Umwelt

Warum die Welt beim Klimageld systematisch betrogen wird

Klimafinanzierung für den globalen Süden klingt nach Solidarität, ist aber oft schlicht Trickserei. Ein neuer UNCTAD-Bericht zeigt, dass ein Großteil der gemeldeten Klimagelder dieselben Mittel sind, die bereits als Entwicklungshilfe verbucht wurden – also kein neues Geld. Gleichzeitig warnen Aktivisten, dass das System Armut zementiert statt Klima zu schützen. Und dennoch: Experten sehen Netto-Null bis Jahrhundertende als wahrscheinlichstes Szenario.

20.04.2026

Warum die Welt beim Klimageld systematisch betrogen wird

Die Welt hat in Baku ein ambitioniertes Versprechen abgegeben: 300 Milliarden Dollar sollen Industrieländer bis 2035 jährlich für Klimafinanzierung bereitstellen, mit dem Ziel, bis dahin insgesamt 1,3 Billionen Dollar aus allen Quellen zu mobilisieren. Klingt nach historischem Durchbruch. Ist es aber nicht – zumindest solange die Messmethoden bleiben, wie sie sind.

Ein neuer UNCTAD-Bericht zeigt, dass der aktuelle Anstieg globaler Klimafinanz-Zahlen weitgehend durch Veränderungen in der Buchführung getrieben wird, nicht durch zusätzliche Unterstützung. Das Kernproblem heißt „Doppelzählung“: Projekte werden gleichzeitig als offizielle Entwicklungshilfe und als Klimafinanzierung angerechnet, obwohl es dasselbe Geld ist. Laut UNCTAD ist nicht-klimabezogene Entwicklungshilfe von 0,31 Prozent des Bruttonationaleinkommens der Geberländer im Jahr 2009 auf 0,25 Prozent im Jahr 2023 gesunken – während Klimagelder oft als Kredite fließen, was die Schuldenkrise in Entwicklungsländern weiter verschärft.

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Das ist genau der Punkt, den ein Klimareporter-Artikel scharf kritisiert: Die philippinische Menschenrechtsaktivistin Lidy Nacpil vom Asian Peoples' Movement on Debt and Development macht deutlich: „Klimafinanzierung muss grundlegend neu gedacht werden.“ Klimafinanzierung sei keine Hilfe oder Wohltätigkeit, sondern eine rechtliche, politische und moralische Verpflichtung der Industriestaaten – begründet in ihrer historischen Verantwortung für die Klimakrise. Was Geberländer heute liefern, sei davon weit entfernt: Fast 70 Prozent der Mittel werden weltweit als Kredite vergeben, meist zu Marktkonditionen, was den paradoxen Effekt erzeugt, dass Geberländer an ihren eigenen Klimahilfen verdienen.

Der tatsächliche Finanzbedarf ist dabei astronomisch. Der Ständige Finanzausschuss der UN-Klimarahmenkonvention hat den klimabezogenen Finanzbedarf des globalen Südens bis 2030 auf 5 bis 6,8 Billionen Dollar jährlich beziffert – also ein Vielfaches dessen, was selbst das neue 300-Milliarden-Ziel verspricht. Der UNCTAD-Bericht warnt zudem, dass das neue Klimafinanzziel das Risiko birgt, durch „kreatives Buchführen“ erfüllt zu werden, statt echtes neues Geld zu mobilisieren – und dass Klimafinanzierung traditionelle Entwicklungshilfe für Armutsbekämpfung, Gesundheit und andere Bedarfe verdrängen könnte.

Dabei ist die Lösung bekannt: UNCTAD fordert ein Ende der Doppelzählung, einheitliche Definitionen und Berichtspflichten, verpflichtende Wirkungsmessungen für jedes Projekt sowie eine Verdreifachung der Mittel für UNFCCC-verwaltete Klimafonds. Hinzu käme die Erschließung neuer Finanzierungsinstrumente jenseits der klassischen Entwicklungshilfe, etwa die Umwidmung von Sonderziehungsrechten des IWF oder staatliche Garantien. Das Ziel ist klar: Klimafinanzierung soll nicht aus denselben Töpfen wie Entwicklungshilfe kommen, sondern echte Zusätzlichkeit beweisen.

Inmitten dieser Debatten liefert der Inevitable Policy Response (IPR), ein jährliches Expertengremium im Auftrag der UN-Investitionsprinzipien PRI, einen überraschend optimistischen Ausblick. Trotz politischer Rückschritte in einigen Ländern, allen voran den USA, bleibt Netto-Null-Emissionen bis Ende des Jahrhunderts das wahrscheinlichste Szenario gemäß der Einschätzung von Hunderten globaler Transitionsexperten. Saubere Energie, Verkehr und Industrie seien auf Kurs, bis 2050 in der großen Mehrheit der G20-Staaten weitgehend dekarbonisiert zu sein. Auch der Optimismus bei Schwellenländern wächst: Indonesien, Indien, Nigeria, Saudi-Arabien, Mexiko und Brasilien werden nun fünf Jahre früher auf Netto-Null erwartet als noch im Vorjahr.

Das klingt nach guten Neuigkeiten – und ist es teilweise auch. Doch die Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin faire Finanzierung voraussetzt. Ohne echte, verlässliche und transparente Klimafinanzierung für den globalen Süden werden die ambitionierten Klimaziele auf dem Papier bleiben. Wie Lidy Nacpil betont: Es geht nicht um Wohltätigkeit, sondern um Gerechtigkeit – und um die Glaubwürdigkeit eines globalen Klimasystems, das seinen eigenen Versprechen endlich Substanz verleihen muss.

Quelle: UD
 

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