Umwelt

Zwischen Taifunen und Energiewende: Warum die Philippinen nicht einfach auf Gas verzichten können

Der größte Erneuerbare-Energien-Konzern der Philippinen steht vor einem Dilemma: Einerseits muss das Unternehmen seine Anlagen gegen immer stärkere Wirbelstürme wappnen, andererseits soll es möglichst schnell aus fossilen Energieträgern aussteigen. Doch der Weg zur Klimaneutralität erweist sich als komplizierter Balanceakt zwischen Umweltschutz, Energiesicherheit und wirtschaftlichen Realitäten.

04.02.2026

Zwischen Taifunen und Energiewende: Warum die Philippinen nicht einfach auf Gas verzichten können

Als der Supertaifun Goni im Jahr 2020 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 Kilometern pro Stunde über die Bicol-Region hinwegfegte, dachte Joel Jay Soriano sofort an das Geothermiekraftwerk Bac-Man. Die 150-Megawatt-Anlage liegt in der hügeligen Region der Philippinen, mitten im Zentrum der Taifunallee Südostasiens. Doch diesmal war alles anders als beim verheerenden Taifun Haiyan sieben Jahre zuvor.

„Während andere Kraftwerke auf Treibstofflieferungen oder Reparaturen warteten, half Bac-Man bereits dabei, die Gemeinden wieder ans Netz anzuschließen“, erinnert sich Soriano, Strategiechef bei First Gen, dem größten Erneuerbare-Energien-Unternehmen der Philippinen. Drei Jahre Vorarbeit hatten sich ausgezahlt: verstärkte Kühltürme, stabilisierte Pipelines, eine Infrastruktur, die Windgeschwindigkeiten von 300 Kilometern pro Stunde standhalten kann.

Die Philippinen werden jährlich von durchschnittlich 22 Taifunen heimgesucht, Tendenz steigend. Der Klimawandel sorgt für höhere Meerestemperaturen und damit für intensivere Stürme. „Man kann sich nicht nur gegen eine Gefahr wappnen, man muss an alle Katastrophen denken“, sagt Soriano. Die Ingenieure stehen vor einem Paradox: Die Infrastruktur muss starr genug sein, um Stürmen zu trotzen, aber flexibel genug, um Erdbeben zu überstehen. 2017 legte ein Beben der Stärke 6,5 ein Geothermiekraftwerk von First Gens Tochterunternehmen Energy Development Corporation vorübergehend lahm.

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Während Soriano die Anlagen gegen die Folgen des Klimawandels rüstet, soll er gleichzeitig dafür sorgen, dass First Gen selbst weniger zum Klimawandel beiträgt. Das Unternehmen betreibt derzeit 2.700 Megawatt Leistung, davon 1.650 Megawatt aus erneuerbaren Quellen und 1.050 Megawatt aus Erdgas. Bis 2050 will der Konzern klimaneutral sein, was bedeutet: Die Gasanlagen müssen irgendwann stillgelegt werden.

Doch so einfach ist das nicht. „Es ist ein Balanceakt“, erklärt Soriano im Gespräch mit dem Fachmagazin Eco-Business. „Als Archipel ist es bereits schwierig, die Inseln mit Strom zu verbinden, und wir müssen energetisch autark sein, sonst haben wir keinen Strom.“ Der Ausstieg aus Gas muss behutsam erfolgen, während gleichzeitig ehrgeizige Wachstumsziele verfolgt werden. Bis 2030 will First Gen seine Kapazität um 13 Gigawatt steigern, davon 9 Gigawatt aus erneuerbaren Energien und 4 Gigawatt aus Gas.

Die absolute Menge an Emissionen wird zunächst steigen, doch die Kohlenstoffintensität sinkt bereits, weil der Anteil erneuerbarer Energien überproportional wächst. Anfang Dezember verkaufte First Gen 60 Prozent seines Gasgeschäfts an Prime Infrastructure Capital und wird die Erlöse von 850 Millionen US-Dollar in Erneuerbare-Energien-Projekte investieren.

Das größte Hindernis beim Ausbau der erneuerbaren Energien sind jedoch nicht die Technologien selbst, sondern die bürokratischen Hürden. „Was uns ausbremst, sind die sehr lokalisierten Genehmigungsregeln für Energieprojekte“, sagt Soriano. Auf den Philippinen sind die lokalen Behörden weitgehend unabhängig von der Zentralregierung und haben jeweils eigene Genehmigungsverfahren. Auf nationaler Ebene müssen Entwickler mit zahlreichen Ministerien verhandeln, vom Energieministerium über das Umweltministerium bis hin zur Kommission für indigene Völker.

Besonders heikel ist die Frage nach dem Landverbrauch. „Wenn wir sagen, wir entwickeln 100 Megawatt Windkraft an Land, bedeutet das, Land zu nutzen, das für die Landwirtschaft verwendet werden könnte“, gibt Soriano zu bedenken. Die Philippinen sind ein landwirtschaftlich geprägtes Land, und der Flächenbedarf für erneuerbare Energien ist im Vergleich zu Kohle- oder Gaskraftwerken gleicher Kapazität erheblich größer.

Die Kommunikation mit lokalen Gemeinden und Umweltschutzgruppen ist entscheidend. Als EDC ankündigte, weitere Bohrungen durchzuführen, um das Geothermiekraftwerk in Negros zu erweitern, gab es Bedenken, dass mehr Bäume gefällt werden müssten. „Das Fällen einiger Bäume war unvermeidlich. Aber selbst wenn wir Bäume fällen, ersetzen wir sie“, sagt Soriano. Die Vorschriften verlangen, dass für jeden gefällten Baum zehn neue gepflanzt werden müssen. First Gen geht darüber hinaus und ersetzt einen Baum durch mindestens 100 neue, wobei bewusst endemische Arten ausgewählt werden. In der Provinz Negros, die im Jahr 1900 noch vollständig bewaldet war, befinden sich heute nur noch vier Prozent der ursprünglichen Waldfläche, ein Großteil davon in den Konzessionsgebieten von EDC.

Die größte Herausforderung sieht Soriano jedoch in der Transformation des gesamten Energiesystems. „Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, eine Energiequelle zu ersetzen, die 60 Prozent des Strommixes ausmacht“, sagt er. 12.000 Megawatt Kohlekraftwerke müssen vom Netz genommen werden, einige davon neu, andere am Ende ihres Lebenszyklus. Das erfordert einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien.

Der Renewable Energy Act und die Green Energy Auction der Regierung bieten gute Rahmenbedingungen. Die vierte Ausschreibungsrunde läuft bereits, und wenn alle geplanten Anlagen gebaut werden, kommen allein auf der Hauptinsel Luzon im nächsten Jahr 3 Gigawatt Solarenergie hinzu, im darauffolgenden Jahr ein weiteres Gigawatt.

Ein weiterer Hoffnungsträger ist die mögliche Anbindung der Philippinen an das ASEAN-Stromnetz. Energieministerin Sharon Garin hat kürzlich erklärt, dass fast überall in Südostasien ein verbundenes Energiesystem existiert, nur die Philippinen fehlen noch. Aus technischer Sicht wäre eine Verbindung zwischen der südphilippinischen Region Mindanao und Malaysia jedoch anspruchsvoll, da Unterseekabel erforderlich wären und erhebliche Übertragungsverluste entstünden.

Soriano sieht die größeren Chancen in der nicht-physischen Vernetzung, insbesondere bei Kohlenstoffmärkten und Finanzierungsmechanismen. Die Philippinen veröffentlichten im Oktober ihre ersten Regeln für Emissionsgutschriften, doch der Markt steht noch am Anfang. „Sobald die regionalen Märkte harmonisiert sind, würden wir alle den gleichen Preis zahlen, weil jeder um Emissionsgutschriften konkurrieren würde“, erklärt Soriano. Erst dann würde es wirklich Sinn ergeben, als Region gemeinsam Transformationsinitiativen voranzutreiben.

Bei der Frage nach Atomkraft bleibt First Gen skeptisch. „Die Hauptsorge ist, dass wir bisher noch auf kein Projekt gestoßen sind, das pünktlich und im Budget ohne staatliche Unterstützung abgeschlossen wurde“, sagt Soriano. Auch die Entsorgung des Atommülls sei ein ernstes und teures Problem. Die Tür zur Kernenergie sei nicht komplett geschlossen, aber man müsse sicher sein, dass ein solches Projekt erfolgreich sein würde.

Der Energiewandel auf den Philippinen ist mehr als eine technische Herausforderung. Es geht um die Frage, wie ein Land, das zu den klimaverwundbarsten der Welt gehört, seine Energieversorgung sichert, ohne dabei die Umwelt weiter zu belasten. Soriano und sein Team bei First Gen navigieren durch dieses komplexe Geflecht aus Naturgewalten, politischen Vorgaben und wirtschaftlichen Zwängen. „Es ist die richtige Sache“, sagt Soriano über die Energiewende. Die Frage ist nur: Wie schnell kann sie gelingen, ohne dass dabei die Lichter ausgehen?

Quelle: UD
 

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