Wie Recyclingpapier zum Schutz von Land- und Menschenrechten beiträgt
Zukunftsfähiger Umgang mit Papier und Kartonagen stellt einen wirkungsvollen Hebel dar im Sinne der notwendigen sozial-ökologischen Transformation. Denn sparsamer Verbrauch und Wahl von Recyclingpapierprodukten schützen nicht nur wertvolle Wälder und damit Klima und Artenvielfalt, sondern tragen auch zu besseren Lebensbedingungen vieler Menschen vor allem im globalen Süden bei.
05.05.2026
von Evelyn Schönheit
Es ist ein alter Hut, dass Recyclingpapiere – am besten mit Blauem Engel – Wald und Umwelt schonen. Weniger bekannt sind die sozialen und entwicklungspolitischen Folgen. Um 1 Kilogramm Primärfaserpapier herzustellen, werden rund 2,2 Kilo Holz benötigt, insgesamt landen etwa 40 Prozent der globalen industriellen Holzernte im Papier. Und während viele Menschen, zum Beispiel in den Ländern Afrikas, nicht genug Papier haben, um grundlegende Bedürfnisse an Hygiene, Bildung und Kommunikation zu decken, wofür die UN 30 Kilo pro Kopf veranschlagen, ist Deutschland fünftgrößter Verbraucher nach China, den USA, Japan und Indien. Wir haben somit eine hohe Verantwortung und große Gestaltungsmöglichkeiten: Bewusster Umgang mit Papier schützt Waldökosysteme, Klima, Biodiversität und Lebensräume. Wälder beherbergen etwa zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten, zudem leben rund 200 Millionen Menschen im und / oder vom Wald. Negativfolgen unseres Papierverbrauchs in Deutschland werden zumeist verlagert – über 80 Prozent des eingesetzten Holzes stammen aus Importen, vor allem aus Skandinavien und zunehmend aus Südamerika, wo Umweltauflagen schwächer und Arbeitskräfte billiger sind. In Schweden und Finnland dominiert eine intensive Forstwirtschaft mit Ein- und Kahlschlägen auch in schützenswerten Beständen. Durch die massive Abholzung haben Schwedens Wälder in den letzten Jahren etwa ein Sechstel ihrer CO2-Speicherkapazität verloren, Finnland ist inzwischen sogar Nettoemittent. Etwa die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten, die in Skandinavien auf den Roten Listen der bedrohten Arten stehen, sind auf den Lebensraum Wald angewiesen. Schwedische Umweltverbände sprechen von einer Krise der Biodiversität in ihrem Land. Leidtragende sind insbesondere auch die Samen, das einzige indigene Volk Nordeuropas, deren Rentiere auf intakte Wälder angewiesen sind, denn an deren Bäumen wachsen Flechten, Nahrungsgrundlage im Winter, wenn die Tiere nicht an Gras unter den gefrorenen Böden gelangen.
In Brasilien, Uruguay und Chile hingegen sind industrielle Baumplantagen das Hauptproblem: Um weitere Zellstoffkapazitäten mit Holz zu füttern, werden neue Eukalyptus-Pflanzungen angelegt, hauptsächlich auf Flächen, die Bauernfamilien teils seit Generationen nutzen, um Lebensmittel anzubauen und ihre Tiere zu halten. Doch meist haben sie keine offiziellen Besitzurkunden und werden vielfach unter schweren Land- und Menschenrechtsverletzungen vertrieben, es kommt zum Verlust von Grundstücken, Häusern, Dörfern. Manche ziehen dann in andere Gegenden, wo sie Wald roden um neue Flächen urbar zu machen, viele landen verarmt in den Slums der Städte. Zudem belasten die Monokulturen durch hohen Düngemittel- und Pestizideinsatz Böden und Gewässer und damit die Existenzgrundlagen lokaler und indigener Gemeinschaften. Einheimische nennen die Plantagen „Grüne Wüsten“, denn Eukalyptus benötigt für seinen raschen Wuchs große Mengen Wasser. Während in Skandinavien eine Fichte als typischer Baum für die Papierherstellung rund 70 Jahre braucht, kann Eukalyptus bereits nach 6 Jahren geerntet werden. Dies lässt in den ohnehin trockenen Gegenden Quellen versiegen, Grundwasserspiegel sinken und fördert schwere Brände wie 2023 bis 2025 in Chile; oder 2017 in Portugal, woher wir bedeutende Mengen Büropapiere beziehen. Eukalyptus besitzt ätherische Öle, diese entflammen rasch.
Ein chilenischer Aktivist beschreibt die Situation: „Dies war eine Gegend, wo die Menschen Weizen, Kartoffeln, Bohnen, Linsen und Obstbäume anbauten. Sie sammelten Medizinpflanzen und hatten Nutztiere wie Hühner. Wenn Baumplantagen expandieren, werden Bauern und Indigene vertrieben oder sie sehen, wie das Land degradiert wird und das Wasser verschwindet.“ Betroffen sind vor allem ärmere Teile der Bevölkerung, die noch unmittelbar auf saubere Flüsse und intakte Wälder angewiesen sind und bereits am stärksten unter der Klimakrise leiden, die wiederum durch Abholzung weiter befeuert wird.
Im Handlungsfeld Papier kann jeder sofort Teil der Lösung sein, durch sparsame Nutzung, Altpapiersammlung und konsequente Wahl von Produkten mit Blauem Engel. Gegenüber Primärfasern sparen Recyclingpapiere durchschnittlich fast 70 Prozent Energie, fast 80 Prozent Wasser, mindestens 15 bis über 42 Prozent CO2, reduzieren die Abwasserbelastung und das Abfallaufkommen. Dabei gewährleistet der Engel den Verzicht auf kritische Chemikalien, höchste Funktionalität und Lebensdauer. Dennoch dominieren beim Kopierpapier, also in vielen Büros, frische Fasern, im Schnitt beträgt der Altpapieranteil nur 18 Prozent. Bei Flyern, Broschüren und anderen Printprodukten sind es 47 Prozent. Und im Hygienebereich, also für Toilettenpapier, Taschentücher, Küchenrollen & Co., wo die wertvollen Fasern nach nur einmaliger Nutzung unwiederbringlich verloren gehen über Kanalisation beziehungsweise Restmüll, beträgt die Altpapierquote lediglich 39 Prozent. Dabei könnten Holzfasern via Papierrecycling mindestens 25 mal wiederverwendet werden.
Für Einsparungen sind bewährte Maßnahmen eine Erhebung der Verbrauchsmengen, Aktualisierung von Verteilern und knappe Druckauflagen, Wahl digitaler Varianten unter Berücksichtigung öko-sozialer Aspekte insb. mit Blick auf lange Lebensdauer der Endgeräte. Bei Verpackungen punkten die mit dem Blauen Engel ausgezeichnete memo Box sowie das RePack-System, von der Politik gilt es bundesweit einheitliche Mehrweg(pool)systeme zu fordern. Und im Hygienebereich ersetzen textile Alternativen zum Beispiel Servietten aus Bio-Baumwolle Einwegvarianten.
Weitere Hintergründe sind in den Sachinformationen der „Unterrichtsmaterialien Papier – von Natur bis Kultur“ zu finden, eine knappe Zusammenschau mit vielen Tipps zur Umsetzung bietet die digitale Ausstellung „Zukunftsfähig mit Papier“.