Soziales

Weltordnung 2035: Europa am Scheideweg zwischen Dominanz und Bedeutungslosigkeit

Ein neuer Szenarienbericht der Bertelsmann Stiftung, erstmals auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestellt, zeichnet sechs mögliche Machtkonstellationen für das Jahr 2035. Die Botschaft ist eindeutig: Europa droht in den meisten Szenarien zur geopolitischen Randerscheinung zu werden – es sei denn, es handelt jetzt.

03.03.2026

Weltordnung 2035: Europa am Scheideweg zwischen Dominanz und Bedeutungslosigkeit

Die Welt verändert sich rasant. Allianzen, die jahrzehntelang als unerschütterlich galten, geraten ins Wanken. Das transatlantische Verhältnis steht unter Druck, Russland und China rücken enger zusammen, und Länder des Globalen Südens wie Indien oder die ASEAN-Staaten verfolgen zunehmend eigenständige, transaktionale Außenpolitiken. In diesem Kontext stellt sich für Europa eine existenzielle Frage: Welche Rolle wird die Europäische Union in einer Welt spielen, die sich fundamental neu ordnet?

Die Bertelsmann Stiftung hat gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI sowie Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sechs konkrete Zukunftsszenarien für die internationale Machtarchitektur im Jahr 2035 entwickelt. Der Bericht „Global Block Formation? Implications of the New World (Dis)Order for Europe“ wurde erstmals auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz präsentiert und versteht sich ausdrücklich nicht als Prognose, sondern als strukturiertes Instrument für strategische Entscheidungsprozesse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

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Die Szenarien unterscheiden sich entlang zweier Achsen: der Anzahl dominanter Machtkonfigurationen und ihrer Stabilität. Im ersten Szenario, „World Order Made in China“, hat sich China als hegemoniale Macht etabliert. Internationale Institutionen wie die UN, der IWF oder die Weltbank existieren zwar weiterhin, funktionieren aber nach chinesischen Regeln – manche mit Hauptsitz in Peking. Europa befindet sich im äußersten Kreis eines sinozentrischen Systems. Europäische Unternehmen agieren als Zulieferer chinesischer Konzerne. „Designed in Shenzhen, assembled in Stuttgart“ wäre in diesem Szenario keine Satire mehr, sondern wirtschaftliche Realität.

Das zweite Szenario, „America Great Again“, entwirft das Gegenbild: Nach einem wirtschaftlichen Kollaps Chinas dominieren die USA erneut unipolar – autokratisch, erratisch, unter dem Einfluss der MAGA-Bewegung. Sicherheitsallianzen verlieren an Bedeutung, multilaterale Institutionen handeln ad hoc und unter US-Dominanz. Europa erlebt eine wirtschaftliche Revitalisierung, läuft aber Gefahr, sich zu stark an Washington anzulehnen und dadurch strategischen Handlungsspielraum einzubüßen.

Das dritte Szenario, „Two-Men Show“, beschreibt eine fragile bipolare Weltordnung, in der sich die USA und China als „G2“ arrangiert haben – nicht aus Sympathie, sondern aus der Erkenntnis, dass eine direkte Konfrontation beide zerstören würde. Taiwan wird de facto China zugeschlagen, die USA sichern sich im Gegenzug ihre Chipversorgung und erzwingen die Annexion Grönlands. Europa droht zwischen den Machtblöcken zerrieben zu werden, politisch erpressbar zu sein und im schlimmsten Fall einem diktierten Frieden zustimmen zu müssen, ohne eigene Interessen einbringen zu können.

Das vierte Szenario, „Five-Body Problem“ – der Titel eine Hommage an Liu Cixins Science-Fiction-Trilogie –, skizziert eine multipolare Welt mit fünf annähernd gleichgewichtigen Machtzentren: USA, China, Russland, Indien und die EU. Ein exklusiver „Weltsicherheitsrat“, die sogenannte W5, ersetzt traditionelle Multilateralorganisationen. Die EU agiert hier tatsächlich als ernst genommener geopolitischer Akteur auf Augenhöhe – allerdings in einem System permanenter Verhandlungen, wechselnder Koalitionen und hoher Rüstungsausgaben. Frankreich breitet seinen nuklearen Schutzschirm über Europa aus. Stabilität entsteht durch ständige Ausbalancierung, nicht durch Vertrauen.

Das fünfte Szenario, „Authoritarian International“, ist das beunruhigendste für liberale Demokratien. Ein globales Netzwerk populistischer Autokraten – neben China, Russland und den USA auch europäische Regierungen in Ungarn, Frankreich, Italien und anderswo – hat die liberale Weltordnung verdrängt. Außenpolitik wird privatisiert, diplomatische Strukturen durch Loyalitätsnetzwerke ersetzt. Die globale Wirtschaft ist von Korruption durchzogen, Dekarbonisierung wird aufgegeben, Umweltgesetzgebung weitgehend abgeschafft. Für die verbleibenden demokratischen EU-Mitglieder bleibt als optimale Position nur eine „Mini-EU“, die sich als Hort liberaler Werte behauptet.

Im sechsten Szenario, „Beyond States“, schließlich hat staatliche Autorität weitgehend ausgedient. Einflussreiche Oligarchen, multinationale Konzerne und Kartelle setzen ihre Interessen über Staatsgrenzen hinweg durch. Kriege werden von Söldnerarmeen geführt, der Welthandel ist kollabiert, alternative Währungen dominieren. Europa könnte sich als „Insel funktionierender Staatlichkeit“ behaupten – vorausgesetzt, es gelingt, ein bürgernahes demokratisches System aufrechtzuerhalten und nicht-staatliche Akteure einzubinden, die der EU wohlgesonnen sind.

Was bedeutet das alles für Europa? Der Befund des Berichts ist ernüchternd. In unipolaren Ordnungen muss sich die EU dem jeweiligen Hegemon unterordnen. Im bipolaren Szenario droht sie zwischen den Fronten zermürbt zu werden. In polyzentrischen Unordnungsszenarien riskiert sie territoriale Desintegration oder gar Auflösung. Nur im Fünf-Mächte-Szenario agiert sie als vollwertiger geopolitischer Akteur – und selbst dort nur unter erheblichen Kosten und Anstrengungen.

Aus dem Szenarienprozess haben die Autoren vier sogenannte „robuste Handlungsfelder“ destilliert – Maßnahmen, die in allen sechs Szenarien sinnvoll sind und daher unabhängig von der tatsächlichen Entwicklung der Weltordnung ergriffen werden sollten. Erstens: Entscheidungsprozesse verbessern und „Minilateralismus“ ausbauen, also flexible Koalitionen kleinerer Staatengruppen, die handlungsfähig bleiben, wenn größere EU-Strukturen blockiert sind. Zweitens: wirtschaftliche und technologische Resilienz schaffen, unter anderem durch das Konzept der „strategischen Unverzichtbarkeit“ – die gezielte Schaffung von Abhängigkeiten anderer Staaten von europäischen Stärken. Drittens: Verteidigungsfähigkeit ausbauen und glaubhafte Abschreckung sicherstellen, durch tiefere Integration nationaler Streitkräfte und eigenständige europäische Rüstungskooperation. Viertens: gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und überzeugende Zukunftserzählungen entwickeln, die die Bevölkerung für notwendige Transformationsprozesse gewinnen.

Die Dringlichkeit dieser Agenda unterstreicht der Bericht mit unverhohlener Deutlichkeit: „Inaction will have consequences. The EU could break apart, be worn down or simply become irrelevant as a geopolitical actor.“ Ob Europa 2035 am Tisch der Weltmächte sitzt oder, wie der frühere Bank-of-Canada-Gouverneur Mark Carney es formulierte, selbst auf der Speisekarte steht – das entscheidet sich nicht 2035, sondern jetzt.

Quelle: UD
 

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