Umwelt

56 Jahre Earth Day: Zwischen Aufbruch und Erschöpfung

Am 22. April 2026 jährte sich der erste Earth Day zum 56. Mal. Was 1970 mit 20 Millionen Menschen auf den Straßen Amerikas begann, ist heute ein globaler, aber zahmer Gedenktag – und könnte angesichts der politischen Rückschläge wichtiger sein denn je.

24.04.2026

56 Jahre Earth Day: Zwischen Aufbruch und Erschöpfung

Adam Rome, Professor an der Universität Buffalo und Autor eines Standardwerks über die Geschichte des Earth Day, beschreibt gegenüber Inside Climate News die Entstehung von 1970 als Kind seiner Zeit. Gründer war der demokratische Senator aus Wisconsin, Gaylord Nelson, der als Gouverneur zur Überzeugung gelangt war, dass die Umwelt „das größte Problem ist, das wir lösen müssen“. Er engagierte ein Team von Twentysomethings, die allesamt aus der Antikriegs-, Bürgerrechts- und Frauenbewegung kamen – nur eine einzige Person hatte überhaupt Umwelterfahrung. „Es war eine Sache, die viele Menschen zusammenbrachte, die schon in anderen Bewegungen der 1960er Jahre aktiv gewesen waren“, sagt Rome. Das Überraschende: Auch Konservative machten mit. Es war parteiübergreifend – was Adam Rome heute „schlichtweg unvorstellbar“ erscheint.

Anzeige

Ein visueller Impuls hatte den Weg bereitet. Weihnachten 1968 sandten die Astronauten der Apollo 8 – die ersten Menschen, die den Mond umkreisten – Bilder der Erde zurück ins All: eine leuchtend blaue Kugel im schwarzen Nichts. Die Fotografie „Earthrise“ wurde zum ikonischen Bild einer verwundbaren Welt. 2026 gibt es ein Echo dieser Bilder: Die Artemis-II-Besatzung hat vom Orion-Raumschiff aus neue Aufnahmen der Erde übermittelt. Beide Male verband der Blick aus dem All das Trennende der irdischen Politik – zumindest für einen Moment.

Was den ersten Earth Day von seinen Nachfolgern unterschied, war sein Charakter als nationaler Denk-Prozess. Nelson übernahm das Format der „Teach-in“ aus der Antikriegsbewegung: politisierte Veranstaltungen, die keine Meinung vorgaben, sondern zum Nachdenken zwangen. „Zehntausende Menschen sprachen am Earth Day öffentlich über Umweltthemen, die sie vorher nie öffentlich angesprochen hatten", sagt Rome. Die Debatten reichten von praktischen Fragen – „Was tun wir mit dem sterbenden Eriesee?“ – bis zu existenziellen: Ist der Kapitalismus das eigentliche Problem? Ist die Religion schuld? „Die Gespräche waren zivil, aber unglaublich herausfordernd.“ Das globale Motto des Earth Day Deutschland für 2026, „Our Power, Our Planet“, versucht diesen Geist neu zu entfachen.

Aus dem einmaligen Ereignis von 1970 wurde eine Tradition, die sich in ihrer Wirkung jedoch wandelte. 1990 internationalisierten Denis Hayes und sein Team den Earth Day und mobilisierten 200 Millionen Menschen in 141 Ländern. Seitdem ist der 22. April in über 175 Ländern offiziell verankert. Gleichzeitig ist der Tag stiller geworden. Die typische Earth-Day-Veranstaltung 2026 ist ein Schulprojekt, eine Müllsammelaktion oder ein Vortrag in der Volkshochschule – wichtig und sinnvoll, aber weit entfernt von dem Gesellschaftsmoment, den Nelson anvisiert hatte.

Für den Historiker Adam Rome ist der aktuelle politische Kontext der entscheidende Unterschied. „Die aktuelle Situation erscheint mir viel herausfordernder als 1970“, sagt er gegenüber Inside Climate News. Damals habe kaum jemand ernsthaft befürchtet, dass die Demokratie selbst auf dem Spiel stehe. Heute tut das ein erheblicher Teil der Bevölkerung. Die Polarisierung macht es schwieriger, Gespräche zu führen, die Menschen auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums wirklich erreichen. Romes Studenten, so berichtet er, suchen deshalb nicht mehr nach dem großen öffentlichen Moment, sondern nach kleinteiligen Verbindungen: Gemeinschaftsgärten, lokale Selbstversorgungsprojekte, Formen des Zusammenlebens, die Brücken bauen könnten, bevor man überhaupt über Klimaschutz spricht.

Dabei ist die Dringlichkeit nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Die Trump-Regierung hat Klimaschutzfinanzierungen gestrichen, den Austritt aus dem UN-Klimarahmen eingeleitet und die EPA geschwächt – genau jene Behörde, die der erste Earth Day mit hervorgebracht hatte. Umweltaktivisten berichten von FBI-Besuchen. Gleichzeitig hat sich der Klimastreik der Schüler weltweit verbreitet, investieren viele Städte und Bundesstaaten weiter in erneuerbare Energien, und die Kosten für Solar und Wind fallen rasant. Der Earth Day 2026 findet in einem Moment statt, in dem sowohl Rückschritt als auch Aufbruch gleichzeitig real sind. „Wir müssen Dinge tun, die uns mächtiger fühlen lassen“, sagt Adam Rome. Was genau das ist, bleibt offen – aber die Frage, die der erste Earth Day gestellt hat, ist nach 56 Jahren unbeantwortet wie nie.

Quelle: UD
 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche