Wenn Dünger knapp wird, droht der nächste Hunger
Der Konflikt im Nahen Osten schlägt auf die Welternährung durch: Die Blockade der Straße von Hormus verteuert Erdgas – und damit Stickstoffdünger, ohne den die globale Landwirtschaft nicht auskommt. Die Düngerpreise sind bereits um ein Viertel gestiegen. Experten warnen vor Lieferengpässen und sehen zugleich eine Chance, die fatale Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen endlich zu überwinden.
27.03.2026
Donald Trumps Krieg im Nahen Osten trifft nicht nur die Energiemärkte. Er beginnt auch die weltweite Landwirtschaft zu erschüttern – und damit die Grundlage für die Ernährung von Milliarden Menschen. Die Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, hat die Verfügbarkeit von Düngemitteln spürbar eingeschränkt. Für Landwirte weltweit steigen die Preise, für Verbraucher droht die nächste Teuerungswelle bei Lebensmitteln.
Der Grund liegt in einer wenig sichtbaren, aber fundamentalen Abhängigkeit der modernen Landwirtschaft: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und Flüssiggases wird durch jene schmale Meerenge zwischen dem Iran und Oman transportiert. Fällt dieser Korridor aus, schlägt das unmittelbar auf die Industrien durch, die am stärksten von fossilen Brennstoffen abhängen. Die Düngemittelproduktion ist eine von ihnen.
Erdgas als unsichtbare Zutat im Brot
Der Schlüsselstoff heißt Ammoniak. Aus ihm wird der Großteil aller mineralischen Stickstoffdünger hergestellt. Zwar stammt der dafür benötigte Stickstoff aus der Luft, doch der notwendige Wasserstoff wird bislang fast ausschließlich aus Erdgas gewonnen. Produziert wird das Ammoniak anschließend im energieintensiven Haber-Bosch-Verfahren – einem Prozess, der seit dem frühen 20. Jahrhundert unverändert die Basis der industriellen Landwirtschaft bildet und gleichzeitig deren Achillesferse ist. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfallen bis zu 70 Prozent der Herstellungskosten von Ammoniak allein auf den Energieeinsatz.
Genau hier schlägt der Konflikt im Golf durch. Der britische Sender BBC berichtet, dass die Düngerpreise zuletzt um etwa ein Viertel auf fast 580 US-Dollar pro Tonne gestiegen sind. Gleichzeitig drosseln oder stoppen einige Hersteller ihre Produktion, weil Erdgas als Rohstoff schlicht zu teuer geworden ist. Ein bekanntes Muster: Schon nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 mussten mehrere europäische Ammoniakfabriken vorübergehend schließen.
Wissenschaftler und die Vereinten Nationen hatten damals früh gewarnt. Bereits zu Beginn des Ukrainekriegs mahnten Fachleute, dass steigende Düngerpreise direkt die globale Ernährungssicherheit bedrohen. Die Logik ist simpel: Höhere Düngerpreise verteuern die Produktion von Getreide, Mais und Reis – und am Ende landet die Mehrbelastung auf dem Teller der Verbraucher, besonders in ärmeren Ländern.
Die Hälfte der Weltbevölkerung ernährt sich dank Kunstdünger
Das Ausmaß dieser Abhängigkeit ist kaum zu überschätzen. Rund die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt nach Einschätzung von Agrarexperten direkt oder indirekt von mineralischen Stickstoffdüngern ab. Seit der sogenannten „Grünen Revolution“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat ihr massiver Einsatz die Erträge der Landwirtschaft vervielfacht. Weltweit werden heute mehr als 180 Millionen Tonnen Stickstoffdünger pro Jahr produziert.
Die Hersteller sitzen rund um den Globus, doch ausgerechnet die Golfregion spielt eine zentrale Rolle: Saudi-Arabien, Katar, Iran, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate stellen zusammen 20 bis 30 Prozent der globalen Ammoniak- und Düngemittelexporte. Der Golf von Hormus ist damit nicht nur ein Energienadelöhr, sondern auch ein Engpass der Welternährung. Lieferketten über tausende Kilometer gehören zum Standard einer Industrie, die unter Druck und bei niedrigen Temperaturen gefährliches Ammoniak um den Globus schifft – eine Konstruktion, die bei geopolitischen Erschütterungen besonders fragil ist.
Ökolandbau und grünes Ammoniak als Ausweg
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Suche nach Alternativen an Dringlichkeit. Viele Agrarwissenschaftler verweisen auf den ökologischen Landbau als einen möglichen Ausweg aus der fossilen Abhängigkeit. In diesem System verzichten Betriebe weitgehend auf synthetischen Stickstoffdünger und setzen stattdessen auf Fruchtfolgen, Leguminosen wie Klee oder Bohnen sowie auf Kompost und Mist. Das verbessert langfristig die Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt – hat aber einen Haken: Die Erträge liegen im Ökolandbau im Schnitt 15 bis 20 Prozent unter denen der konventionellen Landwirtschaft. Eine umfassende Umstellung würde Änderungen bei Ernährungsgewohnheiten und einen entschlosseneren Kampf gegen Lebensmittelverschwendung voraussetzen.
Ein zweiter Ansatz setzt auf eine technologische Wende in der Düngerproduktion selbst. Einige Unternehmen und Forschungsgruppen arbeiten daran, Ammoniak mithilfe von erneuerbarem Strom herzustellen: Wasser wird per Elektrolyse gespalten, der gewonnene Wasserstoff reagiert dann mit Luftstickstoff zu Ammoniak – das klassische Verfahren, nur ohne Erdgas. Diese sogenannte „grüne Ammoniakproduktion“, die auch als klimaneutraler Schiffstreibstoff diskutiert wird, könnte die Emissionen der Düngemittelindustrie erheblich senken und die Abhängigkeit von fossilen Importen kappen.
Der US-Technologie-Informationsdienst IDTechEx weist in einer aktuellen Analyse darauf hin, dass steigende Gaspreise die Wettbewerbsfähigkeit solcher Anlagen verbessern können. Zudem verweist der Branchendienst auf einen weiteren Trend: die Entwicklung kleiner, modularer Einheiten für die lokale Ammoniakproduktion. Start-ups wie das US-amerikanische Unternehmen Talus Ag oder die britische Technologiefirma Nium entwickeln Systeme, die zwar nur einen Bruchteil der Kapazitäten klassischer Großanlagen haben, dafür aber direkt vor Ort in Anbauregionen betrieben werden können. Ein Beispiel: eine Anlage in Kenia, die mit Solarstrom täglich etwa eine Tonne Ammoniak produziert.
Die Blockade der Straße von Hormus macht sichtbar, was Agrarexperten seit Jahren mahnen: Die industrielle Landwirtschaft ist in ihrer heutigen Form verwundbar – abhängig von fossilen Rohstoffen, globalisierten Lieferketten und geopolitischer Stabilität, auf die kein Staat der Welt verlassen kann. Die aktuelle Krise könnte damit mehr sein als ein weiterer Schock. Sie könnte der Anstoß sein, die Produktion eines der wichtigsten Betriebsmittel der Menschheit neu zu denken – nachhaltiger, lokaler und unabhängig von Erdgas. Für die Ernährungssicherheit einer wachsenden Weltbevölkerung wäre das kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.