Umwelt

Wie der Streit um den IPCC-Zeitplan die Weltklimapolitik gefährdet

Seit fünf Sitzungen in Folge können sich die 195 IPCC-Mitgliedstaaten nicht auf einen Zeitplan für den nächsten Sachstandsbericht einigen. Der Stillstand ist historisch einmalig – und könnte den zweiten globalen Klimabilanz-Prozess ohne die wichtigste wissenschaftliche Grundlage beginnen lassen.

06.05.2026

Wie der Streit um den IPCC-Zeitplan die Weltklimapolitik gefährdet

Der Kernkonflikt ist ein geopolitischer Grabenkampf. Wie Carbon Brief ausführlich dokumentiert, drängt eine Koalition aus kleinen Inselstaaten und entwickelten Ländern darauf, alle drei Arbeitsgruppenberichte bis Ende 2028 zu veröffentlichen, sodass ihre Erkenntnisse in den Lagebericht einfließen können. Eine zweite Gruppe, zu der China, Indien, Kenia, Russland und Saudi-Arabien gehören, besteht auf einem längeren Zeitplan mit dem Argument, Entwicklungsländer bräuchten mehr Zeit für die inhaltliche Prüfung und Genehmigung der Berichte. Eine Einigung ist bisher nicht in Sicht.

Beim Bangkok-Treffen im März 2026 stand das Thema ursprünglich gar nicht auf der Tagesordnung. Erst auf Drängen mehrerer Delegationen wurde es als eigener Punkt aufgenommen – und endete abermals ohne Ergebnis. IPCC-Vorsitzender Prof. Jim Skea hinterließ die Sitzung mit der Aufgabe, in der Geschäftsstelle eine Brückenformel zu finden. „Gibt es einen Übergangsvorschlag, ein Schema, das helfen könnte, die Seiten zusammenzubringen? Das ist, woran wir in den nächsten Monaten arbeiten müssen“, sagte Skea gegenüber Carbon Brief. Die nächste Sitzung, IPCC-65, ist für Oktober 2026 in Addis Abeba geplant und gilt als letztes realistisches Zeitfenster für eine Einigung, die den Lagebericht noch mit IPCC-Erkenntnissen versorgen könnte.

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Die Konsequenzen einer erneuten Blockade wären gravierend. Der zweite globale Bericht beginnt mit seiner Informationssammelphase bei der COP31 in Antalya, Türkei, im November 2026. Die technische Bewertungsphase läuft von Juni 2027 bis Juni 2028, ehe im November 2028 bei der COP33 die politischen Schlussfolgerungen gezogen werden. Wie Carbon Brief festhält: „Wenn man eine sinnvolle Einbeziehung der IPCC-Berichte haben will, müssen sie jetzt oder zu Beginn der Informationssammelphase vorliegen.“ Berichte, die erst nach dem Stocktake erscheinen, verlieren einen Großteil ihrer unmittelbaren politischen Wirkung.

Das Misstrauen zwischen den Lagern ist ein zentrales Hindernis. IPCC-Chef Skea sagte nach der Bangkok-Sitzung gegenüber Carbon Brief, es habe „nach meiner Einschätzung einen beträchtlichen Vertrauensverlust zwischen verschiedenen Ländergruppen“ gegeben. „Wir müssen das Vertrauensproblem angehen, ebenso wie die technischen Fragen des Zeitplanaufbaus.“ Hinter den Kulissen werfen sich die Lager gegenseitig vor, die Verzögerung strategisch einzusetzen. Ein früherer IPCC-Autor beschrieb gegenüber Carbon Brief das Beharren bestimmter Länder auf einem unklaren Abgabedatum als „klare Taktik, die Bedeutung der IPCC-Klimawissenschaft für klimapolitische Entscheidungen herunterzuspielen“.

Erschwerend kommt das Fernbleiben der USA hinzu. Nachdem die Trump-Regierung den Rückzug aus dem UNFCCC und dem IPCC angekündigt hatte, fehlten US-Delegierte erstmals in der Geschichte des Gremiums bei einer Sitzung – jener in Hangzhou im Herbst 2025, die IPCC-Chef Skea als „wahrscheinlich die schwierigste Sitzung, an die ich mich erinnern kann“ bezeichnete, wie Carbon Brief berichtete. Das Wegbrechen einer wissenschaftlich starken Delegation verändert das Kräfteverhältnis in den Verhandlungen. Gleichzeitig verfügt AR7 laut einer Carbon-Brief-Analyse immerhin über eine Rekordrepräsentation aus dem globalen Süden – 42 Prozent der mehr als 660 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen aus Institutionen in Entwicklungsländern.

Was auf dem Spiel steht, ist mehr als ein Sitzungskalender. Der IPCC-Sachstandsbericht ist das institutionelle Fundament, auf dem das Pariser Abkommen aufruht: Regierungen sollen ihre Klimaziele alle fünf Jahre schärfen, und der wissenschaftliche Befund des IPCC gibt vor, was physikalisch nötig wäre. Kommt dieser Befund zu spät, fehlt der politischen Runde das gemeinsame Referenzdokument. Saudi-Arabien, China und Russland haben in Bangkok laut dem Protokolldienst ENB die Bedeutung von IPCC-Berichten als Grundlage für den Bericht demonstrativ kleingeredet. Die Niederlande warnten, eine Veröffentlichung nach dem Stichtag würde deren Politikrelevanz „erheblich mindern“. Die Entscheidung in Addis Abeba im Oktober 2026 dürfte zeigen, ob das Gremium seinen eigenen Anspruch als globale Klimawissensinstanz noch einlösen kann.

Quelle: UD
 

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