KI-Hunger trifft Wasserknappheit
Thailand erlebt einen beispiellosen Rechenzentrum-Boom: Allein 2025 genehmigte die Regierung 36 neue Projekte im Wert von rund 23 Milliarden US-Dollar. Tech-Giganten wie Amazon, Google, Microsoft und TikTok investieren massiv. Doch in der ohnehin industriell überlasteten Ostküstenregion des Landes wächst der Widerstand: Anwohner und Bauern fürchten Wasserknappheit, Umweltverschmutzung – und totales Schweigen der Betreiber.
30.04.2026
Mehr als 70 Rechenzentren hat Mongabay in Thailand dokumentiert – rund 40 bereits in Betrieb, etwa 20 im Bau und weitere in der Planungsphase. Der Großteil entsteht im Eastern Economic Corridor (EEC), einer Sonderwirtschaftszone in den Provinzen Chonburi, Rayong und Chachoengsao östlich von Bangkok. Jingwen Ong, Forschungsmanagerin beim Marktforschungsunternehmen DC Byte, beschreibt die Lage nüchtern: „Der Boom für Thailand ist sicherlich im vergangenen Jahr sehr schnell eingetreten.“ Treiber ist die explodierende Nachfrage nach KI-Rechenkapazität – die Zahl der Thais, die täglich KI-Tools nutzen, hat sich zwischen 2024 und 2025 verdoppelt.
Doch die Region, in der diese Infrastruktur entsteht, ist bereits am Limit. Seit Jahren kämpfen Landwirte im EEC mit Wasserknappheit und Verschmutzung. Industriebetriebe wurden wiederholt beschuldigt, giftige Abfälle illegal zu entsorgen, Abwässer unsachgemäß einzuleiten und Ölverschmutzungen zu verursachen. In dieses System werden nun Rechenzentren hineingepresst, die enorme Mengen Wasser zur Kühlung benötigen und die Stromversorgung massiv belasten. Sarayuth Sonlacksa, ein ehemaliger Biochemiker, der in Chachoengsao eine Krabbenfarm betreibt, bringt die Ambivalenz vieler Anwohner auf den Punkt: „Für mich sind Rechenzentren besser als normale Fabriken. Aber sie werden sicher zu mehr Wasserkonflikt führen, mit mehr Konkurrenzkampf um Ressourcen und mehr Abwasser.“
Was die Situation besonders brisant macht, ist der Mangel an Transparenz: Lokale Bewohner, Behördenvertreter und Aktivisten äußerten gegenüber Mongabay Frustration über die fehlenden öffentlich zugänglichen Informationen zum Ressourcenverbrauch der neuen Anlagen – und stellten in Frage, ob einige davon überhaupt eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen haben. Fast alle angefragten Rechenzentrumsbetreiber lehnten eine Stellungnahme ab oder reagierten gar nicht.
Umweltaktivist Chaweerat Phanprasirt, der in der Nähe einer Baustelle in Chonburi wohnt, fasst das gesellschaftliche Problem unmissverständlich zusammen: „Sehr wenige Menschen wissen von diesen Plänen für die Rechenzentren. Es gab keine Konsultation mit den Gemeinschaften.“ Dabei geht es nicht nur um lokale Befindlichkeiten. Laut Mongabay wurden allein im Januar 2026 weitere 7 Einrichtungen im Wert von 3,1 Milliarden US-Dollar genehmigt, während Thailand bis 2027 seine Rechenzentrumskapazität auf 1 Gigawatt mehr als verdreifachen will. Der energiehungrige Ausbau dürfte die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zumindest kurzfristig verstärken – Thailand deckt seinen Strombedarf noch immer zu großen Teilen über Erdgas.
Das Muster ist nicht neu, aber in seiner Geschwindigkeit besorgniserregend: Technologische Infrastruktur, die den globalen KI-Hunger stillen soll, landet in Regionen, die weder ökologisch noch institutionell auf die Belastungen vorbereitet sind. Was als wirtschaftlicher Aufschwung vermarktet wird, könnte für die Menschen vor Ort vor allem eines bedeuten – den nächsten Kampf ums Wasser.