Wessen Wasser verbraucht die KI? Indiens Datenzentren auf Kosten der Ärmsten
Microsoft, Amazon, Google und der Adani-Konzern investieren zusammen fast 170 Milliarden Dollar in KI-Rechenzentren in Indien. Jede dieser Anlagen verbraucht täglich Millionen Liter Wasser – in Regionen, wo 342 Millionen Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser haben.
19.05.2026
Premierminister Narendra Modi lud beim KI-Gipfel im Februar in Neu-Delhi die Welt ein: „Wir heißen die Daten der ganzen Welt willkommen, in Indien zu residieren.“ Die Tech-Konzerne folgten. Microsoft, Amazon und Google hatten bereits Ende 2025 Investitionen in Höhe von jeweils Dutzenden Milliarden Dollar zugesagt, die Adani-Gruppe legte 2026 nochmals 100 Milliarden Dollar drauf. Zusammen kommen die ersten Verpflichtungen auf 167,5 Milliarden Dollar. Die Frage, wessen Ressourcen diese Infrastruktur verbraucht, wurde auf dem Gipfel nur am Rande gestellt.
Jedes große Rechenzentrum benötigt enorme Wassermengen, um seine Server zu kühlen. In Indiens heißem Klima wird überwiegend Verdunstungskühlung eingesetzt – ein Verfahren, bei dem rund 80 Prozent des entnommenen Wassers schlicht in die Luft abdunstet und für niemanden mehr verfügbar ist. Wie Outlook India analysiert, hat sich Indiens Rechenzentrumskapazität zwischen 2020 und 2025 von 0,4 auf 1,5 Gigawatt vervierfacht; bis 2030 sollen weitere 8 bis 10 Gigawatt gebaut werden. Bis 2030 könnte der Wasserverbrauch dieser Anlagen allein in Indien auf 358 Milliarden Liter jährlich ansteigen – mehr als doppelt so viel wie heute.
Die geografische Verteilung der Investitionen verschärft das Problem. Amazon baut in Hyderabad aus, obwohl die Stadt in wenigen Jahren mit einem täglichen Wasserdefizit von 909 Millionen Litern rechnet. Microsoft investiert in Pune, wo anhaltende Wasserknappheit im Vorjahr zu Protesten führte. Shalu Agrawal, Programmdirektorin beim Thinktank CEEW in Delhi, benennt die strukturelle Lücke klar: „Wir haben keine vollständigen Informationen darüber, welche Technologien die Unternehmen einsetzen. Wir brauchen Offenlegungsrahmen“, sagte sie gegenüber CBC News. Tatsächlich verfolgte 2020 nur rund die Hälfte der globalen Rechenzentrumsanbieter ihren Wasserverbrauch überhaupt, und nur zehn Prozent taten dies für alle ihre Standorte.
Die Zahlen der großen Konzerne sind beunruhigend. Googles globaler Wasserverbrauch stieg 2023 um 17 Prozent. Microsoft hat intern projiziert, dass sein Wasserverbrauch bis 2030 gegenüber 2020 mehr als doppelt so hoch sein wird – einschließlich in Gebieten mit Wasserknappheit. Hinzu kommt ein indirekter Effekt: Die enormen Strommengen, die Rechenzentren beziehen, speisen sich in Indien zu weiten Teilen aus thermischen Kraftwerken, die ihrerseits große Mengen Kühlwasser benötigen. Globale Schätzungen der Internationalen Energieagentur gehen davon aus, dass der durch KI verursachte gesamte Wasserverbrauch bis 2027 auf bis zu 6,6 Milliarden Kubikmeter jährlich steigen könnte, wie Outlook India berichtet.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit eine direkte politische Dimension. Während 342 Millionen Inderinnen und Inder keinen verlässlichen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben, entnehmen Datenzentren vielerorts Trinkwasserqualität aus kommunalen Leitungen – weil Salze und Verunreinigungen die Serverinfrastruktur beschädigen könnten. Der Dialogue-Earth-Analyse zufolge enthält nur fünf der 15 indischen Bundesstaaten-Policies für Datenzentren überhaupt Nachhaltigkeitsvorgaben. Die Entscheidung, KI-Servern Vorrang vor Trinkwasserbedarf einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen einzuräumen, ist keine technische, sondern eine politische.
Die Branche verweist auf Lösungen: Kreislaufkühlsysteme, die den Süßwasserverbrauch um bis zu 70 Prozent senken können, Nutzung von gereinigtem Abwasser, Standortwahl in wasserärmeren Regionen, „wasserpositiv“-Versprechen. Doch die Skepsis der Forschung ist berechtigt. Nur wenige dieser Zusagen sind rechtlich bindend oder unabhängig überprüfbar. Google etwa entnimmt 31 Prozent seines Süßwassers aus Einzugsgebieten mit mittlerem oder hohem Wasserstress. Der Anteil der seit 2022 in wassergestressten Regionen errichteten Datenzentren weltweit liegt bei zwei Dritteln. Dialogue Earth zitiert die treffende Einschätzung von Forschenden: Die sogenannten Lösungen seien „technokratische Anpassungen an eine fundamental fehlerhafte Prämisse – dass diese Expansionsdynamik unvermeidlich und wünschenswert ist“.
Indiens KI-Ambitionen sind nachvollziehbar: Das Land generiert 20 Prozent der globalen Daten, speichert aber nur drei Prozent davon. Datensouveränität und digitale Infrastruktur sind legitime Ziele. Doch der aktuelle Investitionsboom folgt einer Logik, in der die Kosten – Wasser, Strom, Boden – von jenen getragen werden, die am wenigsten von KI profitieren, während die Gewinne bei einigen der profitabelsten Konzerne der Welt verbleiben. Die politische Frage, die Indiens Regierung bislang kaum stellt, lautet: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Auflagen sollen diese Ressourcen vergeben werden?