Das EU-Omnibus-Paket baut auf einem gefährlichen Irrtum auf
Die EU hat mit dem Omnibus-I-Paket über 90 Prozent der Unternehmen von der Nachhaltigkeitsberichtspflicht befreit – im Namen der Wettbewerbsfähigkeit. Doch Experten, die Europäische Zentralbank und ein Investorenblock mit 6,6 Billionen Euro verwaltetem Vermögen widersprechen: Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Der Rückzug könnte Europa teuer zu stehen kommen.
25.03.2026
Ein Wort kehrt in der Begründung des EU-Omnibus-I-Pakets immer wieder: Wettbewerbsfähigkeit. Die EU-Kommission hat im vergangenen Monat offiziell jenes Vereinfachungspaket verabschiedet, das die Nachhaltigkeitsberichterstattung in Europa massiv zurückstutzt. Mehr als 90 Prozent der Unternehmen, die bislang unter den Geltungsbereich der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) fielen, sind damit künftig von den Berichtspflichten befreit. Das Paket ist eingebettet in die sogenannte „Competitiveness Compass“-Agenda der Kommission – einem politischen Rahmen, der Europas wirtschaftliche Stärke in den Vordergrund stellt.
Marilena Raouna, Zyperns Vizeministerin für Europäische Angelegenheiten, deren Land während der Abstimmung die rotierende Ratspräsidentschaft innehatte, kommentierte die Einigung mit den Worten: „Mit der heutigen Entscheidung erfüllen wir unser Versprechen für eine Europäische Union, die wettbewerbsfähiger ist.“ Auch der Europäische Rat präsentierte das Paket als Versuch, „die EU-Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“, indem Regeln vereinfacht und unnötige Verwaltungshürden für Unternehmen abgebaut würden. Die Botschaft dahinter: Nachhaltigkeitspflichten belasten, ihre Streichung befreit.
Vereinfachung ja – aber zu welchem Preis?
Dabei gibt es an der Grunddiagnose durchaus etwas Richtiges. Nachhaltigkeitsberichterstattung kostet Zeit, Budget und Expertise. Viele Fachleute in Nachhaltigkeitsabteilungen haben sich frustriert gezeigt, dass ein Großteil ihrer Energie in Dokumentation und Compliance fließt statt in konkrete Fortschritte. Die Unternehmenslobby hat dieses Argument konsequent genutzt: AmCham EU, der Lobbyverband amerikanischer Unternehmen in der EU, bezeichnete das Paket als „entscheidend für die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“ und als notwendige Voraussetzung dafür, dass Europa Investitionen anziehen und Wachstum generieren könne.
Laura Zizzo, Gründerin und Chief Strategy Officer von Manifest Climate, widerspricht diesem Framing jedoch grundlegend. In einer Analyse für ESG Today schreibt sie: „Nachhaltigkeit, insbesondere wenn sie mit Geschäftsstrategie und Finanzentscheidungen integriert ist, ist tatsächlich ein Treiber von Wettbewerbsfähigkeit.“ Unternehmen, die starke Governance, Effizienz und langfristiges Risikomanagement demonstrierten, würden vom Markt belohnt. Studien belegten, dass Investoren ESG-Kennzahlen als Proxy für Managementqualität nutzten und dass ein positiver Zusammenhang zwischen ESG und finanzieller Performance bestehe.
EZB und Investoren schlagen Alarm
Die Kritik an Omnibus I kommt nicht nur aus der Zivilgesellschaft. Die Europäische Zentralbank hat gewarnt, dass mehrere im Paket enthaltene Maßnahmen „die Transparenz für Investoren und andere Marktteilnehmer erheblich reduzieren“ würden. Noch deutlicher ist ein gemeinsames Statement von Eurosif, der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC) und den Principles for Responsible Investment (PRI): Über 200 Finanzakteure mit zusammen 6,6 Billionen Euro verwaltetem Vermögen warnen, dass eine Aufweichung zentraler Nachhaltigkeitsregeln die rechtliche Sicherheit schwäche und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit beschädige – also genau das Gegenteil dessen, was die Kommission bezweckt.
Diese Akteure argumentieren, dass politische Stabilität und hochwertige, vergleichbare Offenlegungen Voraussetzungen für eine effiziente Kapitalallokation seien. Wer die Berichterstattung im Namen kurzfristiger Entlastung schwäche, riskiere, Europas geschätzte jährliche Investitionslücke von 750 bis 800 Milliarden Euro für die grüne und digitale Transformation weiter zu vergrößern.
Das Risiko verschwindet nicht mit der Berichtspflicht
Zizzo trifft den Kern der Debatte mit einem nüchernen Befund: „Unternehmen, die aus dem CSRD-Geltungsbereich herausgefallen sind, müssen verstehen, dass die Aufhebung einer Berichtspflicht das zugrundeliegende Risiko nicht aufhebt.“ Klimabedingte physische Auswirkungen, Transitionsrisiken, Haftungsrisiken und Reputationsdruck blieben real, unabhängig davon, ob ein Unternehmen offiziell zur Offenlegung verpflichtet sei. Klimarisiken, Biodiversitätsverluste, fragile Lieferketten und soziale Instabilität seien keine theoretischen Bedenken, sondern operative und finanzielle Realitäten.
Die eigentliche Verschiebung, die das Omnibus-I-Paket auslöst, ist damit weniger eine regulatorische als eine strategische. Wenn Regierungen sich als Treiber des Wandels zurückziehen, fällt mehr Verantwortung auf Unternehmensführungen zurück. Zizzo formuliert es pointiert: „Wettbewerbsfähigkeit im Jahr 2026 wird nicht daran gemessen, wie wenig ein Unternehmen berichtet, sondern daran, wie gut es Risiken managt und die Chancen einer sich verändernden Wirtschaft und eines sich verändernden Klimas nutzt.“ Nachhaltigkeitsberichterstattung, richtig in die Finanzberichterstattung integriert, sei letztlich eine Übung in Risikoquantifizierung, Effizienzanalyse und Resilienzaufbau. Das Omnibus-Paket mag Bürokratie reduzieren. Ob es Wettbewerbsfähigkeit stärkt, ist eine ganz andere Frage.