Soziales

Wer folgt auf Guterres? Vier Kandidaten für die Spitze der UN

Die vier offiziellen Kandidaten für das Amt des UN-Generalsekretärs stellten sich jetzt den Mitgliedstaaten vor. Es geht um mehr als eine Personalie: Der Nachfolger von António Guterres übernimmt das Amt in einer tief gespaltenen Weltlage – und soll erstmals eine Frau sein.

11.05.2026

Wer folgt auf Guterres? Vier Kandidaten für die Spitze der UN

Nur vier Kandidaten, wo 2016 noch 13 antraten. Die Besetzung des höchsten UN-Postens, die im Herbst 2026 entschieden werden soll, spiegelt die Erschöpfung und Polarisierung des multilateralen Systems wider. Am 21. April befragten Botschafter der 193 Mitgliedstaaten in der Generalversammlung zunächst die ehemalige chilenische Staatspräsidentin Michelle Bachelet Jeria und den argentinischen IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi. Am 22. April folgten die costaricanische UNCTAD-Chefin Rebeca Grynspan Mayufis und der frühere senegalesische Staatspräsident Macky Sall.

Das Verfahren wurde mit einem gemeinsamen Schreiben der Präsidentinnen und Präsidenten von Generalversammlung und Sicherheitsrat am 25. November 2025 formell eröffnet. Security Council Report hält fest, dass der Sicherheitsrat seine Auswahl bis Ende Juli 2026 treffen und anschließend eine Empfehlung an die Generalversammlung richten will. Annalena Baerbock, amtierende Präsidentin der Generalversammlung, hatte im Januar 2026 öffentlich mehr Kandidaturen eingefordert – die Resonanz blieb begrenzt. Der Prozess soll laut Beschluss von Transparenz und Inklusivität geleitet sein, doch die eigentliche Entscheidung liegt, wie stets, bei den fünf Vetomächten im Sicherheitsrat.

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Die informelle Rotationsregel der Vereinten Nationen legt nahe, dass Lateinamerika – nach Afrika (Annan), Asien (Ban) und Europa (Guterres) – nun an der Reihe ist. Drei der vier Kandidaten kommen aus der Region. Michelle Bachelet, als zweifache chilenische Präsidentin und frühere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, gilt als bekannteste Kandidatin; ihre Nominierung durch Chile, Brasilien und Mexiko wurde allerdings im März 2026 von Chiles neu gewähltem Präsident José Antonio Kast zurückgezogen, der Kandidatur von Brasilien und Mexiko ist Bachelet weiterhin im Rennen. Rebeca Grynspan, aktuelle Leiterin der UNCTAD, bringt wirtschaftspolitische Fachkompetenz mit. Macky Sall, früherer Präsident Senegals und der einzige Nicht-Lateinamerikaner, versteht seine Kandidatur als Stimme des Globalen Südens.

Eine zweite Dynamik durchzieht den Prozess: der Druck, nach neun männlichen Generalsekretären erstmals eine Frau zu berufen. Guterres selbst sowie Großbritannien und Frankreich haben sich für eine weibliche Nachfolge ausgesprochen. Die zivilgesellschaftliche Initiative 1 for 8 Billion und GWL Voices, ein Netzwerk von rund 80 globalen Führungsfrauen, führen eine aktive Kampagne. Dem steht der Widerstand der USA gegenüber: 28 republikanische Senatoren und Abgeordnete forderten in einem Brief vom 25. März 2026 ein US-Veto gegen Bachelet, die sie als „Pro-Abtreibungsfanatikerin“ bezeichneten. US-Sicherheitsberater Mike Waltz deutete an, Washington bevorzuge keinen lateinamerikanischen Kandidaten.

Laut AP ist die Weltlage 2026 deutlich angespannter als 2016: Kriege, Multilateralismusskepsis und der US-Rückzug aus zahlreichen UN-Mechanismen unter Trump verengen den Handlungsspielraum des künftigen Generalsekretärs bereits vor Amtsantritt. Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats verfügen weiterhin über das Vetorecht – wer auch immer antritt, muss China, Russland und die USA gleichzeitig überzeugen oder zumindest nicht provoziert haben. Das macht die Kandidatur zur diplomatischen Eiertanzübung zwischen aktivem internationalem Profil und strategischer Zurückhaltung.

Die Themenstruktur der Anhörungen gibt einen Ausblick auf die Erwartungen: Erstens werden Führungsqualitäten und Erfahrung abgefragt, zweitens die drei Säulen der UN – Frieden und Sicherheit, Entwicklung und Menschenrechte. Bachelet betont in ihrer Visionserklärung institutionelle Reform und Rückbindung an die Bevölkerungen. Grynspan setzt auf die UN als bevorzugten Partner für Entwicklungsfragen. Sall will den Multilateralismus erneuern und das UN-Governance-System stärken. Grossi, der als IAEA-Chef internationale Verhandlungserfahrung in Krisensituationen mitbringt, hat seinen Fokus noch nicht vollständig öffentlich gemacht.

Der zehnte UN-Generalsekretär – oder die erste UN-Generalsekretärin – tritt sein Amt am 1. Januar 2027 an. Die dialogische Anhörung ist, wie IISD festhält, nur der erste öffentliche Teil eines Prozesses, dessen entscheidende Phase in nicht-öffentlichen Abstimmungsrunden im Sicherheitsrat stattfindet. 2016 galt António Guterres nach seinen Auftritten als klarer Favorit – ob dieses Muster sich wiederholt, wird die nächste Woche zeigen.

Quelle: UD
 

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