Wie der Mineralienboom Frauen systematisch ausgrenzt
Kobalt, Lithium, Nickel – die Mineralien der Energiewende gelten als strategische Ressourcen des 21. Jahrhunderts. Doch während Regierungen und Konzerne Milliarden in den Abbau investieren, drohen Frauen vom wirtschaftlichen Aufstieg abgekoppelt zu werden: Zwei neue Berichte der UNCTAD warnen, dass ohne gezielte Einschlusspolitik die bestehenden Ungleichheiten zementiert statt überwunden werden.
30.03.2026
Der Wettlauf um kritische Mineralien hat längst industriepolitische Dimensionen angenommen. Kupfer, Lithium, Kobalt und Nickel sind die Grundstoffe für Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher und erneuerbare Energiesysteme. Für rohstoffreiche Entwicklungsländer – von der Demokratischen Republik Kongo über Indonesien bis nach Chile – eröffnet der Boom eine seltene Chance: den Sprung von der bloßen Rohstoffextraktion hin zu höherwertiger Verarbeitung und Veredelung. Doch ein neuer Bericht der UNCTAD zeigt, dass diese Chancen nicht automatisch allen zugutekommen – und am wenigsten den Frauen.
Weltweit stellen Frauen lediglich 10 bis 13 Prozent der Belegschaft im industriellen Bergbau. In den Regionen des handwerklichen und kleinmaßstäblichen Abbaus ist ihr Anteil höher: Im kobaltreichen Kongo etwa arbeiten bis zu 40 Prozent der kleinmaßstäblichen Bergleute als Frauen. Doch sie sind systematisch in die schlechter bezahlten, körperlich belastenderen und gefährlicheren Tätigkeiten gedrängt – etwa das Waschen und Sortieren von Erzen, oft ohne Schutzausrüstung. In einer Erhebung gaben 90 Prozent der befragten Frauen an, noch nie eine formelle Berufs- oder Sicherheitsschulung erhalten zu haben.
Automatisierung als Risiko für ohnehin Benachteiligte
Die technologische Transformation des Bergbaus verschlimmert das Problem. Während Automatisierung, digitale Überwachungssysteme und fortgeschrittene Raffinerien die Branche verändern, steigt die Nachfrage nach Fachkenntnissen in Technik, Geologie und Informationstechnologie. Wer jetzt den Qualifikationssprung nicht schafft, verlört den Anschluss an die besser bezahlten Stellen entlang der Wertschöpfungskette. Luz María de la Mora, Direktorin der UNCTAD-Abteilung für internationalen Handel und Rohstoffe, benennt die Kernfrage in einem Beitrag zu Lateinamerika direkt: „Die geopolitische Debatte um kritische Mineralien dreht sich meist um Versorgungssicherheit und strategische Positionierung. Sie ist aber auch ein Entwicklungsmoment. Natürliche Rohstoffvorkommen bestimmen nicht über soziale Ergebnisse – Governance-Rahmen tun es.“
Lateinamerika veranschaulicht die Tragweite dieser Diagnose besonders deutlich. Die Region stellt mehr als 40 Prozent der globalen Kupferproduktion und fast ein Drittel der weltweiten Lithiumförderung. Frauen sind in diesen Wertschöpfungsketten bereits präsent – im handwerklichen Bergbau, in der Laboranalyse, in Umweltüberwachung und im Management. Doch ihr Anteil an der industriellen Belegschaft liegt global bei gerade einmal 14 Prozent, ihre Repräsentation in Führungspositionen und in technischen Berufen bleibt marginal.
Aus Chile und dem Kongo: Wenn Inklusion gelingt
Dass es anders geht, zeigen einzelne Beispiele aus der Praxis. Der staatliche chilenische Bergbaukonzern Codelco hat sich verpflichtet, den Frauenanteil in seiner Belegschaft signifikant zu steigern – und kombiniert Einstellungsziele mit Partnerschaften zu technischen Ausbildungsinstitutionen, die neue Wege in operative und qualifizierte Positionen eröffnen. Im Lithiumsektor am Salar de Atacama haben Unternehmen technische Gemeinschaftsausbildungsprogramme gestartet; in einigen Kursen zu Wartung, Maschinenbedienung und digitalen Kompetenzen stellen Frauen die Mehrheit der Teilnehmenden.
Ein weiteres Beispiel stammt aus der Provinz Lualaba im Kongo. Dort hat ein Kupferbergbauunternehmen lokale Einstellungsziele mit Investitionen in die Schulbildung von Mädchen verknüpft. Über Ausbildungs- und Karriereförderprogramme wurden 114 von 228 Gemeinschaftsbewerbern als Frauen eingestellt; die Hälfte der Stipendien für sekundäre Schulbildung gingen 2023 an Mädchen. Rund 30 Prozent der Einstiegsstellen wurden von Frauen besetzt. Für die UNCTAD sind das keine Ausnahmen, sondern Belege dafür, dass eine andere Entwicklung möglich ist – wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.
Governance entscheidet – nicht der Rohstoffreichtum
Die UNCTAD fordert in beiden Analysen eine doppelte Strategie: Erstens sollen Gleichstellungsfragen von Beginn an in Bergbaugesetze, Handelsabkommen und industrielle Wertschöpfungsstrategien eingebettet werden. Zweitens müssen Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung für Frauen verbessert werden, die schon heute im handwerklichen Kleinbergbau tätig sind. De la Mora formuliert den Anspruch des UNCTAD-Berichts klar: „Kritische Mineralien werden die grüne und digitale Wende antreiben. Mit bewusster Steuerung können sie auch dazu beitragen, Chancen auszuweiten und sicherzustellen, dass Frauen innerhalb der Mineralwirtschaft vorankommen.“
Die Entscheidungen, die Regierungen, Investoren und Konzerne heute treffen – in Handelsverhandlungen, Industrieplanung und Berufsausbildung – werden Arbeitsmärkte und Wertschöpfungsketten für eine Generation prägen. Die UNCTAD-Berichte machen deutlich, dass der Strukturwandel in der Rohstoffbranche kein neutraler Prozess ist. Wer seine Regeln nicht aktiv geschlechtergerecht gestaltet, riskiert, dass der grüne Aufschwung die alten Ungleichheiten nicht überwindet – sondern sie in den Fundamenten der neuen Wirtschaft einbetoniert.