Der giftige Preis des Goldrausches: Wie Asiens Kleinbergbau zur globalen Quecksilberkrise wird
In Paracale auf den Philippinen ist das Stadtemblem mit Schaufel, Spitzhacke und Bergmannshelm geschmückt. Vier Fünftel der Einwohner leben vom Goldbergbau. Was romantisch klingt, ist die toxische Realität einer globalen Umweltkrise. Denn während die Goldpreise steigen und Millionen Menschen weltweit in den Kleinbergbau strömen, wird Quecksilber zur größten Bedrohung für Mensch und Umwelt. Eine neue Studie zeigt: Die Emissionshotspots haben sich nach Süden verlagert, und Südostasien trägt mittlerweile die Hauptlast einer Verschmutzung, die Jahrhunderte überdauern wird.
07.04.2026
Der moderne Goldrausch folgt einer uralten, aber verheerenden Methode. Bergleute sammeln Erz aus Flussbetten, Minen und selbst aus metertiefem Schlamm. Viele mischen es mit Quecksilber, das sich an die Goldpartikel im Erz bindet. Wenn die Mischung erhitzt wird, verdampft das Quecksilber und hinterlässt Gold. Was bleibt, sind Quecksilberdämpfe, die in die Atmosphäre entweichen, kontaminierte Abraumhalden und verseuchte Gewässer. Liu Maodian, Forscher an der Peking University’s College of Urban and Environmental Sciences, war an einer Studie beteiligt, die zeigt, dass die anthropogenen Quecksilberemissionen zwischen 1960 und 2021 um 330 Prozent gestiegen sind. Der größte Verursacher ist nicht länger die Kohleverbrennung, sondern der Goldbergbau im globalen Süden.
Liu betont, dass sich die Emissionshotspots nach Süden verlagert haben. Quecksilberverschmutzung in der Europäischen Union und den USA wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren unter Kontrolle gebracht. Im vergangenen Jahrzehnt hat China seine Emissionen drastisch reduziert, bleibt aber die größte Einzelquelle. Gleichzeitig sind die Emissionen in aufstrebenden Industrieländern in Südostasien, Südasien und Lateinamerika gestiegen. Dies hat die Reduktionen anderswo vollständig zunichtegemacht. Die Berechnungen der Forscher ergaben, dass 2021 der globale Süden ohne China zwei Drittel aller Quecksilberemissionen ausmachte. Der Beitrag Südostasiens ist besonders prominent, mit einem Anstieg der Emissionen um 700 Prozent in den vergangenen 62 Jahren. Getrieben wurde dieser Anstieg durch den handwerklichen und kleingewerblichen Goldbergbau, der durch den Goldpreis befeuert wurde, welcher im letzten Jahrzehnt um fast 500 Prozent gestiegen ist. Mittlerweile macht dieser Bergbau 15 bis 20 Prozent der globalen Goldproduktion aus.
Die Folgen für Mensch und Umwelt sind katastrophal. Abigail Ocate, Wissenschaftlerin auf den Philippinen, berichtet, dass eine von ihrem Team in Paracale durchgeführte Umwelt- und Gesundheitsbewertung erhöhte Quecksilberwerte in Proben von lokalen Wildtieren, Einwohnern und Bergleuten feststellte. Ocate erklärt, dass in Gebieten des Kleinbergbaus Symptome einer Quecksilbervergiftung wie Zittern, Gedächtnisprobleme und Kopfschmerzen oft falsch diagnostiziert oder dem Alter zugeschrieben werden. Der Schaden, den Quecksilber dem menschlichen Körper zufügt, werde noch nicht vollständig erkannt. Besonders gefährlich wird das Element, wenn es in den Ozean gelangt. Der Großteil des im menschlichen Körper gefundenen Quecksilbers stammt vom Verzehr kontaminierter Meeresfrüchte.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Verschmutzung ein globales Ausmaß erreicht hat. Forscher veröffentlichten kürzlich eine Studie zur Quecksilberverschmutzung auf der Nordhalbkugel, basierend auf Untersuchungen von Blumen, die am Mount Everest wachsen. Die Werte im Jahr 2020 waren 70 Prozent niedriger als im Jahr 2000. Doch das globale Bild ist weit weniger erfreulich. Mikroben in der Umwelt können Quecksilber in Methylquecksilber umwandeln, das von lebenden Organismen, einschließlich Fischen und Menschen, aufgenommen werden kann. Methylquecksilber ist ein starkes Nervengift, das sowohl für Menschen als auch für Wildtiere schädlich ist. Es kann schwere Schäden am zentralen Nervensystem verursachen, die zu sensorischen und motorischen Defiziten sowie Verhaltensbeeinträchtigungen führen.
Liu Maodian ist überzeugt, dass Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger den Anstieg der Quecksilberverschmutzung und die Verlagerung der Quellen in den Süden ernst nehmen müssen. Überwachung und Datenerhebung seien wesentliche Bestandteile zur Bewältigung des Problems, aber diese Arbeit werde in Entwicklungsländern nicht durchgeführt. Abigail Ocate bestätigt, dass die Philippinen noch nicht die Quecksilberwerte in allen Gewässern überwachen, sondern nur in jenen nahe einiger Bergbaugebiete. Wissenschaftliche Studien in ganz Südostasien seien im Vergleich zu Ostasien ebenfalls relativ begrenzt, wobei die meisten das Methylquecksilber übersehen, das sich in Meeresfrüchten anreichert. Neben mehr Überwachung sollten Regierungen laut Ocate die menschliche Exposition gegenüber Quecksilber verfolgen und ihre Gesellschaften zu einer gesunden und quecksilberfreien Zukunft führen.
Natürlich treiben auch andere Wachstumsbereiche die Quecksilberverschmutzung voran. Dazu gehören die Kohlekraftwerke auf den Philippinen, in Indonesien, Vietnam und Indien, der Nickelbergbau, unsachgemäße städtische Müllverbrennung und hautaufhellende Produkte, die Quecksilber enthalten. In sogenannten Goldstädten bedroht der Bergbau die Wasserqualität, Fischerei und Landwirtschaft. Das Problem ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial. Schätzungen zufolge sind zwischen zehn und 19 Millionen Menschen im handwerklichen und kleingewerblichen Goldbergbau beschäftigt, hauptsächlich in Asien, Afrika und Südamerika. Diese Bergleute arbeiten meist in der informellen Wirtschaft, was bedeutet, dass sie weder reguliert noch von ihren Regierungen geschützt werden. Bis zu fünf Millionen Frauen und Kinder sollen in diesem Sektor arbeiten.
Die internationale Gemeinschaft hat das Problem erkannt, aber die Reaktion bleibt halbherzig. Die Minamata-Konvention über Quecksilber, ein internationales Abkommen zur Reduzierung der globalen Quecksilbernutzung, verlangt von den teilnehmenden Ländern, nationale Aktionspläne zur Reduzierung und Beseitigung von Quecksilberquellen innerhalb ihrer Grenzen zu erstellen. Für einige Länder schließt dies den handwerklichen und kleingewerblichen Goldbergbau ein. Doch die Artikel der Konvention zur Kontrolle der Quecksilbernutzung im Kleinbergbau bleiben schwach und verlassen sich auf die langsame Entwicklung und Umsetzung staatlicher nationaler Aktionspläne. Organisierte Kriminalität, korrupte Beamte, Polizei und Militär sowie bewaffnete Gruppierungen, die Goldminen kontrollieren, nutzen diese Schwäche aus, und Quecksilber strömt weiterhin in die Goldabbaugebiete.
Die wachsende Krise wurde durch in die Höhe schnellende Goldpreise verschärft, die den gewaltigsten Goldrausch der modernen Zeit befeuern. Susan Keane, leitende Umweltanalystin beim Natural Resources Defense Council, formuliert das Dilemma prägnant: „Es ist eine riesige Quelle von Quecksilber und ein riesiges Gesundheitsproblem. Aber es ist auch eine enorme wirtschaftliche Chance für die ländliche Armut an Orten, wo es nicht viele andere Möglichkeiten gibt“, erklärt Keane. Diese Spannung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und Umweltschutz macht Lösungen so schwierig.
Es gibt alternative Technologien, aber ihre Verbreitung ist langsam. Wissenschaftler haben Methoden entwickelt, die Magnetismus nutzen, um Gold aus Abraumhalden zu gewinnen, ohne Chemikalien zu verwenden. Andere Ansätze konzentrieren sich auf die Verbesserung von Destillationsgeräten, sogenannten Retorten, die flüssiges Quecksilber zur Wiederverwendung zurückgewinnen und die Exposition gegenüber Quecksilberdämpfen in Bergbaugemeinden verringern. Doch viele Retorten führen immer noch zu erheblichen Quecksilberverlusten. Die Herausforderung besteht darin, diese Technologien in abgelegene, oft unkontrollierte Bergbaugebiete zu bringen und sicherzustellen, dass die Bergleute sie auch tatsächlich nutzen.
Die Quecksilberverschmutzung in Asien ist ein Warnsignal für die Welt. Das Element, das in der Umwelt ist, wird dort für Jahrhunderte bleiben. Flüsse tragen quecksilberhaltige Partikel stromabwärts und bedrohen die höchste Biodiversität des Planeten sowie zahlreiche indigene Gemeinschaften. Die Schäden sind irreversibel. Was heute an Quecksilber in Ökosysteme gelangt, wird noch Generationen von Menschen und Tieren belasten. Der Goldrausch in Asien zeigt, dass wirtschaftliches Überleben und Umweltschutz nicht länger als Gegensätze behandelt werden können, sondern zusammengedacht werden müssen, bevor es zu spät ist.