Umwelt

Indiens vergessene Naturschützer

Während ganz Indien den Tigerschutz feiert, sterben Angehörige indigener Gemeinschaften täglich durch Elefanten- und Tigerangriffe. Dieselben Menschen protestieren gegen Bergbauprojekte, die ihre Wälder zerstören – und werden von der Naturschutzpolitik systematisch übergangen.

21.05.2026

Indiens vergessene Naturschützer
ECL-Kohlebergwerke in Lalmatia, Godda, Jharkhand, Indien

In Indien sind die Wahlen in mehreren Bundesstaaten zum Prüfstein für den Umgang mit dem Mensch-Tier-Konflikt geworden. Die Zahlen sind eindeutig: In Odisha starben in den vergangenen vier Jahren 631 Menschen durch Elefantenangriffe, allein 2025 kamen 75 Menschen ums Leben. In Jharkhand forderten Mensch-Elefant-Begegnungen zwischen 2000 und 2025 über 1.400 Todesopfer und mehr als 600 Schwerverletzte. In Chandrapur, Maharashtra, fielen 111 Menschen zwischen 2022 und 2023 Tigern zum Opfer. Die Betroffenen sind fast ausnahmslos Angehörige von Stammesgemeinschaften – dieselben Menschen, die gleichzeitig gegen Bergbau- und Abholzungsprojekte protestieren, die ihre Lebensräume zerstören.

Die unabhängige Journalistin Gana Kedlaya zeichnet in Down to Earth ein Bild struktureller Widersprüche: Die indische Naturschutzpolitik feiert steigende Tigerpopulationen als Erfolg, ignoriert dabei aber, dass immer mehr Reservate ihre Tragkapazität überschreiten – mit tödlichen Konsequenzen für die Anwohner. Während städtische Medien fragen „Wo sollen die Tiger hin?“, stellen sich kaum Stimmen die Gegenfrage: „Wo sollen die Menschen hin, die in diesen Gebieten seit Generationen leben?“

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Die Proteste der Adivasi-Gemeinschaften gegen Großbergbau sind in diesem Jahr besonders intensiv. In Süd-Odisha gerieten Stammesangehörige und Polizei aneinander, als der Widerstand gegen den Bau einer Zufahrtsstraße für Vedantas Bauxitmine seinen Höhepunkt erreichte. In Chhattisgarh demonstrierten Tausende gegen Kohle-, Bauxit-, Graphit- und Lithiumminenerschließungen. In Jharkhand dauert der Protest gegen Adanis Kohlekraftwerk bereits mehrere Jahre. In Chandrapur, das gleichzeitig eine der intensivsten Tigerkonfliktzonen Indiens ist, beendeten Hungerstreiks und Massenproteste vorläufig die Pläne für Eisenerzförderung in einem aktiven Tigerkorridor.

Was die Demonstrierenden eint, ist das Paradox ihrer Lage: Sie schützen Wälder, die den Wildtieren Lebensraum bieten – und tragen dafür den höchsten Preis. Kedlaya verweist auf ein aufschlussreiches Gespräch mit einem Forstkommissar aus Karnataka, der Belege für die ökologische Wirksamkeit zweier kleiner Wildtierkorridore vorlegte. Die notwendige Maßnahme: kleinere Zaunabschnitte auf dem Gelände großer Kaffeeunternehmen zu öffnen, um Elefanten freie Bewegung zu ermöglichen. Die Unternehmen lehnten ab – ohne Konsequenzen. Article 14 zeigt, wie diese Logik in der Praxis funktioniert: Zwischen Januar und Juni 2021 genehmigte das Nationale Wildtiergremium die Abgrenzung, Herausnahme und Umwidmung von über 14.000 Hektar geschützter Flächen, viele davon in Verletzung geltenden Rechts.

Die Forderung nach Waldausweitung als Naturschutzlösung verstärkt diesen Widerspruch noch. Mehr Schutzgebiet bedeutet in der Praxis oft: mehr Umsiedlungen, mehr Einschränkungen für Stammesgemeinschaften, die ihren Lebensunterhalt aus dem Wald beziehen. Gleichzeitig erlaubt eine kürzlich geänderte Forstrichtlinie privaten Unternehmen, Waldland für Plantagen zu pachten – ohne Beteiligung der Adivasi-Gemeinschaften. Wer von Koexistenz spricht, meint sie offenbar selektiv.

Das Strukturproblem reicht tiefer: Der Mensch-Tier-Konflikt wird als Naturschutzproblem verhandelt, nicht als Gerechtigkeitsfrage. Der Schutz einer Leopardenpopulation in Mumbai oder Bengaluru führt zu Umsiedlungsangeboten für Tiere. Der Schutz von Stammesgemeinschaften in intensiven Konfliktregionen führt zu Schutzgebietserweiterungen, die diese Gemeinschaften weiter einschränken. Die institutionelle Asymmetrie ist augenfällig.

Kedlaya zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Effektive Naturschutzpolitik muss Stammesgemeinschaften nicht als betroffene Parteien behandeln, sondern als proaktive Akteure mit eigener Schutzmotivation anerkennen. Wer jahrelang gegen Großbergbau in Waldzonen protestiert, leistet faktisch Naturschutzarbeit – ohne dafür anerkannt oder unterstützt zu werden. Down to Earth macht deutlich: Solange Naturschutz soziale Ungleichheit reproduziert und Großkonzerne schont, bleibt er als Langfriststrategie gescheitert.

Quelle: UD
 

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