11.12.2018

02.10.2018

Klimawandel

„Wir brauchen ein noch stärkeres Bewusstsein für den Klimawandel“

Ob Starkregen, Sturm oder Trockenheit – die Folgen des Klimawandels machen sich bei uns bemerkbar. Die Landwirtschaft leidet besonders darunter. UmweltDialog hat mit Ursula Heinen-Esser, Umweltministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, über das Klimaengagement in NRW gesprochen und wie sich die Landwirtschaft dem Klima anpassen muss.

Ursula Heinen-Esser
Ursula Heinen-Esser

UmweltDialog: Frau Heinen-Esser, in Deutschland hat es das gesamte Jahr über zu wenig geregnet. Das bedeutet weniger Ernteerträge in der Landwirtschaft, Getreide und Futter müssen importiert werden. Wem essen wir gerade die Ernte weg?

Ursula Heinen-Esser: In Nordrhein-Westfalen fielen in diesem Sommer laut Deutschem Wetterdienst mit rund 115 Litern pro Quadratmeter weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags von 240 Litern pro Quadratmeter. Letztmalig war es deutschlandweit lediglich im Jahr 1911 trockener. Betroffen sind vor allem Sommerkulturen wie Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben sowie insbesondere das Grünland. Hier ist mit erheblichen Ernteausfällen zu rechnen. Teilweise muss mit Mindererträgen von bis zu 75 Prozent gerechnet werden. 

Aber es gibt keine lineare Gleichung, dass diese 75 Prozent vom Weltmarkt importiert werden und dann woanders fehlen. Viele Landwirte haben vorgesorgt, andere sich gegenseitig unterstützt. Dies sind dann eher kleine Kreisläufe als die großen globalen Warenströme. Finanziell entschädigt werden die Betriebe, die massiv betroffen und bedürftig sind und die Ernteeinbußen von 30 Prozent und mehr zu verzeichnen haben.

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Im Rahmen der Agrarministerkonferenz von Bund und Ländern in Bad Sassendorf haben Sie sich auch über die Risikovorsorge und Klimafolgenanpassungen in der Landwirtschaft ausgetauscht. Was muss Ihrer Meinung nach in diesen Bereichen passieren, um die Landwirtschaft und unsere Lebensmittelversorgung abzusichern?

Heinen-Esser: Viele dachten lange Zeit, Klimawandel betreffe nur Inseln im Pazifik. Dem ist aber nicht so. Auch bei uns nehmen Extremwetterereignisse wie langanhaltende Trockenheit, Stürme und Starkregen zu. Viele Landwirte spüren das bereits seit einigen Jahren, etwa weil der Vegetationsbeginn immer früher startet. Ein Jahr wie dieses mit heftigen Stürmen zu Jahresbeginn und der anhaltenden Trockenheit wird immer weniger zum Ausreißer werden.

Wir brauchen ein noch stärkeres Bewusstsein für den Klimawandel. In der Pflanzenzucht werden wir auf klimaresistentere Pflanzen und Fruchtfolgen setzen müssen. Außerdem gilt es an der Risikoabsicherung zu arbeiten. Das hat zwei Komponenten: Die steuerliche Seite, also Instrumente zur Gewinnglättung und dem Risikoausgleich, und Versicherungslösungen. Bislang scheitert es beispielsweise an bezahlbaren Versicherungen zum Schutz vor Trockenheit.

Wichtig ist, die Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen, nur weil einzelne Regierungen ihre Prioritäten derzeit anders setzen.

Lang wurden die Pariser Klimaziele in Deutschland verfehlt. Was kann NRW als Bundesland dazu beitragen, um diesbezüglich wieder auf die Spur zu kommen?

Heinen-Esser: NRW hat früh auf die Änderung des Klimas reagiert und schon 2009 eine Anpassungsstrategie entwickelt, die auf Basis des Klimaschutzgesetzes im Klimaschutzplan NRW fortgesetzt und im Landesentwicklungsplan als Ziel aufgenommen wurde.

Der Klimaschutzplan ist auch für den Bereich Klimaanpassung die zentrale Handlungsstrategie des Landes. Wir müssen beides tun, und dies gleichzeitig: Wir müssen einerseits die Emissionen von Treibhausgasen, etwa im Energiesektor, dem Verkehr aber auch in der Landwirtschaft reduzieren. Andererseits müssen wir uns auf die Folgen des nicht mehr abzuwendenden Klimawandels einstellen.

Hier arbeiten wir in der Landesregierung Hand in Hand. Federführend für den Klimaschutz ist das Wirtschaftsministerium, für die Klimaanpassung das Umweltministerium. Die Umsetzung der Klimaanpassungsmaßnahmen erfolgt primär auf der kommunalen Ebene. Wir fördern – insbesondere im Rahmen von Aufrufen und Wettbewerben – Einzelmaßnahmen und Konzepte und darüber hinaus wissenschaftliche Untersuchungen, Bildung, Vernetzung und Kommunikation. Die Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen im bebauten Bereich erfolgt integriert in andere Maßnahmen, beispielsweise in der Städtebauförderung oder der Förderung der Grünen Infrastruktur.

Generell benötigen wir eine integrierte Betrachtungsweise in der Umweltpolitik. Nehmen wir das Beispiel der Verkehrsemissionen. Derzeit steht insbesondere Stickstoffdioxid im öffentlichen Fokus. Aber was bedeutet die Diesel-Debatte für den Klimaschutz? Noch vor wenigen Jahren wurde gesagt, wer auf Klimaschutz setze, müsse sich einen verbrauchsarmen Diesel-Pkw kaufen. Wenn jetzt alle wieder aus Angst vor Fahrverboten auf einen Benziner umsteigen, kann dies für den Klimaschutz kontraproduktiv sein. Egal ob in der Mobilität oder dem Energiemarkt – wir benötigen integrierte Ansätze, nachhaltige Konzepte und Technologien der Zukunft.

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In diesem Jahr findet die 24. UN-Klimakonferenz in Kattowitz in Polen statt. Polen gilt nicht gerade als Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Was erwarten Sie also von dieser Konferenz?

Heinen-Esser: Wichtig ist, die Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen, nur weil einzelne Regierungen ihre Prioritäten derzeit anders setzen. Ebenso wichtig wie ressortübergreifendes Handeln ist ein gemeinsames Vorgehen von Europäischer Union, Bund und Bundesländern.

Nehmen wir den Hochwasserschutz: Große Flüsse durchziehen meist mehrere europäische Länder. Eine wichtige Klimaanpassung ist die Rückverlegung von Deichen, um bei 100- oder 1.000-jährigen Hochwässern – also Spitzenhochwässern – genügend Raum zu haben, um die Scheitelwellen in die Fläche zu verteilen. Hier benötigt man ein abgestimmtes Handeln aller Flussanrainerstaaten.

Das Pariser Klimaübereinkommen war ein Meilenstein des Multilateralismus. Und auch wenn die Klimadiplomatie etwa der USA derzeit eher bremst als antreibt: Auch in Amerika gibt es zahlreiche Unternehmen, die am Zukunftsmarkt klimafreundlicher Strategien und Technologien teilnehmen wollen. In diesem Markt ist eine große Wachstumsdynamik. Wer jetzt stehen bleibt, stellt sich künftig hinten an.

Vielen Dank für das Gespräch!

Im zweiten Teil des Interviews spricht Frau Heinen-Esser vom MULNV NRW über Mobilität und die Verkehrswende, speziell über die Umrüstung von Dieselfahrzeugen. 

Quelle: UmweltDialog
 

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