vorgaben und Wissenslücken in den eigenen Reihen. Fast zwei Drittel der Befragten sehen das Problem bei fehlenden oder zu spät formulierten politischen Vorgaben. 60 Prozent nennen mangelnde Erfahrung mit nicht-finanziellen Reportings als Stolperstein.
Besonders problematisch: Während die „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) zwar nur große Unternehmen direkt zur Berichterstattung verpflichtet, geraten auch kleinere Bauunternehmen zunehmend unter Druck. Banken verlangen bei der Kreditvergabe immer häufiger Nachhaltigkeitsnachweise. Auftraggeber, insbesondere öffentliche Bauherren, fordern ESG-Kriterien in Ausschreibungen ein. Auch künftige Gebäudenutzer stellen vermehrt Fragen zur nachhaltigen Bauweise. Die gesamte Lieferkette wird faktisch erfasst, auch wenn die formale Berichtspflicht nicht greift. Die Verzögerungen bei den politischen Vorgaben erhöhen die Unsicherheit und vermindern die Akzeptanz – gerade bei den kleineren Unternehmen, die ohnehin mit begrenzten Ressourcen kämpfen.
Bemerkenswert ist, dass die Bauindustrie trotz ihrer Rolle als einer der größten CO₂-Emittenten Nachhaltigkeit noch nicht als wirtschaftliche Chance begreift. Nur vier von zehn Befragten sehen die Notwendigkeit zur Reduktion von Emissionen als Treiber für nachhaltige Entwicklung. Lediglich ein Drittel erkennt Kosteneinsparungen als Anreiz. Weniger als jeder Fünfte glaubt, dass nachhaltiges Handeln dabei hilft, Mitarbeitende zu binden oder Investoren zu überzeugen. Der Haupttreiber bleibt die regulatorische Keule: 70 Prozent nennen gesetzliche Vorgaben als wichtigsten Impuls.
Politik in der Pflicht
Die Branchenvertreter sehen die Politik klar in der Verantwortung. Jeweils neun von zehn Befragten fordern den Abbau bürokratischer und regulatorischer Hürden sowie den Ausbau der digitalen Infrastruktur. 83 Prozent sprechen sich für standardisierte Vertragsbedingungen aus, 76 Prozent wünschen sich größere Anreize seitens der Auftraggeber für bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Rebekka Berbner, Partnerin bei PwC Deutschland, betont, dass nach dem Teil-Kollaps der Lieferketten und dem Zinsschock nun die Auswirkungen der schwachen konjunkturellen Entwicklung folgen. Die Bauindustrie müsse die Zügel selbst in die Hand nehmen und entschlossen in ihre digitale und nachhaltige Transformation investieren.
Die Frage ist, ob die Branche dazu noch in der Lage ist. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass 46 Prozent der Unternehmen die aktuellen Rahmenbedingungen stark oder sehr stark belasten. Die Verbindung von externem Druck, internen Wissenslücken und fehlenden Impulsen vom Markt könnte sich als toxisch erweisen. Während andere Industriezweige die Digitalisierung als Wettbewerbsvorteil begreifen und vorantreiben, droht die Bauindustrie den Anschluss zu verlieren.
Ein gefährliches Warten
Die deutsche Baubranche befindet sich in einem gefährlichen Wartezustand. Sie wartet auf politische Klarheit bei Nachhaltigkeitsvorgaben, auf digitale Nachfrage in Ausschreibungen, auf Fachkräfte mit digitalem Know-how. Doch Warten kostet Zeit und Wettbewerbsfähigkeit. Die Konkurrenz aus dem Ausland, die teilweise deutlich weiter in der Digitalisierung ist, schläft nicht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die deutschen Bauunternehmen den Wandel noch schaffen oder ob sie zu den Verlierern der digitalen Transformation gehören werden.
Die Studie von PwC zeigt: Das Bewusstsein für die Probleme ist da, die Bereitschaft zur Veränderung ebenfalls. Was fehlt, sind Wissen, Ressourcen und der Mut, auch ohne äußeren Zwang voranzugehen. Die Bauindustrie steht vor der Wahl: selbst gestalten oder gestaltet werden. Die Zeit für eine Entscheidung läuft ab.