Umwelt

Im nächsten Jahrzehnt verlieren die Alpen mehr Gletscher als je zuvor

Eine internationale Studie hat erstmals berechnet, wie viele Gletscher weltweit bis Ende Jahrhundert voraussichtlich erhalten bleiben – und für wie lange. Die Studie bestimmt den Zeitpunkt, wann die jährlich verlorene Anzahl Gletscher den Höchstwert erreicht. Bei plus 1,5 Grad Celsius tritt er um circa 2041 auf, mit etwa 2.000 verlorenen Gletschern; bei plus 4 Grad Celsius findet er etwa 2055 statt und steigt auf rund 4.000 Gletscher.

15.01.2026

Im nächsten Jahrzehnt verlieren die Alpen mehr Gletscher als je zuvor

Die Gletscher schmelzen weltweit. In manchen Regionen dürften sie sogar vollständig verschwinden. Mit Blick auf die Anzahl Gletscher, die pro Jahr verschwinden, könnte deren Zenit in den Alpen schon bald, nämlich zwischen 2033 und 2041 erreicht sein: je nachdem, wie stark sich die Erde erwärmt, könnten in diesem Zeitraum mehr Gletscher als je zuvor verschwinden. Weltweit wird der Höchstwert, wie viele Gletscher in einem Jahr verschwinden, etwa zehn Jahre später erreicht und könnte sich dann von 2.000 auf 4.000 verlorene Gletscher erhöhen.

Für die Alpen bedeutet das: Steuert die Welt wie unter der aktuellen Klimaschutz-Politik auf eine Erderwärmung von plus 2,7 Grad Celsius zu, würden 2100 nur noch rund 110 Gletscher in Mitteleuropa bestehen – das wären gerade einmal drei Prozent der heutigen Gletscher. Bei einem Temperaturanstieg von plus 4 Grad Celsius wären es sogar nur noch rund 20 Gletscher. Selbst mittelgrosse Gletscher wie der Rhonegletscher würden dann zu kleinen Eisresten zusammenschrumpfen oder ganz verschwinden. Der mächtige Aletschgletscher zerfiele in diesem Szenario in mehrere kleine Teile. Damit setzt sich ein Trend in die Zukunft fort, den ETH-Forschenden bereits für die Vergangenheit feststellten: Erst unlängst zeigten sie, dass zwischen 1973 und 2016 allein in der Schweiz über 1.000 Gletscher verschwunden sind.

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Mehr als die Hälfte der kleinen Gletscher verloren

Zu diesem und weiteren Schlüssen kommt ein internationales Team von Forschenden unter der Leitung der ETH Zürich, der Forschungsanstalt WSL und der Vrije Universiteit Brussel in einer neuen Studie. Diese berechnet erstmals weltweit, wie viele Gletscher bis Ende des Jahrhunderts übrigbleiben dürften – und wie lange noch. „Zum ersten Mal haben wir Jahreszahlen dafür angegeben, wann jeder einzelne Gletscher auf der Erde verschwinden dürfte“, sagt Lander Van Tricht, Hauptautor der Studie, die am 15. Dezember 2025 in der Zeitschrift Nature Climate Change erschienen ist.

Anders als frühere Arbeiten, die vor allem die Massen- und Flächenverluste des weltweiten Gletscherschwunds untersuchten, richtet sich der Blick der ETH-Forschenden neu auf die Anzahl Gletscher, die pro Jahr verschwinden, sowie auf die Region und den Zeitrahmen ihres Verschwindens. Ihre Ergebnisse zeigen: Besonders betroffen sind Regionen mit vielen kleinen Gletschern, die in tieferen Höhenlagen oder nahe beim Äquator liegen – etwa die Alpen, der Kaukasus, die Rocky Mountains, die Anden sowie afrikanische Gebirge in niederen Breitengraden.

„In diesen Regionen werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren voraussichtlich mehr als die Hälfte aller Gletscher verschwinden“, sagt Lander Van Tricht, der als Forscher an der Professur für Glaziologie der ETH Zürich und der Forschungsanstalt WSL arbeitet.

Wie viele Gletscher in den Alpen überleben?

Das Tempo des Gletscherschwunds hängt vom Ausmass der Erderwärmung ab. Aus diesem Grund haben die Forschenden den Gletscherrückgang mit drei verschiedenen, topmodernen globalen Gletschermodellen und mehreren Klimaszenarien durchgerechnet. Für die Alpen kommen sie zum Ergebnis, dass bei plus 1,5 Grad Celsius Erwärmung bis 2100 noch zwölf Prozent der Gletscher übrigbleiben (rund 430 von circa 3.000); bei plus 2 Grad Celsius überleben rund 8 Prozent oder circa 270 Gletscher – und bei plus 4 Grad Celsius verbleiben eben nur ein Prozent oder 20 Gletscher.

Zum Vergleich: In den nordamerikanischen Rocky Mountains überstünden im 1,5-Grad-Szenario noch rund 4.400 Gletscher bis 2100 – das wären 25 Prozent der heute rund 18.000 Gletscher. Bei plus 4 Grad Celsius blieben nur etwa 101 übrig – ein Verlust von 99 Prozent. In den Anden und in Zentralasien verblieben bei 1,5 Grad Celsius jeweils 43 Prozent. Bei plus 4 Grad Celsius schrumpfte die Zahl drastisch: In den Anden blieben nur rund 950 Gletscher vorhanden, was ein Verlust von 94 Prozent wäre; in Zentralasien blieben an die 2.500 Gletscher, das wäre ein Minus von 96 Prozent.

Wie die Studie zeigt, gibt es keine Region mehr, in der die Anzahl der Gletscher nicht abnimmt. Selbst im Karakorum in Zentralasien, wo einzelne Gletscher nach der Jahrtausendwende vorübergehend wuchsen, dürften die Gletscher den Prognosen zufolge verschwinden.

Jedes Grad Klimaerwärmung zählt – sonst verschwinden doppelt so viele Gletscher

In ihrer Studie führen die ETH-Forschenden den neuen Begriff des „Peak Glacier Extinction“ ein, der sich auf Deutsch mit Zenit oder Höhepunkt des Gletschersterbens übersetzen lässt. Er bezeichnet den Zeitpunkt, an dem die Anzahl der Gletscher, die innerhalb eines bestimmten Jahres verloren gehen, am grössten ist. Danach nimmt die Zahl der verschwindenden Gletscher wieder ab, weil die meisten kleinen bereits geschmolzen sind. Klimapolitisch ist das bedeutsam: Die Gletscher werden weiter schrumpfen, auch wenn die Zahl der verschwindenden Gletscher nach dem Zenit zurückgehen wird.

Diesen Zenit haben die ETH-Forschenden für verschiedene Erwärmungsszenarien berechnet. Bei plus 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung, wie dies das Pariser Abkommen vorsieht, wird er circa 2041 erreicht: Rund 2.000 Gletscher verschwinden dann in nur einem Jahr. Bei plus 4 Grad Celsius verschiebt sich die Spitze auf etwa 2055 – dafür steigt sie auf rund 4.000 Gletscher an. Dass der Höhepunkt bei stärkerer Erwärmung später eintritt, wirkt zunächst paradox. Der Grund: Bei stärkerer Erwärmung schmelzen nicht nur kleine Gletscher ganz weg, sondern auch grosse verschwinden. Dieses vollständige Verschwinden auch der grossen Gletscher zu erfassen, ist ein Vorzug des neuen Ansatzes.

Wie die ETH-Forschenden weiter zeigen, verschwinden bei plus 4 Grad Celsius Erwärmung im Zenit doppelt so viele Gletscher wie bei plus 1,5 Grad Celsius. Während im 1,5-Grad-Szenario noch etwa die Hälfte der heutigen Gletscher überlebt, bleibt bei plus 2,7 Grad Celsius nur ein Fünftel übrig – und bei plus 4 Grad Celsius gerade einmal ein Zehntel. Jedes Zehntelgrad zählt somit, um den Schwund zu bremsen. „Die Ergebnisse unterstreichen, wie dringend ambitionierte Klimaschutzmassnahmen sind“, sagt Daniel Farinotti, Co-Autor und ETH-Professor für Glaziologie.

Was bedeutet der Gletscherschwund für Politik, Kultur und Wirtschaft?

Mit Blick auf die Menschen, die vom Gletscherrückgang betroffen sind, verspricht die neue Perspektive zusätzliche Erkenntnisgewinne für Politik, Wirtschaft und Kultur. Die bisherigen Studien konzentrierten sich darauf, den Gletscherrückgang mittels Massenverlusten zu bestimmen. Das ermöglichte Rückschlüsse auf den Anstieg des Meeresspiegels und den Umgang mit Wasserressourcen. „Das Schmelzen eines kleinen Gletschers trägt jedoch kaum zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Wenn ein Gletscher ganz verschwindet, kann das jedoch den Tourismus in einem Tal erheblich beeinträchtigen“, sagt Lander Van Tricht.

Die neue Studie der ETH Zürich zeigt somit nicht nur, wann und wo Gletscher verschwinden werden; sie kann auch Politik, Gemeinden, Tourismus und Naturgefahren-Management lokal dabei unterstützen, sich auf eine Zukunft mit weniger Eis und Wasser vorzubereiten.

Vor diesem Hintergrund beteiligen sich die ETH-Forschenden auch an Initiativen wie der Global Glacier Casualty List, die darauf abzielt, die Namen und Geschichten der verlorenen Gletscher zu bewahren – so haben sie unter anderem die Geschichten des Birch- und des Pizol-Gletschers beigesteuert: „Mit jedem Gletscher verbindet sich ein Ort, eine Geschichte und Menschen, die seinen Verlust spüren“, sagt Lander Van Tricht, „darum engagieren wir uns sowohl für die Erhaltung der bestehenden Gletscher als auch für die Bewahrung der verlorenen.“

Quelle: UD/fo
 

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