Argentinien gibt Lachszucht in Feuerland frei
Mit acht zu sieben Stimmen hat Feuerlands Parlament im Dezember 2025 ein Gesetz verabschiedet, das industrielle Lachsfarmen in einer der letzten weitgehend intakten Meeresregionen der Erde erlaubt. Was Chiles Erfahrung längst belegt – Biodiversitätsverlust, Antibiotikamissbrauch, verseuchte Meeresböden –, droht nun auch dem subantarktischen Ökosystem am Südende Südamerikas.
08.04.2026
Die argentinische Provinz Feuerland gilt als eine der entlegensten Regionen der Erde. Der Beagle-Kanal, sturmgepeitschte Wälder, Moorlandschaften und nährstoffreiche Kaltseen bilden ein subantarktisches Ökosystem, in dem Seelöwen und Delphine die Kanäle durchqueren, Südkaper und Seeadler die Küsten bevölkern und Pinguine ihre Brutgebiete haben. Die Provinzhauptstadt Ushuaia ist als Tor zur Antarktis bekannt – und eben dieses Naturerbe stand am 15. Dezember 2025 auf dem Spiel. Mit nur einer Stimme Mehrheit verabschiedete das Regionalparlament ein Gesetz, das industrielle Lachsproduktion ohne Mengenobergrenze ermöglicht – und damit ein vier Jahre altes Verbot kippt.
Die Atmosphäre nach der Abstimmung beschreibt Nancy Fernández, Präsidentin der Umweltschutz-NGO Manékenk Association und Forscherin an der Nationalen Universität Feuerland, so: „Es herrschte ein seltsames Gefühl, als ob die Abgeordneten zwischen Hammer und Amboss feststeckten. Es war nur eine Sekunde, aber sie schauten uns an, als wollten sie sagen: Wir hatten keine andere Wahl.“ Was sie besonders verbittert: Ausgerechnet Gouverneur Gustavo Melella, der 2021 das Verbot mitunterstützt und erklärt hatte, man wolle keine fremden Arten einführen – „wie es in anderen Gegenden passiert ist, wie es in Chile passiert ist, wäre die Katastrophe unumkehrbar“ –, legte nun selbst den Gesetzentwurf zur Aufhebung des Verbots vor.
Wirtschaftskrise als Argument, Chile als Warnung
Hinter dem Kurswechsel steckt Argentiniens tiefe Wirtschaftskrise: Hyperinflation, Verarmung und die Sparmaßnahmen unter Präsident Javier Milei haben Feuerland hart getroffen. Besonders schmerzhaft: Die Abschaffung von Importzöllen auf Elektronikprodukte durch die Bundesregierung im Mai 2025 gefährdet nach Schätzungen 2.000 bis 2.500 Arbeitsplätze in einer Branche, die in der Provinz konzentriert ist. Der Untersekretär für Fischerei und Landwirtschaft, Diego Marzioni, stellte der Öffentlichkeit in Aussicht, Lachszucht könne zwischen 4.000 und 4.500 neue Stellen schaffen. Fernández hält das für falsche Hoffnungen: „Wir haben ihnen gesagt, sie sollen aufhören, den Menschen leere Versprechen zu machen, denn es ist traurig, das in dieser Krisenzeit zu tun.“
Was in Feuerland noch Debatte ist, hat Chile längst zur bittere Realität werden lassen. Flavia Liberona, Biologin und Geschäftsführerin der chilenischen Nachhaltigkeits-NGO Terram Foundation, zieht eine ernüchternde Bilanz: „70 Prozent der einheimischen Fische in Chile haben Schutzprobleme, weil Lachse Raubtiere sind und sich von einheimischen Fischen ernähren.“ Heute produziere die chilenische Lachsindustrie jährlich mehr als eine Million Tonnen, und es gebe 1.380 Konzessionen, von denen 408 in Schutzgebieten lägen. „Die Behörden haben die Industrie nicht angemessen reguliert“, sagt Liberona.
Verseuchte Meeresboden, Antibiotika, entkommene Lachse
Das Forum für den Schutz des Patagonischen Meeres, ein Zusammenschluss von 30 Organisationen aus Argentinien, Chile, Brasilien und Uruguay, hat in einer detaillierten Stellungnahme die Folgeschäden der Lachsfarmen dokumentiert: Fregesetzte Lachse, die das lokale Ökosystem schädigen; organische Abfall-Akkumulationen auf dem Meeresboden in Farmnähe, die den Sauerstoffgehalt senken und die Artenvielfalt verändern; algenblüten sowie ein exzessiver Antibiotikaeinsatz, der möglicherweise zur Antibiotikaresistenz beim Menschen beiträgt. Wie weit diese Probleme in Chile bereits gediehen sind, zeigte der Gesundheitskrise von 2007: Ein Ausbruch der Infektiösen Lachsanämie löste eine Massenmortalität aus und trieb die Industrie in neue, noch unbelastete Meeresregionen.
Neben den ökologischen Risiken bestehen laut Liberona erhebliche Zweifel an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Projekts. Die globale Lachsindustrie wird von Norwegen und Chile dominiert und ist hochgradig wettbewerbsintensiv. Feuerland müsste Fischbesatz und Spezialbedarf aus der Ferne beschaffen, den Lachs über weite Strecken zu den Märkten transportieren und qualifizierte Fachkräfte in eine der abgelegensten Regionen der Welt locken. „Es ist eine hochkomplexe Industrie; es reicht nicht, einfach Farmen ins Meer zu setzen“, betont Liberona.
Fehlende Kontrollkapazität wirft Fragen auf
Das neue Gesetz sieht eine strategische Umweltverträglichkeitsprüfung und individuelle Umweltgutachten für jede geplante Farm vor. Zuständig sein werden das Fischereiamt und das Umweltamt – zwei Behörden mit teils gegensätzlichen Interessen. Fernández benennt das zentrale Problem offen: „Das größte Misstrauen der Bevölkerung liegt in diesem Bereich: Die Menschen glauben nicht, dass die Behörden die Kapazität haben, Vorschriften durchzusetzen.“ Andrea Michelson, Koordinatorin des Forums für den Schutz des Patagonischen Meeres, geht noch weiter: „Aus unserer Sicht wäre die Lösung, die Aktivität gar nicht zuzulassen.“ Die Organisation setzt weiterhin auf Naturtourismus und nachhaltige Landwirtschaft als Alternativen. Ob das reicht, um den Fischereikonzernen den Zugang zum Ende der Welt zu verwehren, entscheidet sich in den kommenden Monaten – wenn das neue Gesetz in Kraft tritt und die ersten Bewilligungsanträge eingehen.