Warum soziale Absicherung zur dringendsten Gerechtigkeitsfrage wird
Die ILO fordert universellen Sozialschutz für alle vom Klimawandel betroffenen Beschäftigten. Die Lücke ist dramatisch: In den 20 klimavulnerabelsten Ländern sind 91 Prozent der Menschen ohne jede soziale Absicherung – genau dort, wo der Klimawandel am härtesten trifft.
19.05.2026
Überschwemmungen, Dürren, steigende Hitze: Klimaschocks zerstören Ernten, zwingen Menschen zur Flucht und vernichten Lebensgrundlagen. Wer in dieser Situation auf ein funktionierendes Sozialsystem zurückgreifen kann, hat zumindest eine Chance auf Stabilität. Wer das nicht kann – und das trifft auf die große Mehrheit der am stärksten exponierten Bevölkerungen zu – steht vor dem Nichts. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat jetzt in einem neuen Briefing konkrete Forderungen für eine universelle soziale Absicherung auch für klimabedingt vertriebene und migrierte Arbeitnehmende formuliert.
Die Grunddiagnose ist seit dem ILO-Weltbericht Sozialschutz 2024–26 bekannt: Erstmals in der Geschichte sind mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (52,4 Prozent) durch irgendeine Form sozialer Sicherung gedeckt, gegenüber 42,8 Prozent im Jahr 2015. Doch diese Fortschrittsmeldung täuscht über das strukturelle Versagen dort hinweg, wo es am meisten schadet. In den 20 Ländern mit der höchsten Klimavulnerabilität sind 91,3 Prozent der Menschen ohne jeglichen Sozialschutz. Das bedeutet: Je stärker ein Land vom Klimawandel bedroht ist, desto weniger sind seine Einwohner abgesichert – eine Inversion der Logik, die jeden gerechten Übergang unterläuft.
Das neue ILO-Briefing zu Klimawandel, Arbeit und sozialer Absicherung richtet sich besonders an die am stärksten übersehenen Gruppen: Wanderarbeitende, Geflüchtete und klimabedingt vertriebene Bevölkerungen. Sie stehen vor doppelten Schranken – einerseits die erhöhte Klimaexponierung, andererseits administrative, rechtliche und bürokratische Hürden beim Zugang zu sozialen Leistungen. Laut dem ILO-Briefing, über das fundsforNGOs berichtet, sind diese Gruppen besonders häufig von Armut, mangelndem Zugang zu menschenwürdiger Arbeit und Einkommensverlusten betroffen.
ILO-Direktor Gilbert Houngbo formulierte die ethische und pragmatische Doppeldimension des Problems gegenüber ReliefWeb: „Sozialschutz ist wesentlich, um sicherzustellen, dass die laufende grüne und kohlenstoffarme Energiewende niemanden zurücklässt. Und das Gebot, sozialen Schutz universal zu machen, ist nicht nur ethisch, es ist auch praktisch: Indem wir Arbeitnehmende überall unterstützen und schützen, können wir Ängste vor der Transition lindern, was unerlässlich ist, um öffentliche Unterstützung für eine nachhaltige Wende zu mobilisieren.“
Die Konsequenz ist klar: Sozialsysteme müssen antizipatorisch handeln, nicht nur reaktiv. Das bedeutet Einkommenssicherung für Betroffene klimabedingter Schocks, Gesundheitsversorgung für migrierte Arbeitskräfte, Umschulungsprogramme für Beschäftigte in auslaufenden Sektoren und rasch skalierbare Auszahlungssysteme in Katastrophensituationen. Besonders der Agrarsektor, hochexponiert gegenüber Dürren und Überschwemmungen, braucht dringend erweiterte Sozialversicherung – bislang ist er in vielen Ländern von Beitragssystemen ausgeschlossen.
Ein separater ILO-Bericht der ILO zur sozialen Absicherung in sich wandelnden Arbeitsmärkten, ebenfalls im April 2026 veröffentlicht, weitet den Blick auf alle Beschäftigungsformen aus. Teilzeitkräfte, Selbständige, Plattformarbeitende und informell Beschäftigte fallen systematisch durch die Maschen klassischer Sozialversicherungssysteme, die auf dauerhafte Vollzeitbeschäftigung ausgerichtet sind. Shahra Razavi, Direktorin der ILO-Abteilung für universellen Sozialschutz, fasste es prägnant zusammen: „Wir brauchen Systeme, die alle erreichen, angemessenen Schutz bieten und gerecht und nachhaltig finanziert sind. Das ist die Grundlage für Resilienz, soziale Gerechtigkeit und einen gerechten Übergang in der sich wandelnden Arbeitswelt.“
Was die ILO beschreibt, ist letztlich ein Paradox des Status quo: Die Länder und Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben und am stärksten von seinen Folgen betroffen sind, verfügen über die schwächsten Schutznetze. Gleichzeitig erfordert die grüne Transition auch in wohlhabenden Ländern massive Anpassungen für Millionen von Arbeitnehmenden in fossilabhängigen Sektoren. Soziale Absicherung ist damit nicht länger ein Nebenthema der Klimadiskussion, sondern ihre politisch entscheidende Achse – denn ohne sie wird es keine gesellschaftliche Mehrheit für den Wandel geben.