Soziales

Die Agenda 2030 unter Druck: Wenn soziale Gerechtigkeit zur Finanzierungsfrage wird

Fünf Jahre vor Ablauf der UN-Nachhaltigkeitsziele mahnt der neue SDG-Bericht beschleunigte Investitionen in Arbeitsplätze und Sozialschutz an. Doch steigende Schuldenlasten und wachsende Ungleichheit bremsen den Fortschritt. Zugleich verweisen globale Analysen auf Rückschritte bei Gewerkschaftsrechten und einen alarmierenden Anstieg der Kinderarbeit – ein Zusammenspiel, das den politischen Druck auf strengere Lieferkettenpflichten erhöht.

12.01.2026

Die Agenda 2030 unter Druck: Wenn soziale Gerechtigkeit zur Finanzierungsfrage wird

Die Vereinten Nationen haben ihre Zwischenbilanz zur Agenda 2030 vorgelegt, und die Diagnose fällt ernüchternd aus. Der SDG-Bericht 2025 offenbart einen globalen Entwicklungsnotstand: Nur bei 35 Prozent der Nachhaltigkeitsziele sind Fortschritte erkennbar, bei 48 Prozent geht es zu langsam voran, und bei 18 Prozent gibt es sogar Rückschritte gegenüber 2015. UN-Generalsekretär António Guterres formuliert es unmissverständlich: Mehr als 800 Millionen Menschen stecken in extremer Armut fest, über 120 Millionen wurden aus ihrem Zuhause vertrieben – mehr als doppelt so viele wie 2015.

Besonders dramatisch ist die finanzielle Dimension der Krise. Die Schuldendienstkosten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind auf Höchststände gestiegen. Diese Summe schmälert die für eine nachhaltige Entwicklung benötigten Ressourcen erheblich. Der Bericht fordert massive Investitionen in sechs entscheidenden Übergangsbereichen: Nahrungsmittelsysteme, Energie, digitale Anbindung, Bildung, Arbeitsplätze und Sozialschutz sowie Klima und Biodiversität.

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Die Arbeitswelt steht dabei im Zentrum der Herausforderungen. Während sich die Erwerbsarmut global seit 2015 von 8,4 Prozent auf 6,9 Prozent im Jahr 2024 verringert hat, verharrt sie in den am wenigsten entwickelten Ländern auf dramatisch hohem Niveau. Dort muss fast jeder dritte Beschäftigte mit weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag auskommen. In den Binnenentwicklungsländern sind es zwei von zehn Arbeitnehmern. Besorgniserregend ist, dass die Quote in den kleinen Inselentwicklungsländern sogar von 8,9 Prozent auf 9,5 Prozent gestiegen ist.

Diese Zahlen spiegeln ein größeres strukturelles Problem wider: die Schwächung der Arbeiterrechte und Gewerkschaften weltweit. Nach Analysen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) geraten die Bestimmungen zur Vereinigungsfreiheit und dem Recht auf Kollektivverhandlungen zunehmend unter Beschuss. Gravierende Verletzungen wurden in Ländern wie Belarus, Hongkong, Kambodscha, Kolumbien und Rumänien festgestellt. Niedrige Lohnkosten, der Druck globaler Unternehmen und die Einschränkung von Arbeitnehmerrechten führen insbesondere im globalen Süden zu einem hohen Anteil informeller Arbeit. Es fehlt jegliche Absicherung im Krisenfall.

Die Folgen dieser Entwicklung sind unmittelbar sichtbar: Nach fast 20 Jahren kontinuierlichen Rückgangs steigt die Kinderarbeit wieder an. Weltweit sind 160 Millionen Mädchen und Jungen Opfer von Kinderarbeit, 79 Millionen arbeiten unter gefährlichsten Bedingungen. Das wichtige Entwicklungsziel 8.7 der Agenda 2030, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden, wird klar verfehlt. Die COVID-19-Pandemie hat diese Tendenz noch verstärkt: Neben dem Verlust von 100 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätzen wuchs der Anteil der Kinderarbeit erstmals seit fast zwei Jahrzehnten.

Die ILO warnt eindringlich vor den Treibern dieser Entwicklung. Der Klimawandel und seine Auswirkungen stellen ein zunehmendes Risiko für einen weiteren Anstieg von Kinderarbeit dar, da er mehr Familien in die Armut treibt. Durch den Klimawandel wird die Produktivität geschwächt, Infrastruktur zerstört und Familien verlieren ihre Lebensgrundlagen. Damit der Klimawandel nicht zum Treiber von Kinderarbeit wird, müssen Maßnahmen zur Eindämmung und Anpassung so gestaltet werden, dass sie Kindern den Zugang zu Lebensgrundlagen und sozialem Basisschutz ermöglichen.

Diese alarmierenden Entwicklungen haben den politischen Druck auf Unternehmen und Regierungen erhöht, ihrer Verantwortung in globalen Lieferketten nachzukommen. Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes, betont, dass Kinderarbeit eine schwerwiegende Verletzung der Grundrechte darstelle und es der internationalen Gemeinschaft obliege, dafür zu sorgen, dass die ILO-Übereinkommen vollständig umgesetzt werden – auch durch die gebührende Sorgfalt in globalen Lieferketten.

Der SDG-Bericht macht deutlich, dass ohne massive zusätzliche Investitionen die Ziele bis 2030 nicht erreichbar sind. Um in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen einen sozialen Basisschutz zu gewährleisten, sind jährlich zusätzliche 1,4 Billionen US-Dollar erforderlich – das entspricht 3,3 Prozent ihres aggregierten Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2024. Trotz Fortschritten hatten 2023 noch immer 3,8 Milliarden Menschen keinen Zugang zu irgendeiner Form von Sozialschutz.

Die Diskrepanz zwischen entwickelten und Entwicklungsländern bleibt eklatant. Während Länder mit hohem Einkommen 24,9 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Sozialschutz ausgeben, sind es in Niedrigeinkommensländern lediglich 2,0 Prozent. Auch bei den öffentlichen Ausgaben für Grundleistungen wie Bildung, Gesundheit und Sozialschutz klafft eine Lücke von etwa 20 Prozentpunkten zwischen entwickelten Volkswirtschaften und Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die Botschaft des UN-Berichts ist eindeutig: Die nächsten fünf Jahre werden darüber entscheiden, ob die internationale Gemeinschaft die Chance ergreift, die Nachhaltigkeitsziele noch zu erreichen, oder ob sie weiter zurückfällt. Was benötigt wird, ist nicht nur politischer Wille, sondern vor allem eine angemessene Finanzierung, die den Entwicklungsländern ermöglicht, in ihre Menschen zu investieren, Arbeitsrechte zu stärken und Kinderarbeit wirksam zu bekämpfen.

Li Junhua, UN-Untergeneralsekretär für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten, formuliert es in seiner Einleitung zum Bericht so: „Der wahre Maßstab für Fortschritt liege nicht in globalen Durchschnittswerten oder aggregierten Statistiken, sondern darin, wie das Leben derjenigen verändert wird, die am weitesten zurückgelassen wurden. Jedes Kind, das Zugang zu hochwertiger Bildung erhält, jede Familie, die aus der Armut befreit wird, und jede Gemeinde, die vor den Auswirkungen des Klimawandels geschützt wird, steht für das, was multilaterale Zusammenarbeit bewirken kann.“

Die Herausforderung besteht nun darin, diese Erkenntnis in konkrete Maßnahmen umzusetzen – bevor es zu spät ist. Die kommenden internationalen Gipfel und Konferenzen wie der Zweite Gipfel für soziale Entwicklung und der Zweite Weltgipfel zu Ernährungssystemen bieten dafür Gelegenheiten. Ob sie genutzt werden, wird darüber entscheiden, ob die Agenda 2030 noch als ambitioniertes Versprechen oder als verpasste Chance in die Geschichte eingehen wird.

Quelle: UD
 

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