Wie der letzte freie Strom Asiens zum Opfer des Seltene-Erden-Booms wird
Unregulierter Bergbau in Myanmar verseucht Asiens längsten ungedämmten Fluss mit Arsen. Die Schadstoffwerte überschreiten den WHO-Grenzwert um das Fünffache. Für Zehntausende Fischer und Bauern an beiden Ufern gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten.
15.05.2026
Saw Si Paw Rak Salween heißt nach dem Fluss, den er liebt. Als er die thailändische Staatsbürgerschaft erhielt und einen Familiennamen wählen musste, entschied er sich für „Rak Salween“ – „Liebe den Salween“. Täglich sticht er auf dem Grenzfluss in See, um die mit seinem Vater über Nacht ausgelegten 8 Meter langen Netze einzuholen. Nun warnen die Behörden davor, den Fisch aus dem Salween zu essen. Arsen, fünf Mal über dem WHO-Grenzwert, hat den Fluss, den Saw Si Paws Familie über Generationen ernährt, vergiftet.
Der Salween entspringt den Schneeschmelzen Tibets, durchfließt China und Myanmar und bildet auf einem kurzen Abschnitt die Grenze zu Thailand, bevor er nach rund 3.300 Kilometern ins Indische Meer mündet. Er ist Asiens längster ungedämmter Fluss, ein Biodiversitäts-Hotspot und Lebensader für Millionen Menschen. Dass ausgerechnet er kontaminiert ist, trifft Pianporn Deetes, Geschäftsführerin der Organisation Rivers and Rights, besonders hart: „Für mich persönlich hatte ich noch die Hoffnung, dass der Salween das unberührteste Flusssystem ist, weil wir ihn vor Staudämmen und Umleitungsprojekten geschützt haben“, sagte sie gegenüber Mongabay. „Als die Testergebnisse herauskamen, war es schwer zu beschreiben. Die Zerstörung war jenseits meiner Vorstellungskraft – das Schlimmste, was passieren konnte.“
Die Ursache liegt stromaufwärts, jenseits der Grenze, in einem Gebiet, das kaum jemand kontrolliert. Das Stimson Center, ein US-amerikanischer Think Tank, hat per Satellitenbildanalyse 127 Verdachtsminen im Einzugsgebiet des Salween identifiziert. Allein seit 2023 sind 28 neue Minen hinzugekommen, 5 davon zeigen das charakteristische Profil von In-situ-Laugungsanlagen, typisch für den Abbau Seltener Erden. Bei dieser Methode werden chemische Lösungen in den Boden gepumpt, um Mineralien aufzulösen und nach oben zu fördern. Was genau abgebaut wird, bleibt unklar: Die ethnischen Fraktionen, die diese Gebiete im Shan-Staat kontrollieren, die United Wa State Army und die Myanmar National Democratic Alliance Army, haben keine Angaben gemacht. Mongabay erhielt auf Anfragen keine Antwort.
Die Abbauaktivitäten in Myanmar sind Teil eines regionalen Seltene-Erden-Booms, der durch Chinas steigende Nachfrage und verschärfte heimische Regulierung befeuert wird. Mineralien aus diesen Minen landen in Lieferketten für Elektrofahrzeuge, Mobiltelefone, künstliche Intelligenz und erneuerbare Energietechnologien. Laut Mongabay wurden bisher 513 Abbaustandorte entlang von 6 Flusssystemen in Myanmar identifiziert, mit einem wirtschaftlichen Schaden von rund 40 Millionen Dollar für Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus in Nordthailand. Arsen, Blei und andere Schwermetalle aus den Minen fließen durch natürliche Drainage und bei Starkregen in die Flüsse – und weiter nach Thailand.
Im September 2025 begann ein Team der Universität Chiang Mai mit unabhängigen Wasserproben am Salween und fand Arsengehalte von 0,05 Milligramm pro Liter – 5 Mal über dem WHO-Richtwert von 0,01 Milligramm pro Liter. Thailands Behörde für Umweltverschmutzungskontrolle bestätigte in eigenen Tests im November 2025 und Januar 2026 das Problem: An allen 13 Messpunkten entlang des Flusses lagen die Arsenwerte mehr als doppelt so hoch wie der Sicherheitsgrenzwert, die Sedimentproben zeigten Werte zwischen 36 und 75 Milligramm pro Kilogramm, deutlich über der als „stark schädlich“ eingestuften Schwelle von 33 Milligramm pro Kilogramm. Der Behördensprecher räumte gegenüber Mongabay ein, es sei „sehr wahrscheinlich, dass die Kontamination aus grenzüberschreitenden Quellen stammt“.
Für die Gemeinschaften entlang des Flusses sind die Konsequenzen konkret und unmittelbar. Im Dorf Tha Ta Feng haben etwa die Hälfte der Bauern aufgehört, das Flusswasser zur Bewässerung zu nutzen. Doch Bauer Di Padee beschreibt die Lage nüchtern: „Für diejenigen, die an den Ufern des Salween wirtschaften, bleibt wirklich keine andere Wahl, als das kontaminierte Wasser zu nutzen.“ Luh Ge, ein ehemaliger Flüchtling aus dem Lager Mae La, hat seinen Hof mit Reis, Bohnen und Tabak gerade erst aufgebaut – und erfuhr mitten in seiner ersten Ernte von der Vergiftung. Er bezieht sein Wasser aus einem Nebenbach, fürchtet aber den Sommer: Wenn der Bach versiegt, ist er auf den Salween angewiesen.
Thailand hat diplomatisch reagiert, aber zögernd. Das Umweltministerium richtete eine Arbeitsgruppe ein und wandte sich an Myanmars Umweltministerium. Seit März 2026 laufen monatliche Wassertests. Eine echte Lösung ist nicht in Sicht: Myanmars Militärjunta kontrolliert den Shan-Staat kaum, und die ethnischen Milizen, die die Minenbetriebe dulden oder fördern, haben wenig Interesse an Regulierung. Laut Nation Thailand fließen die Abwässer einzelner Minen zudem auch in östliche Nebenflüsse des Mekong, was Laos und potenziell weitere Länder stromabwärts betreffen könnte. Brian Eyler vom Stimson Center drängt auf Gewässertests bis nach Kambodscha und Vietnam. Der Salween – jahrzehntelang gerettet vor Staudämmen – ist nun von einer Bedrohung getroffen, gegen die kein Umweltschutzgesetz gefeit ist.