Amazonas: Wie Steuerpolitik das erfolgreichste Abholzungsschutzabkommen der Welt zerstört
20 Jahre lang galt das Amazonas-Soja-Moratorium als Beweis, dass Waldschutz und Wirtschaftswachstum vereinbar sind. Seit Anfang 2026 ist das Geschichte: Brasiliens mächtigste Sojahändler-Vereinigung ABIOVE – mit Mitgliedern wie Cargill, ADM, Bunge und Louis Dreyfus – hat das Abkommen verlassen. Auslöser war ein Steuergesetz im Bundesstaat Mato Grosso. Die Folgen könnten für den Amazonas verheerend sein.
22.04.2026
Das Amazonas-Soja-Moratorium wurde 2006 als freiwillige Selbstverpflichtung ins Leben gerufen: Unterzeichner verpflichten sich, keinen Soja von Flächen zu kaufen, die nach Juli 2008 im Amazonasgebiet gerodet wurden. Das Ergebnis war beeindruckend – zwischen 2009 und 2022 stieg die Anbaufläche für Soja um mehr als 300 Prozent, während die Entwaldung in den überwachten Gemeinden um 69 Prozent zurückging. Ein Modell, das weltweit als Blaupause für freiwilligen Waldschutz galt. Nun ist es am Boden.
Am 5. Januar 2026 zog sich ABIOVE, die Vereinigung großer Getreidehändler, formell aus dem Amazonas-Soja-Moratorium zurück. Ausgelöst wurde der Schritt durch die Abschaffung von Steueranreizen im Bundesstaat Mato Grosso für Händler, die das Moratorium einhielten – ein Gesetz, das am 1. Januar 2026 in Kraft trat. Die Logik dahinter ist brutal pragmatisch: Wer sich an den Waldschutz hält, zahlt mehr Steuern als die Konkurrenz. Mato-Grosso-Gouverneur Mauro Mendes feierte den Austritt als Sieg: Die Anforderungen des Abkommens „verursachten Verluste für unsere Produzenten und schufen Regeln, die weit über das brasilianische Recht hinausgingen“, erklärte er.
Laut einer vorläufigen Studie des Amazonas-Umweltforschungsinstituts IPAM könnte die Amazonas-Entwaldung infolge des Zusammenbruchs des Moratoriums bis 2045 um 30 Prozent ansteigen – und damit Millionen Hektar Regenwald gefährden. Greenpeace-Koordinatorin Cristiane Mazzetti warnte gegenüber Reuters unmissverständlich: „Es ist ein gefährlicher Präzedenzfall, und es ist nicht das, was wir in einem Moment des Klimanotstands brauchen.“ WWF erklärte, der Austritt „schwäche eines der wirksamsten Instrumente zur Bekämpfung der Entwaldung im Land“ und setze Landwirte wachsenden Klimarisiken aus.
Hintergrund des Ausstiegs ist auch ein juristischer Druck: Die brasilianische Kartellbehörde CADE hatte das Moratorium 2025 vorübergehend suspendiert und eine Untersuchung wegen möglicher Wettbewerbsverstöße eingeleitet – Sojafarmer hatten die Händler auf umgerechnet rund 180 Millionen Dollar verklagt. Gleichzeitig hatten Lobbygruppen der Agrarindustrie seit Jahren auf ein Ende des Pakts gedrängt. ABIOVE-Mitgliedsunternehmen zeichnen für einen erheblichen Teil von Brasiliens Sojaverarbeitungskapazität und -exporten verantwortlich. Ihr Austritt ist daher kein symbolischer Schritt – er verändert die gesamte Dynamik des brasilianischen Sojamarkts.
Die Konsequenzen reichen weit über Brasilien hinaus. Die Situation verschärft sich durch zwei weitere kritische politische Entwicklungen: die Verzögerung und Abschwächung der EU-Entwaldungsverordnung sowie das EU-Mercosur-Handelsabkommen, das brasilianische Agrarexporte nach Europa ausweiten wird. Zusammen ergeben sie einen perfekten Sturm – Märkte öffnen sich, während Schutzmaßnahmen abgebaut werden. Mehr als ein Dutzend europäische Supermarktketten, darunter Lidl, Aldi und Tesco, haben die Händler bereits schriftlich aufgefordert, ihre Verpflichtungen gegenüber dem Moratorium öffentlich zu bekräftigen. Ob das reicht, um den Amazonas zu schützen, bleibt fraglich – denn was einst ein Markenzeichen brasilianischer Nachhaltigkeitspolitik war, ist nun einem Steuergesetz aus Mato Grosso zum Opfer gefallen.