Mehr als nur CO2-Emissionen: Umweltrisiken in der Lieferkette
Umweltschutz in Lieferketten wird häufig auf die Einsparung von CO2-Emmissionen reduziert. Dabei bedrohen viele weitere ökologische Risiken bereits heute die Stabilität unserer Ökosysteme. Von Wasserknappheit über Entwaldung bis hin zu giftigen Chemikalien: Unterschiedliche Fälle weltweit zeigen, wie eng Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen verknüpft sind. Warum Unternehmen jetzt handeln sollten und wieso umfassender Umweltschutz zum wichtigen Zukunftsfaktor wird.
24.03.2026
Von Jannik Struss, UPJ e.V.
Wenn es um Umweltschutz in der Lieferkette geht, dann liegt der Fokus meist auf der Reduzierung von CO2-Emissionen. Dem Ausstoß von Treibhausgasen begegnet die Europäische Union (EU) mit verschiedenen Maßnahmen wie dem Europäischen Emissionshandel (EU-ETS), der EU-Taxonomie, sektorenspezifischen CO2-Vorgaben und dem seit Anfang des Jahres geltenden CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Diese Instrumente wirken sich entsprechend auf die Wirtschaft aus. Laut Statistischem Bundesamt fließt der Großteil der Umweltschutzinvestitionen der deutschen Industrie in den Ausbau in erneuerbare Energien und Energieeffizienz.
Darüber hinaus erhielten 2024 weltweit mehr als 22.000 Unternehmen eine Klimabewertung im Rahmen des so genannten "Carbon Disclosure Project". Dagegen forderten nur rund 6.500 Unternehmen eine Wasser- und rund 1.600 Unternehmen eine Waldbewertung bei der Non-Profit-Organisation an, die Unternehmen und andere Organisationen bei der Veröffentlichung ihrer Umweltauswirkungen unterstützt.
Auch in den Medien steht das Thema Klimaschutz im Vordergrund. Studien zeigen, dass über den Klimawandel bis zu achtmal häufiger berichtet wird als beispielsweise über den Verlust der Biodiversität (Frontiers | Our House Is Burning: Discrepancy in Climate Change vs. Biodiversity Coverage in the Media as Compared to Scientific Literature).
Umweltschutzes wird somit häufig auf die Reduzierung von Treibhausgasemissionen verengt. Doch die ökologischen Risiken in globalen Lieferketten reichen weit darüber hinaus.
Umweltrisiken sind vielfältig und schwerwiegend
Entlang der Wertschöpfungsketten treten zahlreiche und unterschiedliche ökologische Belastungen auf, die unsere Ökosysteme langfristig und oft irreversibel schädigen. Dazu gehören unter anderem Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung, Entwaldung, Biodiversitätsverlust und übermäßiger Wasserverbrauch.
So sind beispielsweise in der EU 28 Prozent der Landfläche und 32 Prozent der Bevölkerung von Wasserknappheit betroffen. Im Jahr 2024 wurden weltweit etwa 6,7 Millionen Hektar tropischer Regenwald zerstört, was im Durchschnitt 18 Fußballfeldern pro Minute entspricht. Zudem sind etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht und 85 Prozent der globalen Feuchtgebiete gelten als verloren.
Die Liste an Umweltzerstörungen ließe sich noch lange fortführen. Ein Blick auf die neun Planetaren Grenzen offenbart, dass neben dem Klimawandel bereits fünf weitere Belastbarkeitsgrenzen überschritten sind. Damit wächst das Risiko abrupt auftretender und irreversibler Umweltveränderungen, die die Stabilität unseres globalen Ökosystems gefährden.
Diese weltweiten Herausforderungen gewinnen weiter an Komplexität, wenn man berücksichtigt, wie eng Umweltrisiken mit Menschenrechtsverletzungen verknüpft sind.
Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen sind eng verflochten
Am Beispiel des Lesotho Highland Water Projects wird anschaulich, wie Umweltzerstörung und die Verletzung grundlegender Menschenrechte zusammenhängen. Das Großprojekt soll die südafrikanische Region Gauteng um die Stadt Johannesburg mit Wasser und Lesotho mit Strom aus Wasserkraft versorgen. Was auf den ersten Blick nach einem nachhaltigen Zukunftsprojekt aussieht, offenbart bei näherer Betrachtung erhebliche Umweltzerstörungen.
Das Bauprojekt hat zur Verschmutzung lokaler Flüsse und Seen mit ölhaltigem und saurem Abwasser sowie zur großflächigen Zerstörung fruchtbarer Böden, Wälder und Vegetation und mehreren Tonnen gefährlicher Abfälle geführt. Die ökologischen Belastungen bedrohen als direkte Folge die Existenzgrundlage der Bevölkerung vor Ort: Trinkwasserquellen wurden verunreinigt, Ackerland sowie Weideflächen zerstört, und tausende Menschen wurden in Regionen ohne ausreichende Infrastruktur zwangsumgesiedelt, ohne angemessene Entschädigungen zu erhalten. Berichten zufolge dürfte die zweite Bauphase die Probleme weiter verschärfen. Ein ähnliches Muster, wie Umweltrisiken in Verbindung mit Menschenrechtsverletzungen stehen, lässt sich bei (Berg-)Bauprojekten immer wieder beobachten, so auch beispielsweise beim Lithiumbergbau in Lateinamerika.
Vergleichbare Risiken treten aber nicht nur im globalen Süden auf, sondern auch in Deutschland. Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie ist verantwortlich für Einträge von Schwermetallen sowie per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) in die Umwelt. PFAS werden auch als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet, da sie sich von selbst kaum abbauen und langfristig in Böden, Gewässern und in der Nahrungskette anreichern. Hier können PFAS zu schwerwiegenden Schädigungen der Gesundheit und der Ökosysteme führen. Einige der Stoffe gelten als krebserregend und können das Immunsystem schädigen, Leberprobleme verursachen und zu Fettleibigkeit führen.
Hohe PFAS-Konzentrationen treten häufig in der Nähe von industriellen Chemiefabriken auf, wo die Chemikalien meist über das Abwasser in die Natur gelangen. Ein Beispiel ist die Belastung des Neckars in Bad Wimpfen. Über Jahrzehnte hinweg hat ein belgischer Chemiekonzern die als fortpflanzungsgefährdend eingestufte Ewigkeitschemikalie Trifluoracetat/Trifluoressigsäure (TFA) in den Fluss eingeleitet. Welche konkreten Auswirkungen diese und andere PFAS-Einträge auf Mensch und Umwelt haben, lässt sich bisher nur schwer abschätzen.
Ohne wirksame Beschränkungen könnten sich die Kosten für die Reinigung von PFAS-Verschmutzungen allein in Deutschland auf mehr als 17 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Die EU hat die Problematik erkannt und will die Verwendung von Ewigkeitschemikalien künftig umfassend beschränken. Gegen das PFAS-Verbot regt sich allerdings massiver Widerstand von Lobbyverbänden aus der Wirtschaft. Eine wichtige Rolle dürfte dabei spielen, dass Unternehmen voraussichtlich einen Teil der Kosten für die Beseitigung von PFAS-Verunreinigungen tragen müssten.
Kurzfristiger Profit schlägt Umweltschutz
Häufig verhindern eben diese wirtschaftlichen Erwägungen und die Angst vor Wettbewerbsnachteilen, dass Umweltschäden vermieden oder behoben werden. Während CO2‑Emissionen durch Regulierung und Bepreisung mit hohen Kosten verbunden sein können, fehlen für andere Umweltrisiken oft klare rechtliche Vorgaben und wirtschaftliche Anreize. Die Messung und Reduzierung von CO2-Emissionen zählt für viele Unternehmen mittlerweile zum geschäftlichen Alltag. So verfolgen weltweit bereits über 10.000 Unternehmen wissenschaftlich fundierte Klimaziele gemäß der „Science Based Target initiative“.
Dagegen sind Themen wie Luftverschmutzung, Entwaldung oder Gewässerschutz in den Unternehmensstrategien häufig nicht so stark verankert. In Bezug auf die Biodiversität „fördern viele politische Maßnahmen entweder schädliche Wirtschaftsaktivitäten oder verhindern positives Verhalten“, heißt es im aktuellen „Business and Biodiversity“-Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES zu den aktuellen Rahmenbedingungen. Zudem fehle es an wirksamen Anreizen und Sanktionen, um Unternehmen zu einem umfassenden Schutz der Biodiversität zu bewegen.
Zugespitzt kann man schlussfolgern, dass Umweltschutz oft erst auf lange Sicht profitabel ist und nachhaltig agierende Unternehmen kurzfristig im Wettbewerbsnachteil sind gegenüber solchen, die die Umwelt ausbeuten.
Regulierung und Bedeutung von Umweltrisiken nimmt zu
Langfristig lohnt sich Umweltschutz nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern Umweltrisiken gewinnen auch auf wirtschaftspolitischer Ebene an Bedeutung. Die seit 2023 in Kraft getretene Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verpflichtet betroffene Unternehmen in der EU zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nach klar definierten Standards. Neben Klimaschutz umfasst die CSRD auch die Themen Umweltverschmutzung, Wasserressourcen und Biodiversität. Sie hat somit das Potenzial, mehr Transparenz und eine bessere Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen zu schaffen. Die Offenlegung von ESG-Daten verspricht zudem wirtschaftliche Vorteile, beispielsweise bei der Finanzierung und Kreditvergabe. Laut einer Umfrage des Sustainability Transformation Monitor 2025 gehen rund 84 Prozent der Kreditinstitute davon aus, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzierung in Zukunft eine elementare Rolle einnehmen wird.
Ab Ende 2026 gilt außerdem die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR). Sie verpflichtet Unternehmen, Rohstoffe wie Soja, Palmöl oder Kaffee nur noch dann in die EU zu importieren, wenn diese „entwaldungsfrei“ sind. Entwaldungsfrei bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Rohstoffe nicht auf Flächen erzeugt worden sein dürfen, die nach dem 31. Dezember 2020 gerodet wurden.
Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) verlangt künftig von großen Unternehmen in der EU, Menschenrechts- und Umweltrisiken entlang ihrer gesamten Lieferkette zu achten. Dazu zählen auch der Schutz der Biodiversität, der Feuchtgebiete und der Meeresumwelt sowie weitere Umweltrechte.
Diese Regelungen sind mit Sicherheit nicht perfekt und weisen einige Schwächen auf. Dennoch bewegen sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mit ihnen in die richtige Richtung. Entscheidend wird sein, wie die Wirtschaft die Anforderungen künftig in die Praxis umsetzt.
Und auch unabhängig von der Regulatorik sind Unternehmen weiterhin gefragt, sich proaktiv für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen und darüber hinaus für den Umweltschutz in ihren Wertschöpfungsketten einzusetzen.
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