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Post-2030: Warum die Welt jetzt ein neues Framework für globale Entwicklungsziele braucht

Die 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele werden 2030 mehrheitlich verfehlt. Während die Zeit bis zur Deadline schrumpft, arbeiten Forschungsnetzwerke bereits an einem grundlegend überarbeiteten Indikatorrahmen für die Post-2030-Ära – schlanker, flexibler und auf die Realität ärmerer Länder zugeschnitten.

24.04.2026

Post-2030: Warum die Welt jetzt ein neues Framework für globale Entwicklungsziele braucht

Die Diagnose des UN-Generalsekretärs António Guterres fiel im Juli 2025 unmissverständlich aus: „Wir befinden uns in einem Entwicklungsnotstand.“ Zehn Jahre nach der Verabschiedung der 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) zeigt der aktuelle UN-Fortschrittsbericht, dass lediglich 35 Prozent aller Zielvorgaben auf Kurs liegen, knapp die Hälfte kommt zu langsam voran, und 18 Prozent haben sich gegenüber dem Stand von 2015 sogar verschlechtert. Nun stellt sich die Frage, die in Forschungs- und Politikkreisen immer dringlicher wird: Was kommt nach 2030?

Das Sustainable Development Solutions Network (SDSN) und das JICA Ogata Sadako Research Institute for Peace and Development haben eine gemeinsame Forschungsinitiative gestartet, um einen neuen Indikatorrahmen für die Entwicklungsziele nach 2030 zu erarbeiten. Die Ausgangslage macht deutlich, warum das nötig ist. Das bestehende SDG-Framework umfasst 17 Ziele, 169 Unterziele und 234 Indikatoren. In der Praxis überfordert dieses System viele Mitgliedstaaten: Mehr als die Hälfte der 193 UN-Mitglieder konnte seit 2015 für bis zu acht der 17 Ziele keine international vergleichbaren Daten vorlegen. Besonders für Entwicklungsländer mit begrenzten Verwaltungskapazitäten ist die Datenerhebungslast erdrückend.

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Ein in Communications Earth & Environment veröffentlichter Forschungsvorschlag plädiert dafür, das künftige Framework in drei Ebenen zu gliedern: einen kleinen, verbindlichen Kern globaler Vergleichsindikatoren, den alle Länder regelmäßig berichten müssen; eine optionale globale Ergänzungsebene; sowie selbst gewählte nationale Indikatoren, die lokale Prioritäten widerspiegeln. Das klingt technisch, hat aber fundamentale politische Implikationen. Solange Indikatoren unklar definiert oder auf alle Länder gleich angewendet werden, entscheiden sie faktisch darüber, was als Fortschritt gilt – und was nicht. Für breite oder vage Ziele gilt: Wer die Indikatoren setzt, setzt auch den Maßstab.

Zusätzlich müssen Themen in das neue Framework einfließen, die 2015 noch kein Gewicht hatten. Künstliche Intelligenz, Pandemievorsorge, neue Formen von Klimarisiken – all das fehlte in der ursprünglichen Agenda. Thomas Mélonio von der Agence Française de Développement formuliert den Anspruch: Neue Ziele sollten inspirierend, aber erreichbar sein, und enger mit bestehenden Abkommen verknüpft werden – dem Pariser Klimaabkommen, dem Kunming-Montreal-Rahmen für Biodiversität und dem Sevilla-Commitment für Entwicklungsfinanzierung von 2025. Die Post-2030-SDGs könnten formal in diese Abkommen integriert werden, was bislang nicht der Fall ist.

Die geopolitische Lage erschwert den Prozess. Mit dem Rückzug der USA aus 66 internationalen Organisationen Anfang 2026, darunter zahlreiche UN-Einrichtungen, verliert das multilaterale System einen Hauptfinanzier und wichtigen Datenproduzenten. Laut einem Bericht von Focus 2030 betrifft das besonders SDG 3 (Gesundheit), SDG 5 (Geschlechtergleichheit) und SDG 2 (Ernährung). Gleichzeitig sinkt die offizielle Entwicklungshilfe – 2024 um 7,1 Prozent – und der jährliche Finanzierungsbedarf für die SDGs beträgt 4 Billionen Dollar. Der formelle Prozess zur Aushandlung einer Post-2030-Agenda beginnt erst 2027 beim Hochrangigen Politischen Forum der UN. Die Frage, wer dann am Tisch sitzt und mit welchen Ressourcen, ist unbeantwortet.

Dennoch gibt es Expertinnen und Experten, die den Rückstand nicht als Versagen, sondern als Anstoß verstehen. Wie die Zeitschrift Nature Sustainability kommentiert: Die SDGs waren nie als Endpunkt gedacht, sondern als Meilenstein. Das Scheitern an manchen Zielen wirft legitime Fragen auf – nicht ob Ziele gesetzt werden sollen, sondern wie. Ein neues Framework könnte gezielter auf strukturelle Transformationen setzen statt auf einzelne Messpunkte, klarer zwischen globalen Mindeststandards und nationalen Anpassungspfaden unterscheiden und die Mittel zur Zielerreichung als gleichrangig behandeln.

Das Fenster, in dem jetzt Weichen gestellt werden, ist schmal. Wer die Post-2030-Agenda mitgestalten will, muss jetzt in Forschung, Aushandlung und Koalitionsbildung investieren. SDSN und JICA Ogata haben damit begonnen. Die entscheidenden Akteure – Regierungen, multilaterale Institutionen und Zivilgesellschaft – müssen folgen. Welche Ziele die Welt sich ab 2031 setzt, und wie sie gemessen werden, wird beeinflussen, was als Fortschritt gilt und wer dafür Ressourcen bekommt. Das ist keine technische Detailfrage. Es ist eine der wichtigsten politischen Entscheidungen des kommenden Jahrzehnts.

Quelle: UD
 

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