Viermal durstiger als versprochen: Plug-in-Hybride verfehlen ihre eigenen Verbrauchswerte dramatisch
Eine Großstudie des Fraunhofer-Instituts hat anhand von Realdaten knapp einer Million Fahrzeuge gezeigt, dass Plug-in-Hybride im Alltag im Schnitt das Vierfache ihres offiziellen Normverbrauchs verbrauchen. Die Forscher sprechen von einem „Schock“ – und fordern eine grundlegende Reform der EU-Zulassungsregeln.
14.04.2026
Sie gelten als Brücke zwischen Verbrennungsmotor und Elektroantrieb, als pragmatische Lösung für den Übergang – doch nun stellt eine umfangreiche Studie das positive Bild von Plug-in-Hybriden grundlegend in Frage. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) hat gemeinsam mit Partnerorganisationen Echtdaten von knapp einer Million Fahrzeugen der Baujahre 2021 bis 2023 ausgewertet – und dabei eine erschreckende Lücke zwischen Versprechen und Wirklichkeit aufgedeckt.
Das Ergebnis ist eindeutig: Während der durchschnittliche Normverbrauch der untersuchten Plug-in-Hybride gemäß dem offiziellen WLTP-Testzyklus (Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure) bei rund 1,5 Litern auf 100 Kilometern lag, zeigte die Realität ein völlig anderes Bild: Im Straßenalltag verbrauchten dieselben Fahrzeuge durchschnittlich rund 6 Liter pro 100 Kilometer. Das entspricht dem Vierfachen des offiziellen Werts – mit entsprechend höherem Kohlendioxid-Ausstoß und deutlich gestiegenen Spritkosten für die Halter.
„Es war ein Schock für alle beteiligten Wissenschaftler.“
— Patrick Plötz, Studienleiter und Forscher am Fraunhofer ISI, gegenüber dem SWR
Besonders brisant: Selbst wenn die Fahrzeuge überwiegend im elektrischen Entlademodus betrieben wurden, verbrauchten sie laut Studie im Schnitt etwa 3 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer – ein Wert, der nach bisheriger Einschätzung der Experten weit über dem Erwartbaren liegt. Der SWR, der zuerst über die Untersuchung berichtete, zitiert Plötz mit den Worten: Der Befund sei ein „Schock“ für alle beteiligten Wissenschaftler gewesen.
Dass Fahrzeuge im realen Betrieb vom WLTP-Normwert abweichen, ist grundsätzlich bekannt und betrifft alle Antriebsarten. Doch bei Plug-in-Hybriden fällt die Diskrepanz besonders drastisch aus – ein Verdacht, der in der Fachwelt schon länger kursierte, nun aber erstmals mit einer derart belastbaren Datenbasis belegt wurde. Ein Grund dafür liegt in der Konstruktion des Testzyklus selbst: Der WLTP geht davon aus, dass Plug-in-Hybride zu einem erheblichen Teil elektrisch fahren. Im Alltag laden viele Nutzer ihre Fahrzeuge jedoch selten oder gar nicht auf – sei es aus Bequemlichkeit, fehlender Ladeinfrastruktur oder wegen langer Autobahnstrecken, auf denen die Batterie schnell erschöpft ist.
Die Konsequenzen sind weitreichend, denn die Zulassungs- und Förderpolitik in der Europäischen Union basiert maßgeblich auf den WLTP-Verbrauchswerten. Hersteller können ihre Kohlendioxid-Flottengrenzwerte, die Brüssel vorschreibt, durch den Verkauf von Plug-in-Hybriden besonders günstig beeinflussen – weil die offiziellen Verbräuche dieser Fahrzeuge auf dem Papier außergewöhnlich niedrig erscheinen. Würden die Realverbräuche zugrunde gelegt, sähe die Bilanz vieler Hersteller deutlich schlechter aus.
„Wir können heute, weil es jetzt die Daten und die Infrastruktur gibt, aufhören, Fahrzeuge nach ihrer Typgenehmigung zu bewerten, sondern können die Realdaten messen und sagen: Die Hersteller, die auf der Straße die Grenzwerte einhalten, die sind gut – und wer sie auf der Straße nicht einhält, der muss vielleicht eine Strafzahlung leisten.“
— Patrick Plötz, Fraunhofer ISI, im SWR-Interview
Die Studienautoren fordern daher eine grundlegende Reform der EU-Regularien zur Berechnung des Kraftstoffverbrauchs von Plug-in-Hybriden. Die Lücke zwischen theoretischem und tatsächlichem Verbrauch sei viel zu groß und müsse durch schärfere Vorgaben deutlich verkleinert werden. Eine solche Anpassung wäre auch für die Automobilindustrie folgenreich, da die Kohlendioxid-Flottenziele der Hersteller dann neu berechnet werden müssten.
Einen kleinen Lichtblick gibt es: Für neuere Plug-in-Hybride könnte der Unterschied zwischen Norm- und Realverbrauch geringer ausfallen. Die Messvorschriften für diesen Antriebstyp wurden zwischenzeitlich verschärft. Ob die überarbeiteten Regeln jedoch ausreichen, um die fundamentale Lücke zu schließen, werden künftige Studien zeigen müssen.