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ESG unter Druck: Wie Trumps Kulturkampf die Boni europäischer Konzernchefs verändert

Was in den USA als politischer Kulturkampf gegen Nachhaltigkeitsziele begann, verschiebt nun die globalen Kapitalmarktregeln. Europas Vorstandschefs spüren die Folgen unmittelbar: In ihren Bonusplänen verlieren Klima- und Diversitätsziele rapide an Gewicht. Eine neue Studie zu den 600 größten börsennotierten Unternehmen Europas belegt den Sinneswandel in den Aufsichtsräten.

19.03.2026

ESG unter Druck: Wie Trumps Kulturkampf die Boni europäischer Konzernchefs verändert

ESG – das Kürzel für Environment, Social, Governance – war einmal das Zauberwort der Finanzbranche. Heute ist es ein Reizwort. Bereits vor dem erneuten Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump zogen republikanisch regierte Bundesstaaten wie Florida und Texas Milliardenbeträge aus ESG-nahen Fonds ab und verklagten Vermögensverwalter mit dem Vorwurf, ihr Klimakurs schwäche Amerikas fossile Industrie. Der politische Druck zeigte rasch Wirkung: Finanzriesen wie BlackRock rückten von einer offensiven ESG-Rhetorik ab und verließen zentrale Klimainitiativen. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 hat sich dieser Anti-ESG-Kurs weiter verschärft: Klimavereinbarungen werden infrage gestellt, neue Öl-Deals forciert, Nachhaltigkeitsregeln gelockert.

Die Folgen sind messbar. In den USA flossen bereits 2022 und 2023 zweistellige Milliardenbeträge aus ESG-Fonds ab. Und selbst in Europa, das lange als Bastion nachhaltiger Geldanlage galt, drehten die Kapitalströme 2025 ins Minus. Laut einer aktuellen Umfrage unter britischen Finanzberatern halten nur noch neun Prozent ESG für einen sehr wichtigen Faktor bei Anlageentscheidungen. Ein Viertel der Befragten sagt, das Thema spiele überhaupt keine Rolle mehr.

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Was als amerikanischer Kulturkampf begann, verändert damit die globale Kapitalmarktlogik – und erreicht nun einen sensiblen Punkt: die Vergütung europäischer Konzernchefs. Eine aktuelle Studie der Vlerick Business School zu den Bezahlsystemen der 600 größten börsennotierten Unternehmen in Europa zeigt: Umwelt- und Governance-Ziele verlieren in den Bonusplänen der CEOs spürbar an Gewicht. Binnen einem einzigen Jahr sank der Anteil der Unternehmen, die Klimaziele in ihre Jahresboni einbauen, von 37 auf 28 Prozent. Noch drastischer fiel der Einschnitt bei den Diversitätszielen aus – ihr Anteil halbierte sich nahezu, von 18 auf nur noch sieben Prozent. Vorgaben zur nachhaltigen Ressourcennutzung gingen von acht auf drei Prozent zurück.

„In wirtschaftlich unsicheren Zeiten rückt das Thema Überleben in den Vordergrund – und Nachhaltigkeit hat es dann traditionell schwer.“

Xavier Baeten, Professor für Vergütung und Governance, Vlerick Business School

Geopolitische Spannungen, höhere Energiepreise und schwächeres Wachstum verschieben die Prioritäten in den Aufsichtsräten, erklärt Baeten, einer der Autoren der Studie. Dennoch rechnet er nicht damit, dass ESG ganz aus den Vergütungssystemen verschwindet. Stattdessen konzentrierten sich die Unternehmen stärker auf jene Nachhaltigkeitsthemen, die für ihre Widerstandsfähigkeit entscheidend seien. Für Industriekonzerne seien das insbesondere die Emissionsziele.

Deutschland spielt in der Studie eine besondere Rolle. Deutsche Vorstandschefs gehören zu den bestbezahlten in Europa: Im Durchschnitt verdienen sie 4,78 Millionen Euro jährlich und liegen damit auf Rang zwei hinter Großbritannien. Auffällig ist jedoch die Struktur: Deutsche CEOs erhalten im Vergleich besonders hohe Fixgehälter, während langfristige aktienbasierte Anreize weniger stark gewichtet sind als etwa im britischen System. Das hat direkte Folgen für die ESG-Debatte, denn je schwächer die variablen Vergütungsbestandteile ausfallen, desto begrenzter ist auch der Hebel für Nachhaltigkeitsziele. In stärker aktiengetriebenen Systemen lassen sich langfristige ESG-Vorgaben direkter mit den Vergütungsinteressen der Manager verknüpfen.

Entscheidend bleibt vor allem die Rolle der Aktionäre. Nach Beobachtung von Baeten ist die Aufnahme oder das Streichen von ESG-Zielen in Bonusverträgen vor allem eine Reaktion auf die Wünsche von Investoren. Einige hätten ihr Engagement zwar spürbar reduziert. Für die Mehrheit sei das Thema Nachhaltigkeit weiterhin wichtig. Und noch eine Beobachtung: Einige multinationale Unternehmen legten mittlerweile weniger ESG-Informationen offen, erklärt Baeten – offenbar um politische Gegenreaktionen zu vermeiden. Die Ziele seien nicht verschwunden. Sie stünden im aktuellen politischen Klima nur nicht mehr so stark im Rampenlicht – eine stille Anpassung an eine lautere Zeit.

Quelle: UD
 

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