Der Nickel-Boom und seine dunkle Kehrseite: Wie der grüne Traum zu brauner Realität wird
Von Elektroauto-Batterien bis zu Edelstahl: Nickel ist zum Schlüsselrohstoff der Energiewende geworden. Doch während Indonesien mit radikalen Exportverboten zur weltgrößten Nickel-Nation aufstieg und Kanada an ehrgeizigen Klimaprojekten tüftelt, werfen beide Strategien unbequeme Fragen auf. Denn der Weg zum grünen Nickel ist gepflastert mit Kohle, Abholzung und geopolitischen Spannungen. Ein Blick auf zwei Länder, die zeigen, dass die Rohstoffwende komplizierter ist als gedacht.
05.03.2026
Indonesien hat sich binnen eines Jahrzehnts vom simplen Rohstofflieferanten zur dominierenden Kraft im globalen Nickelmarkt katapultiert. Das Rezept: strikte Exportverbote für unverarbeitetes Nickelerz, die ausländische Investoren zwangen, ihre Raffinerien direkt vor Ort zu errichten. Was 2014 als umstrittenes Experiment begann, entwickelte sich zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Die Produktion vervierfachte sich von 400.000 Tonnen im Jahr 2017 auf 1,6 Millionen Tonnen im Jahr 2023. Indonesien verfügt heute über mehr als 75 Prozent der globalen Nickel-Raffinerie-Kapazität, kontrolliert von chinesischen Investoren, die das Land zur industriellen Drehscheibe für Elektrofahrzeug-Batterien machen wollen.
Die Zahlen sind beeindruckend. Nord-Maluku, eine der nickelreichsten Provinzen, verzeichnete zwischen 2021 und 2023 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 20,1 Prozent, getrieben fast ausschließlich von der Nickelindustrie. Zentral-Sulawesi, die zweitbeste Provinz, profitierte ähnlich. Doch dieser wirtschaftliche Aufschwung wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Indonesiens Strategie folgt einer Logik, die Kritiker als Ressourcennationalismus bezeichnen. Das Mineralien- und Kohlebergbaugesetz von 2009 verankert die Kontrolle über natürliche Ressourcen als staatliche Aufgabe zum Wohle des Volkes. Die Regierung wollte nicht länger tatenlos zusehen, wie ausländische Konzerne Rohmaterialien zu Schleuderpreisen exportierten, während die Wertschöpfung anderswo stattfand.
Luhut Pandjaitan, Indonesiens ehemaliger Koordinierungsminister für maritime Angelegenheiten und Investitionen, formulierte die Vision deutlich. Er betonte, dass Indonesiens wettbewerbsfähiges raffiniertes Nickel, angetrieben von reichlich vorhandener Kohle, die globale grüne Transformation und die Entwicklung von Elektrofahrzeugen unterstütze. Genau hier liegt das Paradoxon. Während die Welt auf saubere Energie setzt, basiert Indonesiens Nickelproduktion zum Großteil auf Kohle. Die energieintensiven Schmelzprozesse verschlingen gigantische Mengen Strom, und dieser wird größtenteils aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Experten warnen, dass die globale Dekarbonisierungsagenda paradoxerweise zu einer Rekarbonisierung in mineralreichen Ländern führt. Die grüne Transformation des Westens verlagert die Emissionen schlichtweg an andere Orte.
Die Umweltbilanz ist verheerend. Satellitenbildanalysen zeigen, dass zwischen 2018 und 2023 rund 52.000 Hektar Regenwald für nickelbedingte Rodungen verloren gingen, hauptsächlich in Sulawesi und Halmahera, Regionen mit außergewöhnlich hoher Biodiversität. Wasserverschmutzung hat sich zu einem kritischen Problem entwickelt. Hochdruck-Säurelaugungsanlagen, sogenannte HPAL-Anlagen, benötigen sorgfältige Behandlung saurer Abfälle. Mehrere Verarbeitungsanlagen wurden 2022 nach Beschwerden über kontaminierte Trinkwasserquellen vorübergehend geschlossen. Die schnelle Expansion überfordert die regulatorischen Kapazitäten des Landes.
Chinesische Unternehmen kontrollieren etwa 40 Prozent der indonesischen Nickelproduktion, während indonesische Firmen nur auf 10 Prozent kommen. Diese massive Abhängigkeit birgt geopolitische Risiken. Die USA und die Europäische Union versuchen, ihre eigenen Lieferketten für kritische Mineralien zu sichern, stoßen jedoch auf Hindernisse. Der amerikanische Inflation Reduction Act schließt Mineralien aus, die mit chinesischen Unternehmen verbunden sind. Indonesiens Hoffnung auf ein Freihandelsabkommen mit den USA hat sich mit dem Machtwechsel in Washington weitgehend zerschlagen. Die Europäische Union klagte bei der Welthandelsorganisation gegen Indonesiens Exportverbote. Das WTO-Gremium entschied gegen Jakarta, doch die Regierung blieb unbeirrt und plant, ähnliche Verbote auf Bauxit, Kupfer und Zinn auszuweiten.
Während Indonesien den Markt mit billigem Nickel flutet und dabei Umwelt sowie Governance opfert, versucht Kanada einen anderen Weg. Die Crawford Nickel-Mine bei Timmins in Ontario, die zu Kanadas größter Nickelmine werden soll, setzt auf innovative Kohlenstoffspeicherung. Das Projekt verspricht, während seiner 41-jährigen Laufzeit mehr als 54 Millionen Tonnen Kohlendioxid in Abraumgestein zu speichern und damit die eigenen Emissionen deutlich zu senken. Vor der Umsetzung dieser Pläne würde die Mine etwa 15,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent ausstoßen, was den jährlichen Emissionen von 3,5 Millionen benzinbetriebenen Autos entspricht. Mit Elektrifizierung und Kohlenstoffspeicherung will das Unternehmen die Emissionen bis 2030 auf 154.000 Tonnen pro Jahr reduzieren.
Der Schlüssel zu dieser Technologie liegt in einem unscheinbaren Mineral namens Brucit. Ian Power, Kanadas Forschungslehrstuhlinhaber für Umweltgeowissenschaften und außerordentlicher Professor an der Trent University, war einer der Wissenschaftler, die bereits 2006 die natürliche Kohlenstoffspeicherung an einer australischen Nickelmine untersuchten. „Als wir die Stätte studierten und uns der Anwesenheit von Brucit bewusst wurden, verstanden wir, dass Brucit wirklich einen Großteil der Arbeit leistete“, erklärte Power. Das wachsartige, perlmuttfarbene Mineral reagiert hochgradig mit Kohlendioxid und kann die Kohlenstoffspeicherung an Minen erheblich verstärken.
Canada Nickel plant, das Abraumgestein durch eine Reihe von Tanks zu leiten, in denen Kohlendioxid mehrere Stunden lang eingeblasen und eingerührt wird. Pierre-Philippe Dupont, Vizepräsident für Nachhaltigkeit bei Canada Nickel, erklärte per E-Mail, dass das Unternehmen durch die Nutzung hochkonzentrierter Kohlendioxid-Ströme und die Kontrolle bestimmter Bedingungen erwartet, das Brucit im Abraum vollständig für die Kohlenstoffspeicherung zu nutzen. Es wäre das erste Mal, dass diese Technologie im Maßstab einer kommerziellen Mine realisiert wird. Das Unternehmen hat mittlerweile Patente für seine Technologie angemeldet und mehrere Millionen Dollar an staatlichen Zuschüssen erhalten.
Sowohl Premierminister Mark Carney als auch Ontarios Premier Doug Ford setzen große Hoffnungen auf die Crawford-Mine. Sie ist das erste Projekt in Kanada, das sowohl ins föderale Major Projects Office als auch auf die provinzielle Liste der beschleunigten Genehmigungen aufgenommen wurde. Beide Regierungen bewerben das Projekt als kohlenstoffarm und verweisen auf Studien, die zeigen, dass die prognostizierten Emissionen 90 Prozent unter dem globalen Durchschnitt liegen werden. Die Bundesregierung hat Millionen für die Mineralisierungstechnologie und Elektrifizierungspläne zur Verfügung gestellt. In einer Investorenpräsentation vom Januar 2026 gab das Unternehmen bekannt, zwischen 100 und 300 Millionen US-Dollar an staatlicher Förderung zu erhalten, einschließlich langfristiger Finanzierung über 500 Millionen Dollar von Export Development Canada. Zusätzlich rechnet Canada Nickel mit 600 Millionen Dollar aus zwei kanadischen Steuergutschriften für Kohlenstoffabscheidung und saubere Technologieproduktion.
Doch auch hier gibt es Schattenseiten. Der Fußabdruck der Mine könnte selbst Kohlendioxid-Emissionen verursachen. Nordontario beherbergt den borealen Wald und ausgedehnte Torfmoore, die als Netto-Absorber von Kohlendioxid fungieren und auch als Filter für sauberes Wasser dienen, Überschwemmungen und Dürren regulieren sowie Wildtiere und Biodiversität unterstützen. Torfmoore sind in Kanada durch industrielle Nutzung wie Forstwirtschaft, Bergbau und Landwirtschaft bedroht, die den gespeicherten Kohlenstoff stören und in die Atmosphäre freisetzen können. Die Wildlife Conservation Society Canada warnte, dass einige Torfmoore über großen Mineralvorkommen liegen, einschließlich Crawford. Die Einreichung des Unternehmens bei der Impact Assessment Agency of Canada berechnete, dass die gesamte entgangene Kohlenstoffspeicherung über die Lebensdauer des Projekts auf etwa 7 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent geschätzt wird.
Adam Kirkwood, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Wälder, Torfmoore und Klimawandel bei der Wildlife Conservation Society Canada, merkte an, dass das Gebiet um Timmins ein Mosaik aus Wäldern, Seen und Feuchtgebieten sei, die sich in Zukunft zu Torfmooren entwickeln könnten. „Meine Perspektive ist, es liegt immer noch im borealen Wald, wo wir durchaus einige Torfmoore haben“, sagte Kirkwood. Er betonte, dass das Unternehmen die Möglichkeit habe, seine Auswirkungen zu minimieren, damit Torfmoore, deren Bildung Tausende von Jahren dauert, ungestört bleiben.
Canada Nickel beteuert, dass der Fußabdruck der Mine bundesweit bewertet wurde und dass Gebiete, die sich mit Feuchtgebieten und Torfmooren überschneiden, identifiziert und als Teil der Umweltauswirkungsbewertung untersucht wurden. „Wo Auswirkungen unvermeidbar sind, haben wir Minderungs-, Überwachungs- und Kompensationsmaßnahmen vorgeschlagen, die den regulatorischen Anforderungen und den durch den Impact Assessment-Prozess eingegangenen Verpflichtungen entsprechen“, erklärte Dupont. Ob diese Versprechungen eingehalten werden, muss sich erst noch zeigen.
Beide Ansätze, der indonesische wie der kanadische, offenbaren die grundlegende Spannung der Energiewende. Indonesien maximiert kurzfristige wirtschaftliche Gewinne auf Kosten von Umwelt und langfristiger Nachhaltigkeit, während es sich in gefährliche geopolitische Abhängigkeiten begibt. Kanada versucht, technologische Innovation und Klimaschutz zu verbinden, doch auch hier bleiben Fragen zu Umweltauswirkungen und der tatsächlichen Wirksamkeit der Kohlenstoffspeicherung offen. Der Hunger der Welt nach Nickel wird nicht nachlassen, solange Elektrofahrzeuge und erneuerbare Energien expandieren. Die entscheidende Frage lautet: Können mineralreiche Länder Wege finden, die sowohl ökonomisch sinnvoll als auch ökologisch vertretbar sind? Oder wird die grüne Revolution des Westens zur braunen Realität im globalen Süden? Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur die Zukunft der Bergbauindustrie, sondern auch die Glaubwürdigkeit der gesamten Klimawende bestimmen.