Neuerscheinung: Chinas grüne Weltpolitik
Alex Wang, Rechtsprofessor an der UCLA, legt mit „Chinese Global Environmentalism“ eine kompakte Analyse vor, die Pekings Wandel zum globalen Klimaakteur nüchtern einordnet – zwischen echter Transformation, strategischem Kalkül und ungelösten Widersprüchen.
18.05.2026
Noch 2009 galt China als das Land, das die Klimaverhandlungen von Kopenhagen zum Scheitern brachte. Heute dominiert es die globale Produktion von Solarmodulen, Batterien und Elektroautos, hat sich beim Pariser Abkommen als Anker positioniert und als erstes großes Entwicklungsland ein Netto-null-Ziel angekündigt. Wie kam es zu dieser Verwandlung, und was bedeutet sie für die Welt? Alex Wang, Rechtsprofessor an der UCLA und ehemaliger Umweltrechtsanwalt in China, gibt in „Chinese Global Environmentalism“, erschienen bei Cambridge University Press, darauf keine eindeutige Antwort – aber eine erhellende Analyse.
Das Buch, Teil einer Reihe kurzer Monographien über „Global China“, ist mit knapp hundert Seiten schlank gehalten. Rezensent Calvin Quek lobt es in Sinica Podcast als informativ für Chinaeinsteiger und aufschlussreich für erfahrene Beobachter gleichermaßen – kritisiert aber, dass die zentrale Frage, ob das chinesische Modell tatsächlich Vorbild für die Welt sein kann, am Ende offen bleibt. Wang analysiert vier Komponenten dessen, was er „chinesischen globalen Umweltalismus“ nennt: Ideologie, Diplomatie, Wirtschaftseinfluss und internationale Kooperation. Zusammen bilden sie nach Wang ein Programm, in dem China sich als Verteidiger der Interessen des Globalen Südens präsentiert und behauptet, grüne Ergebnisse liefern zu können, die andere Systeme nicht erzielen.
Auf der Ideologieebene steht das Konzept der „ökologischen Zivilisation“, das eng mit Xi Jinping verbunden ist. Xi-Denken erklärt ökologische Zivilisation zu einer „profunden Revolution in der Entwicklungsphilosophie“. Wang beschreibt das als ein „Sammelsurium von Werten“ und sieht in der offiziellen Rhetorik vielfach nur eine „hauchzarte Beschwörung grüner Werte“. Kritiker, so Wang, sehen darin utopische, technokratische Lösungsversprechen, die wirtschaftliches Wachstum ohne Zügel freisetzen. Andere erkennen alte daoistische Wurzeln – „der Weg folgt der Natur“ – oder interpretieren das Konzept pragmatisch als Werkzeug, um Natur, Gesellschaft und Raum nach staatlichem Willen zu formen.
Stärker ist Wangs Analyse auf der diplomatischen Ebene, wo seine Jahrzehnte als Umweltrechtsanwalt und Verhandlungsbeobachter zur Geltung kommen. Er zeichnet die historische Entwicklung nach: Vor 1979 war Chinas Umweltdiplomatie ideologisch und kämpferisch, Umweltprobleme wurden dem Kapitalismus und US-Imperialismus zugeschrieben. In der Reform- und Öffnungsphase verteidigte China sein „Recht auf Entwicklung“ als armes Land. Mit wachsender Einbindung in die Weltwirtschaft wurde Peking pragmatisch und akzeptierte internationale Standards, um Exportmärkte zu sichern. Heute, so Wang, strahlt China „unverkennbare Zuversicht“ aus und gilt als Klimadiplomatie. Den Ausstieg aus der Finanzierung von Auslandskohleprojekten im Jahr 2021 nennt Wang als Dialogue Earth einen wesentlichen Fortschritt, auch wenn Motive und Reichweite dieses Schritts umstritten bleiben.
Im Kapitel über wirtschaftliche Einflussnahme analysiert Wang, wie China seine Dominanz in der Produktion sauberer Technologien zunehmend als diplomatisches Instrument einsetzt. Er untersucht Chiles Strategie, chinesische Investitionen zu gewinnen und gleichzeitig geopolitische Risiken zu managen – ein Modell, das er als „pragmatische Reaktion auf Chinas Aufstieg“ bezeichnet. Projekte wie die Kenia-Eisenbahn und die Lancang-Mekong-Umweltkooperation zeigen laut Wang die Widersprüche chinesischer Auslandsprojekte: Sie sind „oft unübersichtlich, kompliziert und erfordern Kompromisse“. Chinas bevorzugter Stil – Betonung freiwilliger statt verbindlicher Standards, symbolische Zusammenarbeit ohne tiefgreifende Rechenschaftspflicht – prägt auch seine multilateralen Umweltinitiativen wie den Belt and Road Green Development Council.
Das Buch scheut sich nicht vor dem unbequemen Schluss. Wangs Resümee lautet: „Chinas Förderung des chinesischen globalen Umweltalismus ist ein strategisches Unterfangen, das primär von wirtschaftlichen Entwicklungs- und Sicherheitszielen angetrieben wird.“ Rezensent Quek, der diese Einschätzung für Sinica Podcast kommentiert, hätte sich eine tiefere Auseinandersetzung mit der Frage gewünscht, wie dieser grüne Aufstieg in Xis „große Verjüngung“ der Nation eingebettet ist – ob er auf Verdrängung der USA oder auf Stärkung bestehender internationaler Normen abzielt. Wang, so Quek, habe hier bewusst ein anderes Buch geschrieben: eines, das analysiert statt urteilt.
Gelungen ist dem Autor eine der prägnantesten Beobachtungen über Chinas internationale Stellung: Politikwissenschaftler Alexander Wendt wird zitiert mit dem Satz, 500 britische Atomwaffen seien für die USA weniger bedrohlich als fünf nordkoreanische. Wangs Schluss daraus: Wer Staaten seien, zähle in der internationalen Politik mehr als was sie täten. China hat beim Klimaschutz bemerkenswerte Fortschritte erzielt – doch China zu verstehen, bleibe ein laufendes Projekt. In einer Zeit, in der die USA unter Trump das Pariser Abkommen erneut verlassen haben, während Peking seine Klimaführung weiter ausbaut, ist Wangs nüchterner Blick auf das, was chinesisches Umweltengagement wirklich bedeutet, wertvoller denn je.