Umwelt

Mehr Wildnis für Deutschland – an Land, in Auen und auf See

Anlässlich des Internationalen Tags der biologischen Vielfalt am 22. Mai fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) deutlich mehr Wildnisgebiete – zu Land, in Flussauen und in den Meeren. Wildnis ist heute in Deutschland auf gerade 0,6 Prozent der Landesfläche beschränkt. Das reicht bei weitem nicht aus, um Biodiversität, Klima und Wasserhaushalt wirksam zu schützen.

22.05.2026

Mehr Wildnis für Deutschland – an Land, in Auen und auf See zoom
BUND-Wildnis Goitzsche

Seit 2007 ist das Ziel, mindestens zwei Prozent der Landesfläche als Wildnis auszuweisen, in der Nationalen Biodiversitätsstrategie festgeschrieben – und wurde vor zwei Jahren erneut bekräftigt. Umgesetzt wurde es bis heute nicht. Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt bringt auf den Punkt, worum es geht: „Wildnisgebiete bieten Lebensräume, die in der Kulturlandschaft längst verloren gegangen sind. Hier finden unzählige Tier- und Pflanzenarten ein Refugium, die anderswo längst selten geworden sind. In der Wildnis sucht sich die Natur eigene Wege, mit neuen Herausforderungen wie dem Klimawandel umzugehen – oft mit Ergebnissen, die uns erstaunen lassen. Wildnisgebiete schützen nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch das Klima und den Wasserhaushalt."

Der BUND kritisiert das Versäumnis der Bundesregierung und fordert konsequentes Handeln. Mittelfristig hält der Verband sogar fünf Prozent Wildnisfläche für notwendig. Wildnisgebiete müssen mindestens 1.000 Hektar groß sein (in Mooren, Auen und an Küsten mindestens 500 Hektar) und dürfen von Industrie, Infrastruktur sowie Land- und Forstwirtschaft nicht genutzt werden. Erholung, Bildung, Tourismus und Forschung bleiben möglich. Laut der Naturbewusstseinsstudie 2023 befürworten zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland mehr Wildnis.

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Dass Wildnis gelingen kann, beweist der BUND mit eigenen Projekten. Bandt: „In der Goitzsche-Wildnis zeigen wir auf 1.300 Hektar eines ehemaligen Braunkohletagebaus, wie aus einer Mondlandschaft wunderschöne, vielfältige Natur entstehen kann, wenn wir sie lassen. Heute gibt es dort unzählige Vogelarten, Libellen, Fischotter und sogar Wölfe." Im alten Laubwald Hohe Schrecke können sich auf über 3.000 Hektar echte Buchenwälder entfalten – Bestände, für die Deutschland internationale Schutzverantwortung trägt. Privatpersonen und Waldbesitzende, die mit ihrem Land zu mehr Wildnis beitragen wollen, können dafür inzwischen finanziellen Ausgleich erhalten.

Auen: artenreichste Lebensräume Mitteleuropas

BUND Auen Wildnis Elbe

Naturnahe Flussauen – ein dynamisches Mosaik aus Sandbänken, Wäldern, Tümpeln und Wiesen – gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Meike Kleinwächter, Leiterin des BUND-Auenzentrums, beschreibt die besondere Qualität dieser Ökosysteme: „Intakte Auen sind ein wahrer Hotspot der Biodiversität. Wenn die Natur entscheidet, was entsteht, was bleibt und was geht, dann haben wir in Flussauen eine Dynamik und Vielfalt wie sonst nirgends in unseren Breiten. Das Wasser verändert die Landschaft ständig und schafft neue Lebensräume." Biber, Seeadler, Moorfrösche, Libellen und Zugvögel sind auf solche Strukturen angewiesen.

Doch über Jahrzehnte wurden Flüsse begradigt und eingedeicht. Kleinwächter: „Dadurch gingen wertvolle Auen verloren – mit Folgen für Mensch und Natur: Hochwasser können stärker ausfallen, das Grundwasser sinkt und Landschaften trocknen aus." Intakte Auen wirken dem entgegen: Wie ein Schwamm nehmen sie Wasser bei Überflutungen auf und geben es bei Trockenheit wieder ab. Feuchte Böden und naturnahe Wälder speichern Kohlenstoff, wirken kühlend und filtern Nährstoffe und Schadstoffe aus dem Wasser.

An der unteren Mittelelbe zeigt das BUND-Auenzentrum auf 70 Flusskilometern, wie Auen-Wildnis zurückgewonnen werden kann. Die Lenzener Deichrückverlegung – die erste große Maßnahme dieser Art in Deutschland – ermöglicht es der Elbe seit 2011, 420 Hektar Auenland wieder frei zu gestalten. Beim Jahrhunderthochwasser 2013 senkte das Gebiet die Hochwasserspitze um bis zu einen halben Meter und schützte die Stadt Wittenberge vor Überflutung. Kleinwächter: „Unsere Untersuchungen zeigen zudem: Während der Dürren in den vergangenen Jahren brüteten fast ausschließlich im Bereich der Lenzener Deichrückverlegung die seltenen Braun- und Blaukehlchen – in der Umgebung waren sie so gut wie gar nicht nachzuweisen. Solche Oasen helfen den Arten, schwierige Zeiten zu überstehen, und können bei besseren Bedingungen zur Wiederbesiedlung der umliegenden Landschaft beitragen." Ergänzend hat das BUND-Auenzentrum die 420 Hektar große Halbinsel „Hohe Garbe" revitalisiert, in die die Elbe seit 2020 wieder regelmäßig einströmt, und im Raum Rühstädt entsteht derzeit weiterer Auwald.

Wildnis auf der Ostseeinsel Vilm

Bunte Steinriffe, schwingende Seegraswiesen, vielfältige Fischschwärme – so könnte es unter Wasser in Nord- und Ostsee aussehen. Voraussetzung sind echte marine Wildnisgebiete: mindestens 30 Quadratkilometer groß, frei von jeglicher Nutzung und möglichst unzerschnitten. Obwohl Deutschland auf beiden Meeren Naturschutzgebiete von insgesamt 26.000 Quadratkilometern ausgewiesen hat, sind Fischerei, Schifffahrt, Lärm und Nährstoffeinträge dort vielfach weiterhin an der Tagesordnung. Die biologische Vielfalt in den Meeren geht deshalb noch schneller zurück als an Land.

Bettina Taylor, Leiterin des BUND-Meeresschutzbüros, zieht eine klare Konsequenz daraus: „Angesichts des kritischen Zustands von Nord- und Ostsee sollte mindestens die Hälfte der bestehenden Schutzgebiete als marine Wildnis ausgewiesen und frei von menschlichen Nutzungen werden. Erst wenn wir großflächige Ruheräume schaffen, kann die Wildnis in Nord- und Ostsee zurückkehren – und erst dann sind lebendige Meere wieder möglich." In ungestörtem Meeresboden entwickeln sich zahlreiche Kleinstlebewesen, die das gesamte marine Nahrungsnetz tragen – von Fischen und Meeresvögeln bis hin zu Schweinswal, Seehund und Kegelrobbe. Intakte Seegraswiesen können auf gleicher Fläche mehr Kohlenstoff binden als tropische Wälder und speichern ihn langfristig im Meeresboden.

Ein konkreter Meilenstein ist das neue Projekt WILD: Gemeinsam mit dem Alfred-Wegener-Institut und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung arbeitet der BUND an der Wiederherstellung der Doggerbank – der größten Sandbank der Nordsee (rund 25.000 Quadratkilometer, verteilt auf die Gewässer Deutschlands, der Niederlande, Großbritanniens und Dänemarks). Gefördert durch den Meeresnaturschutzfonds der Deutschen Bundesstiftung Umwelt sollen in den nächsten drei Jahren Maßnahmen entwickelt werden, die diesem stark geschädigten Lebensraum den Weg zurück zu echter Wildnis ebnen. Weiteres Potenzial für Meereswildnis sieht die Initiative Wildnis in Deutschland in einer Erweiterung des Nationalparks Jasmund sowie in der Einrichtung strenger Meeresschutzgebiete in der Wismarbucht und der Pommerschen Bucht.

Hintergrund

Der Internationale Tag der biologischen Vielfalt wird jedes Jahr am 22. Mai begangen. Die Vereinten Nationen haben ihn im Jahr 2000 ins Leben gerufen, um auf die Bedeutung der Biodiversität – die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, Genen und Lebensräumen – aufmerksam zu machen und weltweit Bewusstsein für ihren Schutz zu schaffen. Biodiversität ist eine wesentliche Grundlage für sauberes Wasser, Nahrung, Gesundheit und ein stabiles Klima.

Die Initiative Wildnis in Deutschland ist ein Bündnis aus 22 Naturschutzorganisationen und Stiftungen; BUND und BUNDstiftung sind Gründungsmitglieder. Eine Studie der Initiative hat allein auf öffentlichen Flächen ein zusätzliches Wildnispotenzial von 1,67 Prozent der Landesfläche identifiziert – zu den bestehenden 0,62 Prozent hinzu.

Quelle: UD/pm
 

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