Krieg, Klimawandel und kein Wasser: Wie der Iran-Krieg die globale Energiefrage neu stellt
Seit dem US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar 2026 beben die Energiemärkte. Öl kostet erstmals seit 2022 über 100 Dollar pro Barrel, Gas hat sich in Europa um 45 Prozent verteuert, der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus liegt faktisch lahm. Doch der Konflikt offenbart mehr als eine Versorgungskrise: Er zeigt, wie eng Krieg, Klimawandel und fossile Abhängigkeit miteinander verwoben sind – und stellt die Frage, ob die Welt endlich die Lektion lernt.
26.03.2026
Am 28. Februar starteten die USA und Israel einen großangelegten Militärangriff auf Iran, das mit Gegenschlägen in der gesamten Region antwortete. Am 2. März drohte Teheran damit, jedes Schiff anzugreifen, das die Straße von Hormus passiert – eine Meerenge, durch die rund ein Viertel des weltweiten Seeöl-Handels und ein Fünftel der globalen Flüssiggas-Versorgung fließen. Die Folgen waren unmittelbar spürbar: Am 9. März überschritt der Ölpreis erstmals seit Russlands Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 die Marke von 100 Dollar pro Barrel, an einem Punkt sogar 119 Dollar.
Die Erschütterungen reichten weit über den Nahen Osten hinaus. In Großbritannien hat sich der Gaspreis seit Beginn des Konflikts verdoppelt, wenngleich er danach auf rund 75 Prozent über dem Vorkrisenstand zurückging. Prognosen zufolge könnten die Haushaltsenergierechnungen im Juli auf 2.500 Pfund pro Jahr steigen – ein Anstieg von 50 Prozent. In Asien war die Lage noch dramatischer: Die Gaspreise verdoppelten sich dort seit dem 28. Februar, manche Länder hatten Schwierigkeiten, überhaupt kurzfristig Lieferungen zu finden.
Für den UN-Klimachef Simon Stiell ist die Krise ein historisches Lehrstück. In einer Rede vor europäischen Politikern beim Green Growth Summit in Brüssel wählte er klare Worte. „Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reißt die nationale Sicherheit und Souveränität weg und ersetzt sie durch Unterwürfigkeit und steigende Kosten“, sagte Stiell. Wer jetzt auf noch mehr fossile Energie setze, betreibe laut Stiell reine Selbsttäuschung: „Das ist völlig wahnhaft. Die Geschichte lehrt uns, dass diese Krisen bei fossilen Brennstoffen immer wieder passieren werden.“
Tatsächlich zeigt die Carbon-Brief-Analyse zur Energietransition und zum Iran-Krieg, wie unterschiedlich Volkswirtschaften den Schock abfedern. China etwa ist durch massiven Ausbau erneuerbarer Energien und Kohleverstromung weniger anfällig als importabhängige Industriestaaten. Japan hingegen ist laut Experten strukturell exponiert: Yuri Okubo vom Renewable Energy Institute in Tokio beschrieb Japans Energiesystem als „strukturell abhängig“ von importierten fossilen Brennstoffen und damit als „hochgradig anfällig“ für geopolitische Schocks.
Der Krieg hat nicht nur Energiepreise getrieben, sondern auch eine andere, oft übersehene Ressource ins Rampenlicht gerückt: Wasser. Klimawandel, Krieg und jahrzehntelanges Missmanagement setzen Irans Wasserversorgung unter massiven Druck, warnen Experten. Das Land steckt bereits im sechsten aufeinanderfolgenden Dürrejahr, mehrere Großstädte – darunter die Hauptstadt Teheran – standen zuletzt kurz vor einem sogenannten „Water Day Zero“, an dem die städtische Wasserversorgung abgeschaltet und rationiert werden müsste.
Prof. Kaveh Madani, ehemaliger stellvertretender Vizepräsident Irans und Direktor des UN University Institute for Water, Environment and Health, schildert gegenüber Carbon Brief die Dramatik in aller Deutlichkeit: „Viele, viele Orte in Iran befinden sich im Modus des ‚Wasserbankrotts‘“, so Madani. Damit beschreibt er Systeme, die so weit übernutzt wurden, dass sie die Nachfrage nicht mehr decken können, ohne irreversiblen Schaden anzurichten. Die Landwirtschaft ist dabei der Haupttreiber des Problems: Sie macht mehr als 90 Prozent des iranischen Wasserverbrauchs aus.
Nun verschärft der Krieg die humanitäre Lage weiter. Luftangriffe auf Entsalzungsanlagen in Iran und Bahrain werfen größere Fragen darüber auf, wie der Konflikt die Wasserunsicherheit im gesamten Nahen Osten verstärken könnte. Der Nahe Osten produziert rund 40 Prozent des weltweit entsalzten Wassers – und diese Infrastruktur ist nun Kriegsziel. David Michel vom Center for Strategic and International Studies erklärte dazu, Angriffe auf Wasseranlagen in Golfstaaten könnten darauf abzielen, Kosten zu erzeugen, die andere Länder zur Intervention oder zu Forderungen nach Kriegsende treiben sollen.
Susanne Schmeier, Professorin für Wasserrecht und -diplomatie am IHE-Delft-Institut in den Niederlanden, bringt es auf den Punkt: „Iran war bereits nicht in der Lage, sich an die Folgen des Klimawandels für Wasser anzupassen“ – und ein Krieg mache diese Anpassung noch unwahrscheinlicher. Schmeier skizziert eine düstere Zukunft: „Sie haben eine Regierung, die in einem Krieg kämpft, ohne ordentliche Regierungsführung, ohne Zugang zu Technologie oder Finanzierung für Anpassungsmaßnahmen.“
Ob die globale Energiekrise letztlich die Energiewende beschleunigt oder bremst, ist umstritten. Einige Experten sehen in den Preisschocks ein mächtiges Argument für heimische erneuerbare Energie. Finanzkommentator Martin Wolf von der Financial Times schrieb: „Unsere Wirtschaft bleibt stark von fossilen Brennstoffen abhängig, weil wir die Elektrifizierung nicht in der gewünschten Weise vorantreiben.“ Seine Schlussfolgerung: Die Energiewende konsequent zu verfolgen, um künftige Preisschocks abzufedern, sei schlicht ein notwendiger Teil der Sicherheitspolitik.
Andere mahnen zur Vorsicht. Neta Crawford, Mitbegründerin des Costs-of-War-Projekts an der Brown University, warnt, die Folgen des Krieges für Emissionen würden jeden zusätzlichen Klimaeffekt durch mehr Enthusiasmus für die Energiewende bei weitem übersteigen. Schließlich sind weltweit tätige Militärs bereits heute für rund 5,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich – mehr als jedes Land außer China, den USA und Indien.
Was bleibt, ist ein paradoxes Bild: Ein Krieg, der vorgeblich Sicherheit bringen soll, destabilisiert die Energiemärkte, verschlimmert eine humanitäre Wasserkrise, befeuert die Emissionen – und liefert zugleich das vielleicht stärkste Argument, das die Klimaschutzbewegung je hatte. UN-Generalsekretär António Guterres brachte es gegenüber Medien auf eine Formel: „Die Ressourcen des sauberen Energiezeitalters können nicht blockiert oder als Waffe eingesetzt werden.“