Nepal im Ausnahmezustand: Korruption und Social-Media-Verbot treiben Tausende auf die Straße
Massive Proteste erschüttern Nepal. Tausende Menschen demonstrieren gegen grassierende Korruption, soziale Ungleichheit und ein umstrittenes Verbot von Social-Media-Plattformen. Human Rights Watch dokumentiert gewaltsame Übergriffe der Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten. Die Regierung reagiert mit Härte statt Dialog und verschärft damit die Krise in dem ohnehin instabilen Himalaya-Staat.
12.02.2026
Die politische Lage in Nepal spitzt sich dramatisch zu. Seit Wochen gehen Tausende Menschen auf die Straßen, um gegen die Regierung zu protestieren. Human Rights Watch berichtet von einem explosiven Mix aus Unmut über Korruption, wachsende soziale Ungleichheit und ein kürzlich verhängtes Verbot mehrerer Social-Media-Plattformen, das die Wut der Bevölkerung weiter anheizt. Die Menschenrechtsorganisation wirft den nepalesischen Behörden vor, mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen friedliche Demonstranten vorzugehen.
Der Auslöser der aktuellen Protestwelle war ein neuer Korruptionsskandal, der hochrangige Regierungsmitglieder betrifft. Journalisten deckten auf, dass Millionen von Dollar an Entwicklungshilfe in dunklen Kanälen versickert sind. Obwohl Nepal zu den ärmsten Ländern Südasiens gehört und dringend auf internationale Unterstützung angewiesen ist, bereichern sich Funktionäre schamlos am Elend der Bevölkerung. Die Empörung darüber traf auf einen Nährboden aus jahrelanger Frustration über fehlende Perspektiven und zunehmende Ungleichheit.
Besonders junge Menschen fühlen sich von der politischen Elite im Stich gelassen. Trotz wachsender Bildungsquoten finden Absolventen keine adäquaten Arbeitsplätze. Viele sehen ihre einzige Chance in der Migration ins Ausland, wo sie unter oft ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Die Kluft zwischen der kleinen Elite in Kathmandu und der Mehrheit der Bevölkerung wird immer größer. Der demonstrative Reichtum einiger weniger steht in krassem Gegensatz zur Armut auf dem Land.
Als die Proteste begannen, griff die Regierung zu einer umstrittenen Maßnahme: Sie verhängte ein Verbot mehrerer Social-Media-Plattformen, darunter TikTok und Facebook. Offiziell wurde dies mit der Verbreitung von Falschinformationen und der Gefährdung der nationalen Sicherheit begründet. Tatsächlich hatten Aktivisten diese Plattformen genutzt, um zu Demonstrationen aufzurufen und Informationen über das Vorgehen der Sicherheitskräfte zu verbreiten. Das Verbot wird von Beobachtern als Versuch gewertet, die Organisationsfähigkeit der Protestbewegung zu schwächen und kritische Berichterstattung zu unterbinden.
Human Rights Watch dokumentiert zahlreiche Fälle von Polizeigewalt gegen Demonstranten. Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein, um Menschenansammlungen aufzulösen. Dutzende Personen wurden verletzt, mehrere schwer. Besonders besorgniserregend sind Berichte über willkürliche Festnahmen und Misshandlungen in Polizeigewahrsam. Journalisten, die über die Proteste berichteten, wurden ebenfalls attackiert und an ihrer Arbeit gehindert.
Die internationale Gemeinschaft reagiert verhalten. Während einige westliche Regierungen ihre Besorgnis über die Menschenrechtslage äußerten, blieben konkrete Konsequenzen bisher aus. Nepal spielt in der geopolitischen Konkurrenz zwischen Indien und China eine wichtige Rolle, was dazu führt, dass beide Nachbarn sich mit Kritik zurückhalten. Indien fürchtet, dass Instabilität in Nepal zu Flüchtlingsbewegungen führen könnte, während China an wirtschaftlichem Einfluss interessiert ist und sich traditionell nicht in innere Angelegenheiten einmischt.
Die nepalesische Zivilgesellschaft fordert grundlegende Reformen. Neben der Bekämpfung der Korruption verlangen Aktivisten mehr Transparenz in der Regierungsführung, eine unabhängige Justiz und die Aufhebung des Social-Media-Verbots. Sie argumentieren, dass nur durch strukturelle Veränderungen das Vertrauen in demokratische Institutionen wiederhergestellt werden kann. Die derzeitige Eskalation sei das Ergebnis jahrelangen Versagens der politischen Klasse, auf legitime Anliegen der Bevölkerung einzugehen.
Die Regierung zeigt sich jedoch unnachgiebig. Premier Pushpa Kamal Dahal bezeichnete die Proteste als destabilisierende Aktivitäten ausländischer Mächte und versprach, hart durchzugreifen. Diese Haltung lässt eine friedliche Lösung des Konflikts in weite Ferne rücken. Human Rights Watch warnt, dass die Situation außer Kontrolle geraten könnte, wenn die Regierung nicht bereit ist, mit den Protestierenden in einen echten Dialog zu treten und ihre berechtigten Forderungen ernst zu nehmen.