Umwelt

Wenn der Traum vom großen Fußball auf glühendem Kunstrasen verbrennt

Ein 16-Jähriger bricht bei 33 Grad Celsius während eines Probetrainings zusammen, erleidet einen Herzstillstand und muss von Sanitätern wiederbelebt werden. Was sich wie ein tragischer Einzelfall anhört, wird zunehmend zur Normalität auf den Fußballplätzen Lateinamerikas und darüber hinaus. Der Klimawandel gefährdet eine ganze Generation von Nachwuchsspielern und zwingt den weltweit beliebtesten Sport zu einem fundamentalen Umdenken.

06.03.2026

Wenn der Traum vom großen Fußball auf glühendem Kunstrasen verbrennt

Der Vorfall ereignete sich am 21. November 2025 beim paraguayischen Traditionsverein Cerro Porteño, einem der populärsten Sportinstitutionen des Landes. Hunderte Jugendliche waren an diesem Tag erschienen, in der Hoffnung, sich für die Nachwuchsabteilung zu qualifizieren. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano nannte Fußball einst nicht nur den populärsten Sport der Welt, sondern auch „die Musik des Körpers und das Fest der Augen“. Doch extreme Hitze verwandelt dieses Fest zunehmend in ein gefährliches Risiko für Hunderttausende Kinder und Jugendliche weltweit. Die Temperaturen, bei denen der 16-Jährige kollabierte, sind längst keine Ausnahme mehr, sondern werden zur bedrohlichen Regel.

Gustavo Tognarelli, Koordinator der Nachwuchsabteilungen beim argentinischen Klub Newell’s Old Boys, betreut mehr als 400 Kinder und Jugendliche. Er beobachtet mit wachsender Sorge, wie die Sommerhitze in Argentinien das Training beeinträchtigt. Die Auswirkungen sind messbar und gefährlich. „Der Einfluss ist im Training spürbar. Es ist nicht dasselbe für ein Kind, das um acht Uhr morgens trainiert, wie für ein anderes, das um zehn Uhr trainiert“, erklärt Tognarelli gegenüber Dialogue Earth. Doch seiner Meinung nach ist das Problem der Hitze noch nicht auf der Agenda der meisten Institutionen angekommen, obwohl immer mehr Vereine es ernst nehmen müssten.

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Besonders problematisch hat sich laut Tognarelli der Trend zu Kunstrasenplätzen entwickelt. Während diese bei Regenwetter ihre Vorteile haben, erzeugen sie deutlich mehr Hitze auf dem Spielfeld als Naturrasen. Iván Vázquez, Leiter der Nachwuchsabteilungen bei Club Olimpia in Paraguay, formuliert es noch drastischer und fordert ein komplettes Verbot von Kunstrasen in seinem Land. „Die Temperaturen können den Füßen der Kinder schaden und Verbrennungen verursachen, wenn sie hinfallen“, warnt Vázquez. Einige seiner Spieler entwickelten nach einem Match auf Kunstrasen bei Temperaturen über 30 Grad Celsius Blasen an den Fußsohlen, Spielerinnen berichteten ähnliche Erfahrungen.

Die wissenschaftlichen Daten bestätigen die Beobachtungen der Trainer. Laut dem jüngsten Lancet Countdown Report hat die lateinamerikanische Region im Vergleich zum Zeitraum von 1991 bis 2000 einen Anstieg um Hunderte Stunden pro Jahr verzeichnet, während derer Gehen und Laufen ein Gesundheitsrisiko darstellen. Eine Hitzewelle in Südamerika im Jahr 2023, die durch den Klimawandel 60-mal wahrscheinlicher wurde, führte dazu, dass in Paraguay alle sommerlichen Jugendspiele zwischen 10 und 17 Uhr ausgesetzt wurden. Argentinische Ligen trafen ähnliche Entscheidungen.

Die Gefahr beschränkt sich keineswegs auf Südamerika. Gregory Wellenius, Forscher für Klimawandel und Umweltgesundheit an der Boston University School of Public Health, betont, dass die Herausforderung im Jugendfußball weit über Protokolle, Trainingszeiten und Spielflächen hinausgeht. Kinder sind bekanntermaßen anfälliger für Hitze als Erwachsene. Ihre Körper regulieren die Temperatur weniger effizient, sie schwitzen weniger und ihre Stoffwechselrate ist höher. Zudem mangelt es an strategischer Kommunikation. „Es reicht nicht aus, bei extremen Temperaturen allgemeine Warnungen in den Medien oder sozialen Netzwerken zu veröffentlichen“, erklärt Wellenius. Diese Informationen müssten strategisch an diejenigen kommuniziert werden, die das Vertrauen in diesen Gemeinschaften genießen, wie Mütter und Trainer.

Die internationale Fußballwelt beginnt erst langsam, auf die Krise zu reagieren. Ein im vergangenen Jahr von Football for Future veröffentlichter Bericht warnte, dass 14 der 16 Stadien, die in diesem Jahr Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA ausrichten sollen, die sicheren Schwellenwerte für Klimagefahren überschreiten, einschließlich extremer Hitze. Der südamerikanische Fußballverband Conmebol entwickelte ursprünglich sein Hitzeprotokoll für die Copa América 2016 in den Vereinigten Staaten. Nach wachsenden Erkenntnissen über die Auswirkungen des Spielens unter Sommerbedingungen musste die Organisation ihr Protokoll für die Copa América 2024 aktualisieren und erweitern. Trotz des neuen Protokolls brach ein Schiedsrichter während des Turniers zusammen, bei dem neun Spiele unter gefährlich heißen Bedingungen ausgetragen wurden.

Ein grundsätzliches Problem liegt in der dezentralen Struktur des Jugendfußballs. Anders als im Profisport fehlen einheitliche Standards und Aufsichtsmechanismen. Eine Studie von 2018 warnte, dass bei Trainingseinheiten und Jugendspielen in Paraguays lokalen Ligen regelmäßig Krankenwagen fehlten. Eine Untersuchung des Aspen Institute ergab, dass nur 29 Prozent der Jugendtrainer in den USA eine Schulung zur allgemeinen Verletzungsprävention erhalten hatten, wobei unklar ist, wie viel davon speziell Hitzesicherheit abdeckte.

Die Weltgewerkschaft der Profifußballer FIFPRO fordert strengere Richtlinien. Laut ihren Empfehlungen sollten bei einer Wet Bulb Globe Temperature von über 26 Grad Celsius Kühlpausen während der Spiele eingelegt werden. Bei Werten über 28 Grad sollten Spiele verschoben oder abgesagt werden, bis die Bedingungen für Spieler, Offizielle und Fans sicherer sind. Die aktuellen FIFA-Richtlinien sehen obligatorische Kühlpausen erst ab einem WBGT-Wert von über 32 Grad vor, was nach Ansicht von FIFPRO nicht ausreicht, um die Gesundheit und Leistung der Spieler zu schützen.

Doch selbst die beste Richtlinie kann nicht jeden Platz erreichen. Die Lösung erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen: von der Infrastruktur über die Trainingszeiten bis hin zur Aufklärung. Vereine müssen in schattenspendende Strukturen investieren, Trainingszeiten in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegen und den Einsatz von Kunstrasen überdenken. Trainer benötigen umfassende Schulungen, um Warnsignale zu erkennen. Und die Spieler selbst müssen lernen, auf ihren Körper zu hören und frühzeitig Gefahren zu erkennen.

Fußball hat als weltweit beliebtester Sport die Macht, das Bewusstsein für Klimarisiken zu schärfen und zum Handeln zu motivieren. Doch zunächst muss der Sport seine eigenen Hausaufgaben machen und die nächste Generation von Spielern schützen. Denn ohne sichere Spielbedingungen könnte „die Musik des Körpers“ verstummen, bevor sie überhaupt erklingen kann.

Quelle: UD
 

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