Vom Klimaziel zum Praxisplan: Warum deutsche Unternehmen beim CO₂-Abbau ins Stocken geraten
Viele Unternehmen haben sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt und ihre Treibhausgasbilanzen berechnet. Doch bei der konkreten Umsetzung hapert es gewaltig. Laut aktuellen Analysen werden die meisten ihre mittel- und langfristigen Reduktionsziele verfehlen. Das UN Global Compact Netzwerk Deutschland fordert deshalb einen Paradigmenwechsel: Transitionspläne müssen zu strategischen Steuerungsinstrumenten werden, nicht nur zu Dokumenten für die Regulatorik.
29.01.2026
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist alarmierend. Während Unternehmen der Realwirtschaft beim Messen und Berichten ihrer Emissionen deutliche Fortschritte erzielen, klafft zwischen den aktuellen Reduktionen und den selbst gesetzten Zielen eine erhebliche Lücke. Die Transformation zu emissionsärmeren Geschäftsmodellen erreicht längst nicht den Entwicklungsstand der Klimaberichterstattung. Diese Erkenntnis steht im Zentrum eines neuen Diskussionspapiers, das praktische Wege aus der Planungsfalle aufzeigt.
Der Kern des Problems liegt in der mangelnden Verzahnung von Zielsetzung und Umsetzung. Klimatransitionspläne werden derzeit häufig als regulatorische Pflichtübung verstanden, statt sie als strategische Fahrpläne zur tatsächlichen Dekarbonisierung zu nutzen. Dabei könnten sie weit mehr leisten: Sie verbinden Klimaziele mit konkreten Reduktionsmaßnahmen, Finanzierungsstrategien und Governance-Strukturen und sichern so langfristige Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weg zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Analyse der strategischen Klimaexposition. Unternehmen müssen sowohl ihre Auswirkungen auf die Umwelt als auch die Risiken des Klimawandels für ihr eigenes Geschäft verstehen. Besonders kritisch sind Bereiche mit hohen Emissionen und gleichzeitig hohen Klimarisiken, die sogenannte „Hot Zone“. Wer hier nicht handelt, gefährdet nicht nur seine Klimaziele, sondern auch die langfristige Anpassungsfähigkeit und Resilienz des Unternehmens.
Die Finanzierung bleibt eine der größten Hürden. Viele Unternehmen beschränken sich auf qualitative Angaben zu geplanten Investitionen oder nennen allenfalls Prozentsätze im Verhältnis zum Umsatz. Für eine wirksame Steuerung braucht es jedoch eine granulare Analyse auf Maßnahmenebene. Hier können marginale Vermeidungskostenkurven helfen, die das Reduktionspotenzial im Verhältnis zu den Kosten abbilden und so eine kosteneffiziente Planung ermöglichen.
Entscheidend ist auch der Business Case der Transition. Unternehmen sollten die Kosten und Risiken des Nichtstuns den Investitionen in die Transformation gegenüberstellen. Die oft beschworenen Kosten der Klimaschutzmaßnahmen relativieren sich erheblich, wenn man die finanziellen Auswirkungen physischer und transitorischer Klimarisiken einrechnet. Hinzu kommen Faktoren wie verbesserter Zugang zu Finanzierungsmitteln, Reputationseffekte und die Erschließung neuer Märkte.
Matthias Beer von Siemens bringt es auf den Punkt: „Dekarbonisierungslösungen sind kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Hebel, der nicht nur Kunden bei ihren Klimazielen hilft, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit stärkt in einer Welt, in der Treibhausgasneutralität zur Lizenz zum Operieren wird.“
Die Integration in Strategie und Governance bleibt vielfach unzureichend. Wirksame Transitionspläne brauchen klare Verantwortlichkeiten, regelmäßige Überprüfungsmechanismen und Anreizsysteme, die variable Vergütungsteile an konkrete Klimaziele koppeln. Ohne diese organisatorische Verankerung bleiben selbst ambitionierte Pläne theoretische Konstrukte.
Die Botschaft ist eindeutig: Transitionspläne müssen vom Compliance-Instrument zum strategischen Steuerungswerkzeug werden. Nur so lässt sich die Lücke zwischen Klimazielen und tatsächlichen Reduktionen schließen.