21.01.2019

16.08.2018

Politik & Gesellschaft

Wenn die Heimat wiederkehrt

Das globale Dorf verliert langsam seinen Reiz. Schlagwörter wie Relokalisierung oder „Glokalisierung“ benennen das Bedürfnis, sich wieder stärker in der Heimat zu verorten. Viele Unternehmen haben das erkannt und machen sich für ihre jeweilige Region stark. Was bedeutet aber Regionalität im Zeitalter von Digitalisierung?

Wenn die Heimat wiederkehrt

Es funkelt und schimmert golden, wenn man das Portal der St.-Marien-Kirche inmitten von Uelzen durchschreitet. In einer Wandnische thront das Wahrzeichen der Kreisstadt und erinnert an vergangene Hansetage: das goldene Schiff. Um die Herkunft der historischen Kostbarkeit ranken sich abenteuerliche Mythen. Vielleicht ist es das Geschenk der englischen Königin an einen Uelzener Kaufmann aus dem 15. Jahrhundert, der bei ihr in der Gnade stand? Fest steht: Das Schiff ist das Relikt einer Epoche, die romantische Vorstellungen von Abenteuern weckt. Vor allem aber von wirtschaftlichem Erfolg. Fest steht auch: Diese Zeiten sind lange vorbei.

Die Region Uelzen kämpft seit Jahren um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Unzureichende Infrastruktur, horrende kommunale Verschuldung, verpasste Digitalisierungschancen – der typische Dreiklang für ländliche, periphere Wirtschaftsstandorte. „Jemand hat zu mir gesagt: Wenn du was werden willst, musst du von hier weggehen“, erzählt Tanja Neumann, Inhaberin der Glaserei „Heideglas Uelzen“, gegenüber der Bertelsmann Stiftung. „Das war für mich der ausschlaggebende Punkt. Da haben wir uns gesagt: Wir sind hier zu Hause. Und wir wollen auch den Nachwuchs hier halten.“

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Im Falle von Heideglas Uelzen scheint das zu gelingen. Das Unternehmen unterstützt ortsansässige Verbände und Vereine, kümmert sich um Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Der Verein „Unternehmen für die Region“ kürte die Glaserei deshalb kürzlich zusammen mit der Bertelsmann Stiftung zum „guten Beispiel 2018“. Die Auszeichnung hebt kleine, mittlere und familiengeführte Unternehmen hervor, die sich regional engagieren. Das ist in strukturschwachen Gebieten längst nicht selbstverständlich.

Zurück zu den Wurzeln

Dennoch, Heimat, Tradition und regionale Verbundenheit haben wieder Konjunktur. Das Institut für Demoskopie Allensbach fand in einer aktuellen Umfrage heraus: Den Begriff „Heimat“ verbinden die Deutschen eher mit einer regionalen als einer nationalen Identität. Trotz aller beschworenen Bilder der „Welt als Dorf“ macht das Sinn. Schließlich wohnt die Mehrheit der Deutschen in kleinen und mittleren Städten. In einer Großstadt mit über 100.000 Einwohnern lebt nicht einmal jeder dritte. Kosmopolitismus sieht anders aus. Soziologen haben bereits den Begriff der „Glokalisierung“ geprägt: global unterwegs, lokal zu Hause.

Die Mehrheit der Deutschen wohnt in kleinen und mittleren Städten.
Die Mehrheit der Deutschen wohnt in kleinen und mittleren Städten.

Auch das Schreckgespenst „Landflucht“ scheint derzeit an Bedrohlichkeit zu verlieren. Nach dem Bundesinstitut für Bevölkerungswachstum zogen 2014 erstmals mehr Menschen aus den sieben größten deutschen Städten fort als hinzu.

Ökonomisch spricht einiges für eine Fortsetzung dieses Trends. Wohnen in den Städten wird schlichtweg zu teuer. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft gilt bereits jetzt jeder fünfte Bewohner einer deutschen Großstadt als kaufkraftarm. 25 bis 45 Prozent ihres Einkommens bezahlen Städter allein für die Miete. Auf dem Land sind es oftmals nur zehn Prozent.

Auch regional eine Marke

Die Standorte abseits der urbanen Ballungszentren bestehen nicht nur aus vom Strukturwandel vergessenen Wirtschaftsruinen. Zahlreiche erfolgreiche Großunternehmen haben ihren Sitz in der Provinz und tragen zu einer gelungenen Identifikation mit ihrer Region bei. So auch der Hersteller von Haushalts- und Gewerbegeräten Miele. Als einer der größten Arbeitgeber der Region ist Miele traditionell eng mit dem Standort Gütersloh und der Heimatregion Ostwestfalen-Lippe (OWL) verbunden.

Diese Werksfahrräder können die Mitarbeiter auf dem Gütersloher Betriebsgelände benutzen.

Das gesellschaftliche Engagement von Miele erstreckt sich vor allem auf drei Schwerpunktbereiche: Jugend und Familie, Bildung sowie Kultur. Dies gilt nicht nur für das Unternehmen selbst, sondern auch für die gleichnamige Stiftung, die seit 1974 besteht. In der Satzung der Stiftung wird explizit das Gemeinwohl der Stadt Gütersloh als Förderziel aufgeführt. Konkret zeigt sich das Engagement in zahlreichen Projekten: Bereits seit 1976 finanziert die Miele-Stiftung beispielsweise die Gütersloher Ferienspiele für Kinder von 5 bis 17 Jahren. Über 100 Programmpunkte wurden in den Sommerferien 2016 als Betreuungsmöglichkeit für die Kinder und Jugendlichen angeboten – von Programmierworkshops über Skatekurse bis zu Ausflügen auf den Tierschutzhof. Das Engagement kommt nicht zuletzt bei den Mitarbeitern gut an. Eine Umfrage unter den Mitarbeitern des Unternehmens ergab, dass 89 Prozent der Belegschaft stolz darauf sind, bei Miele zu arbeiten.

Innovative Personalkonzepte

Die kulturelle und wirtschaftliche Strahlkraft der urbanen Zentren lässt derzeit noch viele kleine und mittlere Unternehmen mit Personalmangel zurück. In der Personalentwicklung sind neue Ideen erforderlich. Die Deutsche Bahn hat vorgemacht, was auch regional gelingen könnte: Angehende Azubis müssen sich ab Herbst nicht mehr mit einem Anschreiben bewerben. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen“, sagt dazu Carola Hennemann, Personalerin bei der Deutschen Bahn. Sogar die Bewerbung mit einem 30-sekündigen Video über das Berliner Start-upJobUFO ist möglich.

Das Beispiel zeigt: Für eine gelungene Verschmelzung der einstigen Gegensätze Regionalisierung und Globalisierung sind Innovationen erforderlich. Daniel Dettling, Gründer des Thinktanks „re:publik – Institut für Zukunftspolitik“, schreibt dazu in einem Zeit-Artikel: „Gefragt sind innovative Gesamtstrategien für die Zukunftsthemen Digitalisierung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, neues Arbeiten und Tourismus. Voraussetzung ist eine bessere Infrastruktur und Anbindung der ländlichen Regionen, Klein- und Mittelstädte an die Metropolen.“ Gelingt dies, könnten auch für strukturschwache Regionen wie Uelzen wieder goldene Zeiten anbrechen.

Quelle: UmweltDialog
 

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