11.12.2018

16.03.2016

Politik & Gesellschaft

Die Zukunft gestalten – Rolle von Unternehmen bei sozialen Innovationen

Beschleunigte Veränderungsdynamiken in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Umwelt stellen uns vor neue Herausforderungen. Ob Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt, eine im europäischen Kontext wachsende soziale Ungleichheit oder aktuell die Integration der Flüchtlinge aus Krisengebieten: etablierte Steuerungs- und Problemlösungsroutinen stoßen entweder an ihre Grenzen, oder bedürfen massiver Ausweitung um Ressourcen.

Die Zukunft gestalten – Rolle von Unternehmen bei sozialen Innovationen zoom

Ohne den Einsatz tausender Freiwilliger – der Zivilgesellschaft, wäre die Flüchtlingskrise bis dato nicht zu bewältigen gewesen. Und nur mithilfe der Unternehmen wird die Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt und somit in die Gesellschaft gelingen. Zahlreiche Initiativen – unter anderem der Business Action Pledge in Response to the Refugee Crisis des UNGC – zeigen, dass Unternehmen ihre Rolle als Mit-Gestalter von gesellschaftlichen Veränderungen ernst nehmen, und sich den Herausforderungen stellen.

Und es geht bei der bewussten Gestaltung des gesellschaftlichen Umfelds des Unternehmens nicht um philanthropisches oder altruistisches Verhalten, sondern es liegt im ureigensten Interesse der Unternehmen. Denn die oftmals dichotome Wahrnehmung von Eigeninteresse und Moral löst sich dadurch auf, dass es - bleiben wir beim Beispiel der Flüchtlingsproblematik – um Investitionen in eben jene Bedingungen geht, die die langfristige gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil fördern. Unternehmen sollten also selbst die Bedingungen mitgestalten, um Arbeits- und Fachkräftemangel zu begegnen.

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Unternehmen und soziale Innovationen

Soziale Innovationen entstehen immer dann bewusst oder unbewusst, wenn genau ein solcher Tatbestand eintritt: Wenn, wie im Falle der Flüchtlingskrise, mehrere Partner zur Lösung einer Herausforderung beitragen können und müssen. Wenn neben staatlichen Anstrengungen auch die Zivilgesellschaft und Unternehmen massiv gefragt sind. Das Problemlösungspotenzial, das durch die systematische Entwicklung sozialer Innovationen durch Unternehmen und anderen Akteuren der Gesellschaft freigesetzt werden kann, trägt – in Anlehnung an den beschriebenen Ansatz - sowohl dazu bei, soziale Veränderungen positiv zu gestalten, wie sich auch als marktschaffendes Instrument für das Unternehmen zu entwickeln.

Dieser Rolle von Unternehmen bei sozialen Innovationen widmet sich die Bertelsmann Stiftung in einer laufenden Studie. Dafür wurden 42 Experteninterviews mit Personen aus Unternehmen und Wissenschaft, von Think Tanks und NGOs, sowie von Netzwerken und Verbänden geführt. Als Grundlage der Untersuchung fungieren Überlegungen der Young Foundation, die einen spiralförmigen Prozess von sozialer Innovation beschreibt, beginnend mit Diagnose bzw. der Inspiration, was eine spezifische Problemlage oder eben ein Marktversagen sein kann. Darauf aufbauend wird in einer zweiten Stufe die Idee entwickelt. Auf der dritten Stufe wird die Idee in der Praxis getestet, es kommt sozusagen zu einem Austesten der möglichen Lösung mit der Realität. Wenn dieser Test erfolgreich war, findet die Idee Eingang als soziale Praktik, was Stufe vier darstellt. Entscheidend für die Wirkung ist Stufe fünf, bei der die Praktik skaliert und weiterverbreitet wird, erreicht sie eine größeren Anzahl von Personen, die, die Innovation internalisieren und in ihren jeweiligen Kontexten anwenden, ist eine gute Ausgangslage für die Erreichung der sechsten Stufe geschaffen. Schafft die Innovation bis Stufe sechs zu kommen, kommt es zu einer systemischen Veränderung: die neue soziale Praktik hat Eingang in das Alltagsleben der Mehrheit der Bevölkerung gefunden.

Die ersten Ergebnisse der Studie der Bertelsmann Stiftung deuten darauf hin, dass bereits eine Vielzahl von Unternehmen die Chancen von sozialen Innovationen bewusst nutzen. So zeigt sich, dass insbesondere große Unternehmen über meist branchenübliches Corporate Social Responsibility (CSR)-Verhalten hinaus, eine Palette von Einzelmaßnahmen, Initiativen und Projekte auf den Weg bringen, über die gesellschaftliche Herausforderungen angegangen werden. Dies kann ein Projekt zur handygestützten Versorgung von Kleinbauern in Indien mit dringend benötigten Informationen sein, es können aber auch Kollaborationen von Pharmafirmen sein, die es schaffen, durch Ressourcenpooling ein dringend benötigtes Medikament in einem Zehntel der vorher veranschlagten Zeit herzustellen.

Managerin und Business People stehen in einer Reihe.

Einbringen von Kompetenzen

Ansätze von sozialen Innovationen können auf fast allen Stufen der beschriebenen Spirale entdeckt werden, wobei Unternehmen entlang jeder Stufe einen wesentlichen Beitrag zur Skalierung sozialer Innovationen leisten können. Im Gegensatz zu Politik und Zivilgesellschaft – die ebenso unterstützend wirken können - haben Unternehmen ganz spezifische Eigenschaften und Kompetenzen. Sie bringen ganz andere Denkweisen mit und verfügen über Spezialwissen in ihrem angestammten Betätigungsfeld, welches sie in ihrer Branche, in ihrem Sektor entwickelt haben. Im besten Fall sind die neuen Praktiken eng an das Kerngeschäft von Unternehmen gebunden, sodass eine intrinsische Motivation handlungsleitend ist.

Naturgemäß entfernt sich die soziale Innovation von ihren Schöpfern je weiter es in Richtung systemischer Veränderung geht, die Innovation wird selbstständig, sie „fliegt“. Vielleicht auch deshalb haben wir bisher kaum soziale Innovationen beobachten können, die von Unternehmen bis an diesen Punkt begleitet wurden. Somit wird gesellschaftliche Wirkung wie auch etwaige Marktchancen verspielt. Ein möglicher Handlungsansatz für eine stärkere Verbindung eines Unternehmens mit einer sozialen Innovation, wäre die Definition eines gesellschaftlichen (sozialen) Ziels durch das Unternehmen von Beginn an, sowie das kontinuierliche Monitoring der Zielerreichung auf gesellschaftlicher Ebene.

Partnerschaften

Was von allen Verantwortlichen in den Interviews betont wird, sind Partnerschaften als Basis jedweder Innovation - und es können verschiedenste Arten von Partnerschaften sein. Angefangen mit branchenweiten Zusammenschlüssen um bestimmte Qualitätsstandards in der Lieferkette zu verankern, über branchenübergreifende Kooperationen, die bspw. das Thema Jugendarbeitslosigkeit in Europa gemeinsam bekämpfen, und schlussendlich ein bestimmtes - sehr gut funktionierendes - Ausbildungssystem international verbreiten. Oder es werden Partnerschaften mit supranationalen Institutionen oder NGOs eingegangen, um in Schwellen- und Entwicklungsländern Existenzgründer mit dem nötigen Wissen zu versorgen, ihr Unternehmen aufzubauen. All diese Initiativen zielen auf ein bestimmtes Problem ab, und versuchen durch Ressourcenbündelung eine Änderung, d.h. eine Lösung zu erreichen.

Wichtig bei Partnerschaften scheint, dass Unternehmen weg von einfachem „Sponsoring“ hin zu Partnerschaften „auf Augenhöhe“ tendieren, da dadurch die die gegenseitige Expertise des jeweils anderen sowohl geschätzt als auch für das eigene Unternehmen nutzbar gemacht werden kann.

Social Entrepreneurs

Besonders sichtbar wird die Rolle von Unternehmen als Katalysator bei einer bestimmten Form von asymmetrischen Partnerschaften: der Zusammenarbeit mit Social Entrepreneurs. Diese zeichnen sich zumeist dadurch aus, dass ein soziales Problem gelöst werden soll, der Profitgedanke kommt frühestens an zweiter Stelle. Den oftmals jungen Unternehmern fehlt es nicht an guten Ideen, sondern an Kompetenzen und Ressourcen, ihre Idee groß zu machen, sie zu skalieren. Die Kompetenzen dafür bringen Unternehmen mit: Erfahrung, Know-how und ein Netzwerk. Was dabei oft vergessen wird: die Erfahrung, die Mitarbeiter machen wenn sie mit Social Entrepreneurs zusammenarbeiten fließt direkt in das Unternehmen zurück und öffnet das Unternehmen für neue Ideen. Somit erwerben Social Entrepreneurs nicht nur von Unternehmen Kompetenzen, sondern Unternehmen können von den innovativen Ansätzen, die bereits Bestehendes oftmals in Frage stellen, eine Menge lernen. Sich Lernprozessen bewusst auszusetzen, also systematisch eine Strategie der Offenheit und des Transfers von Kompetenzen zu fahren, stellt eine Herausforderung für Unternehmen dar, dessen positive Wirkung nicht zu unterschätzen ist.

Worauf warten?

Grundlegend geht es um die Rolle von Unternehmen als Mitgestalter von Gesellschaft: denn in dem Maße, dass zukünftige Veränderungsprozesse nur von allen, also Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in enger Partnerschaft gestaltet werden können, müssen die drei großen Partner ihre spezifischen Kompetenzen in neue Partnerschaften einbringen. Vor allem im Bereich sozialer Innovationen können verschiedenste Arten von Partnerschaften zwischen Unternehmen, der Politik und zivilgesellschaftlichen Organisationen sowohl einen erheblichen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert generieren, als auch speziell für die einzelnen Partner. Erste Ansätze dazu gibt es bereits, und der Bedarf an sozialen Innovationen scheint aktuell vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise mehr als gegeben.

Dieser Beitrag erschien im Original im Jahrbuch Global Compact Deutschland 2015.

Quelle: UD
 

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