Kann zweigleisiger Multilateralismus das UN-System retten?
Angesichts blockierter UN-Prozesse suchen Experten neue Wege, um Klimaschutz und Gesundheitspolitik zu verknüpfen. Eine Genfer Konferenz diskutierte, wie Koalitionen der Willigen den formellen Multilateralismus bespringen können – und wo die Risiken liegen. Die UN-Strukturen stecken in der Krise: Konsensverfahren stocken, Einzelstaaten blockieren, Fortschritte im Klima- wie im Gesundheitsbereich bleiben weit hinter dem Nötigen zurück.
20.05.2026
Vor diesem Hintergrund diskutierten Diplomatinnen, WHO-Experten und Wissenschaftler Ende März in Genf eine Strategie, die an Dringlichkeit gewonnen hat: den sogenannten „Zweigleisigen Multilateralismus“. Die Kernidee – ambitionierte Länderkoalitionen handeln schneller und gehen weiter, während universelle UN-Prozesse langsam nachziehen – ist nicht neu, aber die politische Lage macht sie 2026 zur Notwendigkeit.
Die Veranstaltung am Global Health Centre des Geneva Graduate Institute, mitorganisiert von WHO, IISD und dem Geneva Environment Network, stellte eine schlichte Frage in den Mittelpunkt: Kann ein System, das auf universalem Konsens beruht, schnell genug reagieren, wenn Gesundheitskrisen und Klimawandel gleichzeitig eskalieren?
„Zweigleisiger Multilateralismus ist gewiss kein neues Phänomen“, sagte Suerie Moon, Co-Direktorin des Global Health Centre, in ihrer Eröffnung. „Seit Gründung der UN vor 80 Jahren gab es immer parallele bi- und minilaterale Prozesse neben den globalen Verfahren.“ Was sich 2026 verändert hat, ist die Intensität des institutionellen Versagens, das diese Alternativen zur Notwendigkeit macht, wie Health Policy Watch berichtete.
Als historisches Beispiel für die Wirksamkeit des Modells nannte der kolumbianische Diplomat Miguel Ruiz Botero die Ottawa-Konvention gegen Landminen: Als klar wurde, dass ein UN-gestütztes Abkommen an Blockaden scheitern würde, organisierten fortschrittliche Staaten die Verhandlungen außerhalb des UN-Rahmens und schufen ein verbindliches internationales Recht. Ähnliches zeigte sich beim UN-Waffenhandelsvertrag. Das Muster: Eine Koalition der Willigen legt den Standard, universelle Gremien legitimieren ihn später.
Auf Klima und Gesundheit übertragen heißt das: Parallel zu den formellen UNFCCC-Verhandlungen könnten handlungsfähige Ländergruppen konkrete Roadmaps entwickeln und umsetzen, ohne auf den langsamsten Konsens zu warten.
Im Schnittfeld von Klima und Gesundheit ist die Lücke zwischen Bekenntnis und Handlung besonders groß. Zwar erwähnen 91 Prozent aller nationalen Klimapläne (NDCs) Gesundheit als Priorität, doch nur etwa 30 Prozent benennen konkrete Maßnahmen oder reservieren Mittel für den Klima-Gesundheits-Nexus. Von den gesamten multilateralen Klimafinanzierungen fließen laut WHO lediglich 0,5 Prozent in den Gesundheitsbereich.
Margarita Gutierrez vom IISD warnte, dass Gesundheit ohne verbindliche Integration in NDCs auf globalen Agenden marginalisiert bleibe – gleichzeitig sei die formelle Änderung dieser UN-Vereinbarungen ein jahrelanger Prozess. Parallel schnell laufende Koalitionen seien deshalb unerlässlich, um sofort wirksame Lösungen zu ermöglichen.
Die WHO selbst vollzieht einen bemerkenswerten institutionellen Wandel. Seit dem US-Austritt aus der Organisation operiert sie mit reduziertem diplomatischen Druck und zeigt sich offener für pragmatische Parallelvereinbarungen. Im März 2026 wurde die WHO offiziell als akkreditierte Entität des Grünen Klimafonds anerkannt, wie WHO meldete. Damit kann die Organisation Mittel aus dem weltweit größten Klimafinanzierungsinstrument direkt für den Aufbau klimaresilienter Gesundheitssysteme einsetzen.
Diarmid Campbell-Lendrum, Leiter der WHO-Einheit für Klimawandel und Gesundheit, mahnte dennoch zur Vorsicht: Universelle Foren seien für besonders verwundbare Staaten – etwa kleine Inselentwicklungsländer – entscheidend, um gleiches Gewicht gegenüber Großmächten zu behalten.
Auf dem Weg zur COP31 in Antalya im November 2026 verdichten sich die diplomatischen Vorbereitungen. Die Türkei und Australien teilen sich die COP-Präsidentschaft in einem beispiellosen Arrangement: Ankara übernimmt die Aktionsagenda, Canberra leitet die formellen Verhandlungen. Australien koordiniert außerdem ein Vor-COP-Treffen mit pazifischen Inselstaaten, um deren Klimapriorität – darunter explizit Gesundheitsrisiken – ins Zentrum der Konferenz zu rücken.
Die Türkei und Brasilien werden bei der Weltgesundheitsversammlung im Mai eine Nebenveranstaltung ausrichten, um das Klima-Gesundheits-Dossier zu stärken, auch wenn das WHO-Aktionsprogramm für Klima und Gesundheit nicht auf der Hauptagenda steht, wie Health Policy Watch ausführte.
Das zweigleisige Modell trägt jedoch auch Risiken in sich. Kleinere Entwicklungsstaaten befürchten, bei schnelleren Koalitionsformaten den Anschluss zu verlieren oder ihre Interessen zu verwässern. Wer außerhalb der UN handelt, gewinnt Tempo, verliert aber universelle Legitimität. Das Genfer Treffen lieferte keine endgültige Antwort auf diese Spannung.
Was es deutlich machte: Die Alternative – im trägen Konsensverfahren zu warten, während Extremhitze, Infektionskrankheiten und Klimafolgeschäden eskalieren – ist politisch nicht mehr vertretbar. Wie schnelle Koalitionen und langsame UN-Prozesse so verzahnt werden können, dass die Schwachen nicht verloren gehen, bleibt die zentrale Frage des Klima- und Gesundheitsmultilateralismus in diesem Jahrzehnt.